Fifa liess Zürcher Justiz WM-Tickets zukommen

Hohe kantonale Richter und Staatsanwälte reisten an Finalspiele von Fussballweltmeisterschaften. Sie bekamen Eintrittskarten von der Fifa-Spitze – zu einem Preis, der weit unter dem Marktwert lag.

Nach dem WM-Final-Spiel regnete es 2006 im Berliner Olympiastadion Feuerwerk. Foto: Kay Nietfeld (EPA, Keystone)

Nach dem WM-Final-Spiel regnete es 2006 im Berliner Olympiastadion Feuerwerk. Foto: Kay Nietfeld (EPA, Keystone)

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Fussballfans weltweit träumen davon, einmal im Leben einen WM-Final live zu erleben. In Erfüllung geht der Traum für die wenigsten. In ein Stadion zu gelangen, wenn der Weltmeister gekürt wird, ist für Otto Normalfan praktisch unmöglich. Eine Gruppe von Zürcher Juristen hingegen hatte gleich mehrfach das Vergnügen. Von Italia 90 bis Deutschland 2006 sassen kantonale Staatsdiener – in wechselnder Formation – immer auf der Tribüne, wenn es auf dem Rasen um die höchste Fussballerehre ging. Die Reisen an die Weltmeisterschaften hat ein langjähriger Präsident des Zürcher Arbeitsgerichts organisiert. Mit dabei waren aber auch leitende Staatsanwälte und der seit kurzem pensionierte Oberstaatsanwalt Andreas Brunner.

Die Organisation der Reisen war ein Kinderspiel: Um an die begehrten Tickets heranzukommen, schrieb Arbeitsrichter Hans-Peter Egli gemäss eigenen Angaben jeweils eine «normale nette Bewerbung» an die Fifa. Laut einer Quelle aus dem Fussballverband landeten zumindest einzelne der Bittschreiben der hochrangigen Zürcher Juristen beim mittlerweile suspendierten Verbandspräsidenten Sepp Blatter. Die Juristen bekamen daraufhin Eintrittskarten. «Mal waren es bessere, zum Beispiel Haupttribüne», sagt der pensionierte Richter Egli, «mal waren es schlechtere, in der Kurve.» Ob er in zwei Jahrzehnten an der Spitze des Arbeitsgerichts mit dem grossen Zürcher Arbeitgeber Fifa zu tun hatte, will Egli mit Verweis aufs Amtsgeheimnis nicht preisgeben.

Ein Platz = ein Kleinwagen

Alle kontaktierten Reiseteilnehmer legen Wert auf die Feststellung, dass sie die Tickets selber bezahlt haben – zum Wert, der auf den Billetten aufgedruckt war. Tatsächlich haben die Tickets aber einen weit höheren Marktwert – und dies nicht nur auf dem Schwarzmarkt. Bei internationalen Topanlässen gibt es jeweils einen zweiten offiziellen Preis. So auch bei der WM in Deutschland: Beim Finalspiel 2006 in Berlin war auf den Tickets für Haupttribüne ein durchschnittlicher Preis von 600 Euro aufgedruckt. Doch die wenigsten Karten waren dafür zu haben. «Wir verkauften Haupttribünensitze im Durchschnitt für 5000 Euro», erinnert sich der Schweizer Rechtsanwalt Heinz Schild, der damals für einen Fifa-Partner im Ticket-Geschäft tätig war. Zum damaligen Kurs waren das über 7800 Franken. Die Schwarzmarktpreise lagen sogar noch ein ganzes Stück darüber. Wer Italiens Sieg gegen Frankreich und Zinédine Zidanes Kopfstoss unbedingt live im Stadion sehen wollte, konnte seinen kleinen Fiat oder Peugeot dafür eintauschen. Ähnlich – wenn auch auf tieferem Niveau – lagen die Preisverhältnisse auf Nebentribünen.

Der normale Fan musste viel tiefer in die Tasche greifen als die Zürcher Juristen – oder aber sehr, sehr viel Glück haben. Die Nachfrage nach WM-Tickets war 2006 gigantisch. Gemäss dem Organisationskomitee gab es 30 Millionen Anfragen. Plätze gab es 3 Millionen, doch ein guter Teil – gerade beim Finalspiel – ging nicht an gewöhnliche Fans, sondern an Sportfunktionäre, Politiker oder an Sponsoren und deren Gäste.

Haben die Zürcher Richter und Staatsanwälte ihre Stellung ausgenützt, um auf die fast unerreichbaren Plätze zu gelangen? Reiseorganisator Hans-Peter Egli sagt: «Alles ist mit rechten Dingen zu- und hergegangen.» In seinen Schreiben an die Fifa habe er auf die berufliche Stellung der Teilnehmer hingewiesen, aber diese nicht hervorgehoben. Gemäss einer Fifa-Quelle war man sich in Sepp Blatters Umfeld sehr wohl bewusst, wer die Tickets bestellt hatte.

Kritik von Experten

«Das Verhalten zeugt von wenig Sensibilität gegenüber Interessenkonflikten», sagt Eric Martin, der Präsident von Transparency International Schweiz. Der Basler Rechtsprofessor Mark Pieth spricht gar von einem möglichen «Verstoss gegen die Berufsethik» und unter Umständen von «Elementen von Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung». Egli widerspricht: «Sicher nicht.» Er verweist darauf, dass die Tickets bezahlt wurden.

Zürcher Richter und Staatsanwälte dürfen gemäss dem Personalgesetz keine Geschenke «oder andere Vergünstigungen» annehmen, «die im Zusammenhang mit ihrer dienstlichen Stellung stehen oder stehen könnten». Erlaubt sind einzig «Höflichkeitsgeschenke von geringem Wert», wenn es der Vorgesetzte erlaubt. Eine Fallkonstellation wie bei den WM-Final-Tickets ist nicht explizit geregelt.

Über die genauen Abläufe der Bezüge wollen nicht alle Reiseteilnehmer im Bild gewesen zu sein. So sagt der langjährige Oberstaatsanwalt Andreas Brunner: «Hätte ich bei der Spitze der Fifa unter Angabe meines Namens und meiner Funktion ein Ticket bestellt oder bestellen lassen, hätte selbstredend ein Interessenkonflikt bestanden.» Dass dies gemäss Egli geschah, hat Brunner gemäss eigenen Angaben nicht gewusst, als er drei WM-Finalspiele besuchte. Letztmals sass er 2006 im Berliner Olympia­stadion. Vier Jahre davor, 2002, war Brunner am Rande beteiligt gewesen, als in Zürich ein Verfahren gegen Sepp Blatter eingestellt wurde. Die Ermittlungen geleitet hatte Bezirksanwalt Urs Hubmann, der nie Teil der Reisegruppe gewesen war.

Auf Andreas Brunner, damals Geschäftsleitungsmitglied der Staatsanwaltschaft, angesprochen sagt Hubmann: «Er nahm keinen Einfluss auf das Verfahren. Ich stellte es ein, weil sich die Vorwürfe zum Teil nicht beweisen liessen und sich zum andern Teil als falsch herausstellten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2015, 23:30 Uhr

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