Fragwürdige Zustände hinter den Züri-Fäscht-Kulissen

Eiswürfel, Bierpreise, WC-Häuschen: Trotz vieler Vorwürfe an die Züri-Fäscht-Organisatoren hat die Stadt bisher nur zugeschaut – obwohl es auch um öffentliche Gelder geht.

Wo welches Bier ausgeschenkt werden darf, ist strikt geregelt: Festwirtschaft am Züri Fäscht. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Wo welches Bier ausgeschenkt werden darf, ist strikt geregelt: Festwirtschaft am Züri Fäscht. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Das jüngste Züri-Fäscht mag eine Erfolgsgeschichte gewesen sein, doch das Geschäftsgebaren des organisierenden Vereins hat Fragen aufgeworfen, die einen Schatten auf künftige Ausgaben werfen. Sicher ist: Wenn die Stadt Zürich dieses Fest organisiert hätte, wäre jede der folgenden Begebenheiten Stoff für einen lokalen Politskandal.

Die Sache mit den Toiletten

Die Firma Toi Toi, Marktführerin für mobile Toiletten, lässt wissen, sie sei vom Organisationskomitee (OK) des Fests in den letzten 15 Jahren nicht ein einziges Mal um eine Offerte gebeten worden. Den Zuschlag erhält jeweils Konkurrent Mobitoil mit einem Partner – ohne dass offenbar geprüft würde, ob andere Anbieter günstiger wären.

Die Bilder des Züri-Fäscht

Bei der Vergabe von Aufträgen am Züri-Fäscht gehe es sonderbar zu und her, sagt Erika Koller, Bereichsleiterin Eventmanagement bei Toi Toi. «Oft schien uns, dass alles schon unter der Hand vergeben wurde und somit gar kein normaler Wettbewerb zustande kommt.» Die frühere Eigentümerin der Firma Mobitoil, die heute dem Industriedienstleister Condecta gehört, habe erklärtermassen einen guten Draht zum Fest-OK gehabt. Das sagt unabhängig von Koller auch eine zweite Quelle.

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Zuständig für die Vergabe ist im Fest-OK Frank Fanti, Geschäftsführer der Entsorgungsfirma Rolf Bossard. Er sagt, die Angaben von Toi Toi seien falsch. Er habe sich dort vor sechs Jahren einmal telefonisch nach den Preisen erkundigt. Er sei aber nicht mit der zuständigen Person verbunden worden und habe erst nach einem Monat einen Rückruf erhalten – das habe keinen guten Eindruck gemacht. Dokumentiert sei das allerdings nicht. Erika Koller erwidert, es sei sehr ungewöhnlich, für solch einen Grossanlass nichts Schriftliches einzufordern. Immerhin gehe es um ein Auftragsvolumen von mindestens 50'000 Franken.

Die Sache mit dem Bier

Das OK schreibt nicht nur die Bierpreise vor, die dieses Jahr wegen einer Erhöhung auf 7 Franken zu reden gaben. Es schreibt auch vor, auf welchen Teilgebieten des Festareals welche Biermarke ausgeschenkt werden muss. Zuständig für die Zuteilung ist Markus Höfler, gleichzeitig Geschäftsleiter der Schaffhauser Brauerei Falken. Er sichert seiner eigenen Biermarke jeweils das Monopol über den Sechseläutenplatz.

Höfler selbst findet das kein Problem. Er trenne beide Funktionen strikt voneinander, sagt er. Zudem sei der Sechseläutenplatz ein relativ kleines Gebiet, ökonomisch sei das für ihn nicht interessant. Auf die Frage, warum er dann nicht ganz verzichte und dem Fest-OK damit unangenehme Fragen erspare, bekommt man von ihm aber keine klare Antwort.

Höfler ist auch zuständig dafür, den Festwirten ihren Standplatz zuzuteilen. Er bestreitet, dass er dabei Gastronomen bevorzugt, die zu den Kunden von Falken gehören. So wie zum Beispiel Thomas Rosenberger vom Sternen-Grill, der während des letzten Fests eine Toplage am Bürkliplatz erhielt und der Höfler vehement verteidigt – dieser hätte für Falken schliesslich auch eine deutlich grössere Verkaufsfläche sichern können.

Die Sache mit dem Eis

Das OK hat dieses Jahr dem Zürcher Eislieferanten Eisexpress das Monopol übers gesamte Festareal verliehen. Obwohl dessen Konkurrrent, der Berner Eishersteller Ice Factory, nach eigenen Angaben günstiger geliefert hätte. Dieser beklagt sich nun über Vetternwirtschaft seitens des OK. Dort heisst es, man habe sich für Eisexpress entschieden, weil dessen Inhaber Andy Gröbli kooperativer gewesen sei – es bestünden keinerlei Beziehungen zu ihm, weder geschäftlich noch privat. Gröbli ist allerdings auch Gastronom und langjähriger Festwirt, mit eigener Bar auf dem Sechseläutenplatz.

