«Eschers Onkel soll mit einer Sklavin ein Kind gezeugt haben»

Zürich feiert den 200. Geburtstag von Alfred Escher. Für Historiker Bernhard C. Schär ist er nicht nur der strahlende Pionier.

Er war ein gewiefter Unternehmer: Alfred Escher gründete unter anderem die Schweizerische Kreditanstalt (die heutige Credit Suisse).

Er war ein gewiefter Unternehmer: Alfred Escher gründete unter anderem die Schweizerische Kreditanstalt (die heutige Credit Suisse). Bild: Keystone

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Die ETH feiert heute zusammen mit dem Regierungsrat und der Alfred-Escher-Stiftung den 200. Geburtstag ihres ­Gründers. Auch für Sie ein Grund zu feiern?
Die Politik setzt solche Jubiläen, nicht wir Historiker – so war es schon mit Marignano. Wenn man Escher als Pionier feiert, ist das die klassische Geschichtsschreibung der grossen weissen Männer.

Was stört Sie daran?
Interessanter wäre Globalgeschichte: Wie die Schweiz durch Alfred Escher, seine Bank, die Politik und die ETH eingebunden wurde in die damalige Weltwirtschaft, die wesentlich auf Kolonialismus, Sklaverei und Zwangsarbeit beruhte. Wenn Escher uns zu verstehen hilft, weshalb wir als seine Nachfahren mit den Nachfahren der Sklavinnen auf Haiti, der Zwangsarbeiter auf Java und der Widerstandskämpfer im kolonialen Algerien eine gemeinsame Vergangenheit teilen, dann finde ich das Jubiläum sinnvoll.

Sie verderben die Festfreude. Soll man an solchen Jahres­tagen tatsächlich von Sklaverei und Zwangsarbeit reden?
Sicher, das spielte eine wesentliche Rolle. Der Eisenbahnbau in der Schweiz wurde mit französischem Kapital finanziert, das auch während der Sklavenwirtschaft entstand. Mit diesem Geld und dem Finanz-Know-how wurden die damaligen Kreditanstalten aufgebaut. Das war nicht ein Problem der Einzelfigur Escher, womöglich war er sich dessen gar nicht bewusst. Aber fast jeder Aspekt des damaligen Lebens war mit Sklaverei verbunden: die Kaffeehäuser, Baumwolle, Zucker, Tabak und so weiter. Und die Schweiz war das europäische Land, das Sklaverei am längsten guthiess.

Bernhard C. Schär (43) ist Historiker an der ETH Zürich. Foto: PD

Warum tut sich die Schweizer Geschichtsschreibung bis heute schwer damit?
Sie ging lange davon aus, dass die Geschichte der Modernisierung in Europa entstand, speziell auch in seinem Herzen, der Schweiz, und von dort in die Welt verbreitet wurde. Das verstellt den Blick darauf, dass das, was in den Kolonien geschah, auf die Schweiz zurückwirkte. Aber da ist in der Forschung jetzt ein Umdenken im Gang.

Vielleicht wollen wir uns mit dem doppelten Vorhang zwischen der Schweiz und Europa sowie Europa und den Kolonien vor neuer Selbstkasteiung schützen?
Wer ist wir? Die Rechten brauchen Geschichte zur Bildung nationaler Mythen, die Linken kritisieren sie, aber bleiben oft selber im eurozentrischen Rahmen. Die Liberalen sehen die Schweiz als Pioniernation in der Welt, arm an natürlichen Ressourcen. Schweizer gingen demnach aus Not in die Welt hinaus, schufen Arbeitsplätze und Absatzmärkte und halfen mit, diese Gebiete zu entwickeln. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere ist, dass sie als Söldner und Offiziere in Kolonialarmeen kämpften, auf Plantagen Sklaven hielten, Handel mit Kolonialwaren betrieben und die beiden grossen Säulen des Kolonialsystems mittrugen: Rassismus und Ausbeutung.

Das ist die andere Geschichte der Familie Escher, die ja auch verarmt war?
Ja, ihre Plantage auf Kuba wird aus dieser Sicht zum Schauplatz der Zürcher Geschichte, in der die Sklavinnen und Sklaven zu Akteuren werden. Der deutsche Sklavereiforscher Michael Zeuske geht davon aus, dass Eschers Onkel mit einer Sklavin auf Kuba ein Kind zeugte – sie wäre folglich eine Cousine von Alfred Escher. Der Onkel befreite sie und ihre Mutter vor seinem Tod. Vielleicht leben inzwischen Nachfahren dieses illegitimen Kindes in der Schweiz? Das ist die Geschichte der Migration. Sie zeigt, weshalb wir und die Fremden Teil derselben Geschichte sind. Wenn wir das begreifen, ist es ein Jubiläumsfest wert.

Ein Hardcore-Rassist aber war Escher nicht. Die NZZ verteidigte damals ja auch die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten. Bernhard C. Schär, Historiker

Der stellvertretende italienische Ministerpräsident Matteo Salvini machte Frankreich wegen seiner einstigen ­Kolonien in Afrika für die heutige Migration ­mitverantwortlich. Richtig?
Nein. Die Kolonisation war stets ein gesamteuropäisches Projekt und Italien mittendrin beteiligt. Salvini hätte folglich auch Libyen und Eritrea erwähnen müssen und die italienischen Söldner in der französischen Kolonialarmee. Ausserdem ist die grosse Migration heute innerafrikanisch, und nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge kommt nach Europa. Aber der Kolonialismus hat schon damit zu tun, einerseits, indem er willkürliche Grenzen zog, andererseits, indem er das Traumbild des weissen Europäers schuf. Kein Wunder, prägt es auch in vielen ehemaligen Kolonien das Schönheitsideal bis heute.


