Feierabend bei Vespa-Max

Ein Leben lang reparierte Max Bertschinger in Altstetten Roller – und hat in seiner Garage die Zeit angehalten.

Erste Adresse bei Zürcher Vespa-Fahrern: Max Bertschinger in seiner Werkstatt in Altstetten. (Foto: Urs Jaudas)

Erste Adresse bei Zürcher Vespa-Fahrern: Max Bertschinger in seiner Werkstatt in Altstetten. (Foto: Urs Jaudas)

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An der Flurstrasse, bei der Tramhalte­stelle Kappeli in Altstetten, steht ein Block, frisch gestrichen, aber doch etwas aus der Zeit gefallen. Das erste Wohngeschoss liegt im Hochparterre, und dort, wo in neuen Häusern ein Strassencafé liegt, präsentiert dieses Haus graue Garagentore. Dahinter geht in diesen Tagen eine Ära zu Ende. Wer eintritt, trifft zwar noch immer auf den Mann mit der Glatze und dem grauen Haarkranz. Doch vor Heiligabend hat das Ein-Personen-Unternehmen Max Bertschinger seinen letzten Arbeitstag.

Wie die letzten 38 Jahre steht der Firmenchef auch kurz vor dem endgültigen Feierabend vor einem aufgebockten Roller und schraubt in Windeseile den Motor auseinander. Nie haben ihn Zürichs Vespa-Fahrer anders gesehen. Im Über-gwändli, mit schwarzen Fingern und einem Lächeln im Gesicht. «Nach so langer Zeit tut das Ende natürlich weh», sagt Bertschinger und fährt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Doch rasch schiebt er nach: «Es ist auch eine Erleichterung. In meinem Alter frisst dieser Job einfach zu viel Lebensenergie.» Im Januar wird Bertschinger 64, begonnen hat er mit 25 – in der Nachbargarage, kaum 27 Quadratmeter gross. Für 18'000 Franken hatte er die dortige Töffwerkstatt samt Kundenstamm gekauft.

Aufbruch in die grosse Freiheit

Angefangen hat die Firmengeschichte eigentlich sechs Jahre früher in Höngg, wo Bertschinger aufgewachsen ist. Es waren die goldenen 70er-Jahre, als die Jugend dabei war, sich die Welt zu erobern. In Zürich herrschte Flower-Power. Deep Purple, Jimi Hendrix, Steppenwolf und die Stones hatten auch das junge Höngg mutig gemacht. Und so beschlossen Max Bertschinger und drei seiner Freunde, mit ihren Vespas in die grosse Freiheit aufzubrechen. Bertschinger hatte eben seine Maschinenmechanikerlehre abgeschlossen und ein bisschen Erfahrung im Töffli-Frisieren. Nachdem die vier ihre Vespas blau gespritzt und die breiten Radkappen mit gelben Wespen verziert hatten, fuhren sie in ihren Armeejacken los. «Wir waren völlig unbeschwert. Sorgen machten sich nur unsere Mütter.»

So kennen ihn seine Kunden: Max Bertschinger bei der Arbeit – schwarze Finger inklusive. Foto: Doris Fanconi

Die Reise führte über den Balkan, in die Türkei, dann in den Orient nach Afghanistan und Pakistan, wo die vier häufig unter dem Sternenhimmel übernachten, und schliesslich an die Hippiestrände von Goa. Es war das Abenteuer ihres Lebens, und dazu lernte Max Bertschinger auch seinen Töff viel besser kennen. Heute spricht er von «einer Liebe», die auf der Seidenstrasse begonnen habe: «Vespas sind nicht nur schön, sondern auch zuverlässig. Nie haben sie uns im Stich gelassen.»