Hinzu kommen Zweifel, ob die Leistungsvereinbarung zwischen der Stadt und dem OK eingehalten wurde. Die Stadt fordert Nachhaltigkeit ein. Das OK hielt daher fest, einen Lieferanten zu wählen, der Schweizer Eis verkauft, um lange Lastwagenfahrten zu vermeiden. Eisexpress, ein Unternehmen mit deutschem Mutterhaus, soll aber auch deutsches Eis ans Fest geliefert haben, was Wirte dokumentiert haben.

Andy Gröbli von Eisexpress sagt, es könne sich um maximal 500 Kilogramm von über 70 Tonnen handeln, die fälschlicherweise aufgeladen worden seien. Er ärgert sich: Hier werde ein absolut nebensächliches Thema hochgekocht, obwohl am Fest alle hart gearbeitet und einen guten Job gemacht hätten.

Vetternwirtschaft wäre zwar keine Straftat, aber da die Stadt den klammen Züri-Fäscht-Organisatoren mit öffentlichen Mitteln aushilft, stellt sich die Frage: Müsste sie nicht dafür sorgen, dass das OK möglichst effizient wirtschaftet? Grundsätzlich ja, heisst es beim Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP). Der Verein Zürcher Volksfeste, der das Züri-Fäscht organisiert, sei aber eine «eigene Rechtspersönlichkeit» und als solche nicht der Stadt unterstellt.

Den Lohn zahlt die Stadt

Tatsächlich sind Stadt und Verein eng verknüpft. Der Verein ist die Nachfolgeorganisation des städtischen Veranstaltungskomitees. Statt einen eigenen Festorganisator einzusetzen, erfand der Stadtrat 1999 beim Verein den Posten eines Geschäftsleiters, den seither Roland Stahel besetzt. Die Stadt bezahlt jährlich über 80'000 Franken an die Lohn- und Betriebskosten dieser Geschäftsstelle. Zudem flossen fürs Fest diesmal weitere 450'000 Franken. Vor allem aber wurden Gebühren und Dienstleistungen erlassen, was je nach Rechnung gegen 2 Millionen ausmacht.

Die Stadt hat im Gegenzug ihre Vertreter im Verein und im OK, der wichtigste ist Mauchs Departementssekretär Pius Landolt. Er betont, der Stadt seien keine Missstände bekannt. Das OK bestehe jeweils aus über 60 Leuten, davon ein Drittel städtische Angestellte. «Das ist ein Garant dafür, dass es keine Machtballungen gibt», versichert er. «Es reicht nicht, Herrn Stahel zu kennen, um einen Auftrag zu bekommen.» Frank Fanti, der den Toilettenentscheid traf, ist zum Beispiel dem Logistikchef der Stadtpolizei unterstellt. Nach eigener Aussage hat er seinen Entscheid aber nicht mit diesem besprochen.

Landolt sagt, er würde handeln, wenn er Hinweise auf schwerwiegende Verstösse gegen die Leistungsvereinbarung mit der Stadt hätte. Dann bestünde die Möglichkeit, die Beiträge an den Verein zu kürzen oder gar zurückzufordern. Der erste Haken daran: In der Vereinbarung mit der Stadt steht nicht, es sei verboten, Aufträge freihändig zu vergeben. Der zweite Haken: «Der Verein schliesst tausend Verträge ab mit verschiedensten Anbietern – da kann man nicht überall hinschauen», sagt Landolt.

Erste Konsequenzen

Beim Eis-Fall hat Landolt hingeschaut, aber keinen Anlass für ein Eingreifen der Stadt gesehen. «Ich sage nicht, es seien keine Fehler gemacht worden», fügt er an. Nach Rücksprache mit einer Juristin sei er aber zum Schluss gekommen, der Fall sei nicht so gravierend, dass sich eine Intervention aufdränge. Vom Toiletten-Fall höre er hingegen zum ersten Mal. Landolt kündigt an, an der nächsten Vereinssitzung darauf zu pochen, dass man ein Auge darauf haben müsse, wie die Vergaben genau laufen. Das heisst konkret: «Dass man zusieht, dass dies mit Gegenofferten geschieht.» Ob das etwas bewirkt, wird sich wohl erst in drei Jahren zeigen. Dann steigt das nächst Fest.

Erstellt: 06.07.2016, 21:02 Uhr

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