Festung Zürich – die Limmatstellung

Um das Land zu verteidigen, hätte Guisan Zürich geopfert. Viele Bunker stehen heute noch mitten in der Stadt. Was ist aus ihnen geworden?

Nach der Sprengung aller Stadtbrücken sollte die Limmat eine unpassierbare Panzersperre bilden: Bunker A4858 im Pfeiler des Viadukts. Foto: Noël Fäh und Domenic Schmid

Nach der Sprengung aller Stadtbrücken sollte die Limmat eine unpassierbare Panzersperre bilden: Bunker A4858 im Pfeiler des Viadukts. Foto: Noël Fäh und Domenic Schmid

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Standen Sie jemals im Schussfeld eines Bunkers oder sind über ein militärisches Sprengobjekt gelaufen? Wenn Sie schon einmal in Zürich waren, ist das wahrscheinlich der Fall – auch wenn Sie es zu jenem Zeitpunkt nicht wussten.

Angefangen hat alles mit dem «Operationsbefehl Nr. 2» am 4. Oktober 1939. Dieser ordnete die militärische Befestigung einer Frontlinie an, von der östlichen Landesgrenze bei Sargans mitten durch Zürich bis hin zur westlichen Grenze in der Nähe von Basel. Dafür verantwortlich war Henri Guisan, der bis heute letzte General der Schweiz. Eine Entscheidung, die im sogenannten Fall Nord – einem Angriff der deutschen Wehrmacht – wohl zur kompletten Zerstörung von Zürich geführt hätte.

Guisan schwebte folgende Zürcher Stadtkulisse als Empfang für eine einfallende Armee vor:

«Ruinen, einen enormen Block, einen dicht zusammengekneteten Kuchen von Ruinen, das ganze Ufer entlang, keine Fassaden, keine Kirchen, keine Bäume mehr, ein einziges Trümmerfeld, eine Mondlandschaft [...], alle die engen Strassen und Gassen verstopft vom Schutt der eingestürzten Gebäude, alle Brücken zerstört [...] Eine Stadt, eine Stadtruine, die sich hält, verteidigt, nicht kapituliert [...]»

Sogar Militärkader kritisierten die Pläne

Trotz dieser anschaulich formulierten Widerstandsromantik wurde der Entscheid, Zürich in ein potenzielles Schlachtfeld zu verwandeln, nicht ohne Reklamation hingenommen. Der Verlauf der sogenannten Limmatstellung mitten durch die Stadt gab Anlass zu Debatten. In der Stadtregierung und sogar im Militärkader wurde Kritik an Guisans Plänen laut. Die für die Ausführung verantwortlichen Korpskommandanten empfahlen, die Stellungslinie auf die Höhe des Uetlibergs zu verlegen, um die Stadt wenigstens vor dem sonst zu erwartenden Strassenkampf zu bewahren.

Die Stadt wurde letztlich doch zum militärischen Hindernis umfunktioniert, einem «obstacle absolu», wie es Guisan nannte. Sein Festhalten an dem für Zürich verheerenden Frontverlauf ist auf den tief verankerten Glauben an die natürlichen Hindernisse zurückzuführen: Nach der Sprengung aller Brücken sollten die Limmat und der Zürichsee eine unpassierbare Panzersperre bilden.

Das militärische Hindernis dient heute als massiver Gartenzaun: Die Tankmauer T 2505 in Wollishofen. Foto: Noël Fäh und Domenic Schmid

Zürich wurde in kürzester Zeit in eine urbane Festung umgebaut und eine ganze Kette massiver Befestigungsanlagen wurde aus dem Boden gestampft. Zahlreiche Divisionen aus Bern und der Romandie besetzten die Stadt sowie ihre Aussenquartiere. Zivilisten mussten der Armee unter die Arme greifen und sogar private Personenwagen zur Verschiebung von Artilleriekanonen vorfahren. Öffentliche Plätze, Parkanlagen und ganze Waldabschnitte wurden zu militärischen Sperrgebieten erklärt, der Stadtkern verbarrikadiert und die umliegenden Vororte Altstetten, Schlieren und Dietikon in kleine Bastionen verwandelt. Tausende Soldaten wurden in Wohnungen und Schulzimmern untergebracht, auf den Pausenhöfen übten Rekruten das Marschieren in Reih und Glied.

Das ganze Unterfangen war jedoch nur von kurzer Dauer. Nach zehn Monaten und der Errichtung von mehr als zweitausend Bunkeranlagen allein im Kanton Zürich wurden die Bauarbeiten eingestellt. Mit der deutschen Besatzung Frankreichs im Juni 1940 wurde die Limmatstellung schlagartig obsolet: Die in aller Hast ausgeführte Grenzbefestigung hätte von der Wehrmacht nun mühelos über Frankreich umgangen werden können. Die tragisch kurze Halbwertszeit der Festung Zürich mag auch die fehlende Resonanz dieses Kapitels der Stadtgeschichte bis heute erklären.