Nach 13 Monaten und einer Rückreise über Afrika war er wieder in Höngg. Sein Leben hatte einen anderen Rhythmus, und seine Philosophie lautete: Sei eigenständig und arbeite, aber nur so viel, dass du davon leben kannst. Und weil er nicht viel zum Leben brauchte, musste er auch nicht viel arbeiten. Am Anfang versuchte sich Bertschinger am Tech in Rapperswil. Doch die Ausbildung zum Maschineningenieur hatte das falsche Tempo: «Ich musste einsehen, dass die Anforderungen zu hoch waren. In Mathematik verstand ich nur Bahnhof, und mit den neuen Taschenrechnern konnte ich auch nichts anfangen.»

Start mit 178 Franken Fixkosten

Doch dann kam das entscheidende Telefon. Der Vespa-Mechaniker, der ihm seinerzeit Ersatzteile nach Pakistan geschickt hatte, wollte seine Werkstatt verkaufen. Für Bertschinger, inzwischen mit seinem Schulschatz verheiratet, war das die Chance auf ein geregeltes Einkommen. Denn er hielt sich mit Gelegenheitsjobs und Rinderhüten im Bündnerland über Wasser. Und das reichte nicht mehr, denn das junge Paar hatte Familienpläne.

Im September 1979 wurde Max Bertschinger zum Ein-Mann-Unternehmer. Monatliche Fixkosten: 178 Franken für die Garagenmiete. Sechs Tage lang arbeitete ihn sein Vorgänger ein. Dann war Bertschinger allein. Es dauerte nicht lange, bis er an offenen Motoren stand und sich dabei fühlte wie am Tech in Rapperswil. Doch diesmal gab er nicht auf. Weltenbummler Bertschinger wurde zum Selfmademan und machte dabei die Erfahrung, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt: «Ich habe oft Blut geschwitzt, aber meine Arbeit hat mich ausgefüllt.»

Bertschinger ist der Start ins selbstständige Berufsleben geglückt. Weil er durch seine Weltreise in der Szene der Freaks gut vernetzt war, wurde sein Kundenstamm bald grösser. Zu seinen Kunden zählten auch die Fernsehgrössen Peter Achten, Charles Clerc und der heute bekannteste Vespa-Fahrer Zürichs, Filippo Leutenegger. Letzterer lebte damals als Korrespondent in Lugano, doch seine Vespa vertraute er nur Max Bertschinger an. Darum schickte er sie jeweils mit dem Zug nach Zürich, und Bertschinger spedierte sie nach erledigtem Service per Bahn wieder ins Tessin. Unter seinen Freunden und Kunden war Bertschinger bald nur noch der Vespa-Max – ein Name, den er später zu seinem Firmennamen machte.

Nicht nur bei TV-Journalisten war Vespa-Max eine begehrte Adresse, auch dem Importeur der italienischen Roller war er ein Begriff. Obwohl er alleine arbeitete, verkaufte Bertschinger so viele Fahrzeuge, dass er Piaggio-Händler der Klasse A werden konnte. Das ist er bis heute geblieben, obwohl sein Ladenlokal den Anforderungen der Lieferanten längst nicht mehr genügt. Verlangt wäre ein Showroom, in dem er mindestens 13 Fahrzeuge ausstellen müsste. Doch Vespa-Max hat keinen Showroom, sondern nur seine um einen Raum vergrösserte Garagenwerkstatt, die ihn heute 780 Franken kostet. A-Händler ist Vespa-Max aber bis heute geblieben. Die Italiener haben ihm das Recht der Gewohnheit eingeräumt.

Die Zukunft ist nicht zu stoppen

Seine ältesten Kunden können es bestätigen: In Max Bertschingers Werkstatt hat sich in all den Jahren nichts geändert, nur der Chef ist älter geworden. Viele fragen sich heute: Warum hat Vespa-Max nicht expandiert, warum hat er bis heute keine Angestellten? Natürlich hat Bertschinger solche Gedanken auch gewälzt, doch er ist seinem Motto treu geblieben: Arbeiten, damit es zum Leben reicht: «Hätte ich vergrössert, hätte ich mehr arbeiten müssen», sagt er. Als Ein-Mann-Betrieb blieb er auch richtig eigenständig, wie er es sich vor 38 Jahren vorgenommen hatte. Eigenständig sind im übrigen auch seine drei Freunde aus Höngg geblieben. Einer hat eine kleine Firma für Wasservermessungen, der andere einen Bioladen in Zürich und der dritte ist Farmer in Tansania.