Video: Erkennen die Passanten Alfred Escher?

Heute vor genau 200 Jahren kam eine Schlüsselfigur der Zürcher Geschichte zur Welt. Video: Anja Stadelmann


Escher-Biograf Joseph Jung vergleicht die Sklaven auf Kuba mit den Knechten in der Schweizer Landwirtschaft. Teilen Sie seine Auffassung?
Das verharmlost die Sklaverei. Knechte wurden nie über den Atlantik verschleppt, ihrer Sprache, Kultur und Identität beraubt, in Ketten gehalten oder willkürlich getötet. Selbst Untertanen und Leibeigene hatten in der Schweiz gewisse Rechte. Ausserdem wurden Untertanenverhältnisse hier im 19. Jahrhundert ja abgeschafft.

Durfte man von einem Liberalen wie Escher erwarten, dass er sich über die Sklaverei empört? Oder verlangen wir da aus heutiger Sicht zu viel?
Ich weiss nicht, ob sich Escher als Nationalrat in der damaligen Debatte über die Schweizer Sklavenhalter in Brasilien geäussert hat. Aber sicher wies er jede Kritik an der Sklavenhaltung seiner Familie als politische Schlammschlacht zurück. Ein Hardcore-Rassist aber war er nicht. Die NZZ verteidigte damals ja auch die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten. Das war die Haltung im liberalen Kleinstaat, in dem man sich davor scheute, zu den grossen globalen Themen Stellung zu nehmen – vordergründig argumentierte man mit der Neutralität, hintergründig traf es sich ganz gut mit den wirtschaftlichen Interessen.

Schweizer Söldner waren an fast allen europäischen Kolonialkriegen beteiligt.Bernhard C. Schär

Ähnlich wie heute gegenüber Saudiarabien?
Genau. Nach dem Fall Kashoggi war die Schweiz zu einer öffentlichen Reaktion gezwungen, aber inzwischen gehört sie zu den ersten Staaten, die zum Normalzustand übergehen wollen. Da stehen zu viele Investitionen auf dem Spiel, und Saudiarabien ist ein zu wichtiger Markt.

Gab es damals in der Schweiz Kritiker der Sklavenarbeit?
Ja, sicher, aber weniger von liberaler als von religiöser Seite – und natürlich von den schwarzen Menschen selbst.

Escher hätte sich auch als Wirtschaftsliberaler für die freie Arbeitskraft aussprechen müssen.
Klar, aber Liberalismus und Aufklärung sind Ideale. Mit der Französischen Revolution war die Sklavenarbeit längst nicht beendet. Der Sklavenaufstand 1791 auf Haiti war in dieser Hinsicht viel konsequenter: Dort ging es um die Freiheit aller Menschen.

Die Schweiz war selber nie Kolonialmacht. Erklärt das, weshalb man hier den Vorwurf der Sklavenarbeit für ­besonders ungerecht hält? ­Schliesslich waren wir ja nie direkt an Kolonialkriegen und Genoziden beteiligt.
Schweizer Söldner waren an fast allen europäischen Kolonialkriegen beteiligt. Rund 8000 Schweizer kämpften im 19. Jahrhundert in der holländischen Kolonialarmee, etwa 30000 in der französischen, viele auch in der britischen. Auch die Behörden legten sich schwer für sie ins Zeug. Im Kanton Zürich übrigens auch Gottfried Keller. Als Staatsschreiber organisierte er Pensionszahlungen für Veteranen aus Indonesien. Das alles ging völlig vergessen.

Gottfried Keller ist im selben Jahr geboren wie Alfred Escher und wird dieses Jahr auch gefeiert – war dieser grosse Schweizer Dichter kritisch gegenüber den Kolonialkriegen?
Nicht wirklich. Als Staatsschreiber war er für die Dossiers besorgt, in denen die Gemeinden von verstorbenen Zürcher Söldnern belegten, dass es hier Nachfahren gab. Als Schriftsteller hatte er ein paar­ Jahre zuvor den Roman «Pankraz der Schmoller» veröffentlicht. Seine Hauptfigur kämpfte als Söldner in Britisch-Indien und Französisch-Algerien und kehrte reich zurück. Für arme Schweizer Männer wirkte das wie ein Versprechen: Wenn du dorthin ziehst, kannst du reich zurückkommen. So hielt sich das Söldnertum in der Schweiz bis weit ins 19. Jahrhundert, dabei warteten auf viele Krankheit und Tod.

Keller zeichnet Pankraz als Person mit schwachem Selbstwertgefühl, schwer kommunikationsgestört – eine solche Figur soll Vorbild gewesen sein?
So sah es zumindest Keller. Der Roman endet mit: «Die Moral von der Geschichte sei einfach, dass er in der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des Schmollens entwöhnt worden sei.» An anderer Stelle sagt Keller, Pankraz sei als «nützlicher Mann» heimgekehrt. Wenn selbst ein Verlierertyp wie Pankraz durch Kolonialdienste, Gewalt gegenüber «Wilden» und «wilden Tieren» als geläuterter, vermögender «echter Mann» seinen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft findet, muss es für alle möglich sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2019, 06:50 Uhr

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