Was darauf folgte, wird bis heute in vaterländischen Erzählungen hochgehalten: der Rückzug der Schweizer Armee in die Alpen und die Errichtung des «Réduit National». Dieses eifrige Bauvorhaben gefiel auch der Armeespitze so gut, dass trotz Kriegsende bis in die 1990er-Jahre daran weitergebaut wurde. Die Limmatstellung hingegen wurde im Laufe der Jahre vereinzelt abgerissen und steht heute verlassen in der heimatlichen Landschaft.

Mittlerweile sind die «Kriegsruinen» zu ökologischen Nischen für bedrohte Tier- und Pflanzenarten geworden.

Die einst bedrohlichen Objekte sind verletzlich geworden. Der fortschreitende Zerfall erlaubt es, sie heute als vergänglich und ihren Erhalt als wertvoll zu betrachten. In der Umgebung von Zürich befinden sich 111 der landesweit mehr als 6500 ausgemusterten Betonfestungen. Die Masse dieser Objekte ist der alleinige Grund für ihren Erhalt, obwohl ihre Umnutzung heute weitgehend nahezu unmöglich ist. Doch es ist nicht die Aura der militärischen Gewalt, die eine Umnutzung verhindert, sondern die rechtliche Lage. Weil das Militär in Kriegszeiten keine zivilen Baubewilligungsverfahren durchlaufen musste, existiert der Grossteil der Bunker nicht auf dem Papier. Der Bunker ist somit, aus rechtlicher Sicht, mehr Landschaft als Architektur.

Als scheinbare Einzelobjekte ohne Zusammenhang liegen die Befestigungsanlagen heute wie Findlinge in der Landschaft: Von Kilchberg dem linken Seeufer entlang nordwärts bis zur Quaibrücke in der Innenstadt, vom Wollishofer Hafen über die Kuppe und die Sihl bis in den Wald hinein – überall kann man sie finden. Auch am linken Limmatufer, quer durch den Stadtkern, entlang des Sihlquais bis zum Escher-Wyss-Platz stehen sie noch immer im Weg. Viele weitere liegen im Walddickicht auf den Ausläufern des Uetlibergs verborgen.

Mittlerweile sind die «Kriegsruinen» zu ökologischen Nischen für bedrohte Tier- und Pflanzenarten geworden. In Waldegg bei Uitikon bietet ein Panzergraben einer Weihnachtsbaumschule den angemessenen Schutz vor knabbernden Tieren, und quer durch die Talsenke von Urdorf zieht sich ein wild wuchernder ökologischer Korridor, der als Panzersperre kaum noch zu erkennen ist. Auf den Feldern in Urdorf liegen hinter unzähligen Baumhainen mächtige Bunker verborgen. Ihre natürliche Tarnung ist das Resultat wilder Bewachsung während der letzten Jahrzehnte, geschützt vor landwirtschaftlicher Maschinerie. Unter dem Waldboden des Uetlibergs verbergen sich weitläufige künstliche Höhlensysteme und zahlreiche Kleinunterstände, die Fledermäusen als geräumige Herberge dienen. Der Mensch verspürt eine vergleichbare Anziehung zu verlassenen Orten. Es überrascht daher kaum, dass die Bunker von Zürich bei jedem Besuch neue Graffitis und Spuren der Aneignung aufweisen.

Für den «Fall Nord» wurde Zürich zur Festung umgebaut: Der Bunker A4844 im Brückenkopf der Quaibrücke. Foto: Noël Fäh und Domenic Schmid

Heute stellt sich die Frage, welche Bedeutung wir diesen militärischen Zeitzeugen beimessen wollen. Ob sie als erhaltenswerte Denkmäler, Immobilien mit Zukunftspotenzial oder schlichtweg zwecklose Schwergewichte betrachtet werden sollen, ist noch nicht entschieden.

Der Wegfall ihrer ursprünglichen Funktion als Kampfbauten darf jedoch nicht mit einer vermeintlichen Nutzlosigkeit gleichgesetzt werden: Die funktionale Lücke wurde durch neue Nutzer ausgefüllt. Diese Beobachtung eröffnet einen neuen Blick auf die Aufgaben der Schweizer Armee, die so in der Schweiz auch als Bildhauergilde, Landschaftsarchitekturbüro oder Naturschutzverein verstanden werden kann. Der Bunker, ein scheinbar banales Bauwerk, ist Stein, Höhle, Skulptur und Refugium in einem.

Die Ausstellung «111 Bunker. Entdecke das verborgene Zürich» läuft noch bis 28.2.2019 im Zentrum Architektur Zürich. Die Ausstellung wurde von Noël Fäh und Domenic Schmid kuratiert und basiert auf deren gemeinsamer Masterarbeit am Departement Architektur der ETH Zürich mit dem Titel «Obstacle Absolu». Weitere Infos zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm auf
www.zaz-bellerive.ch.

(Das Magazin)

Erstellt: 07.12.2018, 14:06 Uhr

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