Auch wenn Max Bertschinger stolz ist auf sein Berufsleben, räumt er ein, dass es heute fast unmöglich ist, einen solchen Betrieb alleine zu schmeissen. Die Digitalisierung beherrscht unterdessen auch seine Branche, elektronische Werkstattbücher, Onlinearbeitsanleitungen. Und natürlich sind auch die neuen Fahrzeuge voller Elektronik, was Vespa-Max zunehmend zusetzt. Denn er arbeitet viel lieber mit dem Schraubenschlüssel als mit dem Computer.

An Weihnachten ist nun Schluss, und Max Bertschinger freut sich auf den Ruhestand. Erst stehen ausgiebige Skiferien an. Dann gibts am Haus in Höngg noch einiges zu werkeln, und auch der Umbau eines Lieferwagens in ein Campingmobil steht auf dem Programm.

Er geht, doch das Schild am Laden bleibt: Max Bertschinger. Foto Doris Fanconi

An der Flurstrasse geht der Betrieb indes weiter. Es übernimmt Egidio Paludetto, ein anderer legendärer Töff-Mech. Palu, wie ihn Zürichs Vespa-Fahrer nennen, hat sich um die Jahrtausendwende jahrelang, aber letztlich erfolglos gegen seine Vertreibung vom Steinfels-Areal gewehrt. Nun tritt er an der Flurstrasse in Bertschingers Fussstapfen und lässt auch das Schild VESPA-MAX an der Garage hängen.


Eine Vespa für 10 Franken

Max Bertschinger ist voll des Lobes, wenn er von seinen Kunden spricht. Nie habe er einen Kunden betreiben müssen, sagt er. Doch in einem Fall gings dann doch drunter und drüber:

Eines Tages tauchte an der Flurstrasse ein biederer 50-Jähriger aus dem Zürcher Oberland auf. Er interessierte sich für ein Neufahrzeug und entschied sich schliesslich für das teuerste Modell, eine Vespa für 6500 Franken. Bertschinger machte das Fahrzeug bereit, und der Kunde legte ihm am Tag der Übergabe den von der Post abgestempelten Abschnitt des Einzahlungsscheins vor. Doch als er davongebraust war, bemerkte Bertschinger den Schwindel: Sein Kunde hatte nicht 6500, sondern nur 10 Franken einbezahlt: «Das war ein Schock», erinnert er sich, «ein solcher Fehlbetrag brachte unsere Familienbudget arg durcheinander.»

Einige Wochen später erhielt Bertschinger einen Anruf eines befreundeten Vespa-Händlers aus Höngg. Er hatte einen Kunden im Laden, der ihm eine fast neue Vespa zu einem Dumpingpreis verkaufen wollte. Weil auf dem Fahrzeug das Vespa-Max-Logo aufgeklebt war, wollte er sich bei Bertschinger erkundigen. Sofort wusste dieser Bescheid, und die beiden vereinbarten, dass der Vespa-Händler auf den Deal eingehen sollte. Am Tag des Kaufes stand dann auch Bertschinger im Laden. Zur Abschreckung hatte er seinen zwei Meter grossen Sohn und dessen Kollegen mitgenommen. Der Fall löste sich schnell auf. Der Betrüger brach in Tränen aus. Bertschinger bekam sein Fahrzeug mit 2000 Kilometern auf dem Tacho wieder zurück, trotzdem zeigte er den Mann an. Geld sah er allerdings keines mehr. Der Mann war dem Gericht als notorischer Betrüger bekannt, war gratis in Luxushotels abgestiegen und hatte Wohnmobile gemietet, ohne zu zahlen. Insgesamt hatte der Hochstapler Schulden von 200 000 Franken. Am Ende verkaufte Bertschinger die Vespa nochmals, einfach nur noch als Occasion. (sch)

Erstellt: 10.12.2017, 22:50 Uhr

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