Flüchtlingskrise zum Znacht

Unsere Autorin lud drei Syrer zu «Hörnli und Ghackets» bei sich Zuhause ein. Ein bereicherndes Erlebnis. Auf das Selfie für Facebook verzichtete sie jedoch.

Gastgeberin Mirjam Fuchs kocht für die syrischen Gäste ein traditionelles Gericht. Foto: Urs Jaudas

Gastgeberin Mirjam Fuchs kocht für die syrischen Gäste ein traditionelles Gericht. Foto: Urs Jaudas

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Mostafa* sieht misstrauisch auf seinen Teller. Ist das ihr Ernst, scheint er sich zu fragen. Wir haben drei Syrer zum Abendessen zu Besuch, es gibt Hörnli, Ghackets und Apfelmus. Das traditionelle Gericht bringt die drei Brüder zum Lachen. «Es ist wirklich sehr fein – aber Apfel zu Fleisch, nein, das passt nicht», sagt Mostafa, sein Deutsch ist brüchig. Er und seine zwei jüngeren Brüder sind erst vor einigen Monaten als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen und kennen kaum Einheimische, geschweige denn deren Küche.

«Gemeinsam Znacht» schafft Abhilfe. Das Zürcher Projekt, das dem Verein Solinetz angegliedert ist, bringt Flüchtlinge und Schweizer für ein Abendessen zusammen. Ein doppelter Gewinn: Die Gäste lernen Schweizer und ihre Sitten kennen, die Gastgeber erfahren, wer in ihrem Land um Asyl sucht. Bevor sie jemanden an eine Journalistin vermittelt, will mich Projektleiterin Martina Schmitz kennen lernen. Die Frau ist keine neutrale Vermittlerin, sie hat klare Erwartungen an ihre Gastgeber. «Wir sind keine Dienstleister für die Gast­geber, sondern ein Integrationsprojekt», sagt sie zum Beispiel.

Seit einem Jahr arbeitet Schmitz ehren­amtlich für ihr Projekt, erst seit etwa sechs Wochen wird sie mit An­fragen überhäuft. «Wir können nicht alle sofort beantworten», sagt sie. Und schickt dann doch bald den Kontakt zu unserem Gast: Mostafa, 31-jährig, aus Aleppo in Syrien. Schmitz bittet darum, am Abend ein Foto zu machen. «Die Welt braucht gute Nachrichten, und gemeinsame Znachts sind gute Nachrichten.»

«Fühlte mich wie im Gefängnis»

Mostafa und seine zwei Brüder kommen pünktlich um halb acht Uhr an einem Freitagabend zu uns nach Hause. Höflich ziehen sie die Schuhe aus und überreichen uns ihr Mitbringsel, zwei Duftkerzen. Über das Menü haben mein Mitbewohner und ich uns tagelang den Kopf zerbrochen. Schweinefleisch und Alkohol kommen für die muslimischen Gäste nicht infrage, Fondue ist von Geruchs wegen ausgeschlossen. Schliesslich fiel die Entscheidung auf etwas Traditionelles: «Hörnli und Ghackets.»

Das Essen wird bald zur Nebensache. Der 23-jährige Ayman*, der quirlige Wortführer der drei, erzählt in fliessendem Deutsch, wie sie aus Syrien in die Schweiz gekommen sind. Ihre Schwester lebe bereits seit neun Jahren hier und habe für sie Familiennachzug beantragt. Ob sie mit Booten übers Mittelmeer reisten, fragen wir vorsichtig. Ayman schüttelt energisch den Kopf. Das sei im Moment zwar «Mode», aber viel zu gefährlich. Ayman, Mostafa und der 17-jährige Mazen* kamen im August 2014 mit dem Flugzeug und landeten als Erstes im Durchgangszentrum.

Sein Asylverfahren dauerte acht Monate, erzählt Mostafa. «Ich fühlte mich wie im Gefängnis», sagt er. «Ich konnte nur essen und schlafen, sonst nichts.» Weil ihnen in Syrien politische Ver­folgung droht, sind sie als Flüchtlinge anerkannt und dürfen sich mit ihrer B Bewilligung frei bewegen und arbeiten. Mostafa wohnt in Zürich, die beiden jüngeren Brüder in einer Zürcher Landgemeinde. Noch hat keiner der drei eine Arbeit, die Brüder leben von der Sozialhilfe und besuchen Deutschkurse.

Bereit, hart zu arbeiten

«Wer neu in einem Land ist, muss die Sprache lernen und Arbeit suchen», sagt Mostafa nüchtern. Deutsch lernen ist derzeit das grösste Ziel der drei Brüder. Nur so können sie eine Ausbildung machen, um einer qualifizierten Arbeit nach­zu­gehen. Einfach nur in einem Restaurant oder auf dem Bau jobben, kommt für die Syrer nicht infrage – obwohl der Sozialamtsleiter der Landgemeinde das von ihnen verlangt hat. Mostafa ist deswegen nach Zürich gezogen. In der Stadt seien die Behörden toleranter, sagt er.

Die Brüder berichten von ihren ­Plänen für die Zukunft in der Schweiz: Mostafa, der Älteste, hat in Syrien ein Informatik­studium abgeschlossen und strebt in der Schweiz eine Ausbildung zum Computertechniker an. Mazen, der Jüngste, besucht eine Berufswahlschule und möchte eine Schnupperlehre als Automatiker machen. Ayman, der in Syrien Goldschmied gelernt hat, ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz zum Polymechaniker. Er verschickt täglich Bewerbungen, bisher ohne Erfolg.

Beim Zuhören wird uns klar: Die drei Brüder gehörten in Syrien zur gut ausgebildeten Mittelschicht und möchten diesen Lebensstandard auch in der Schweiz erreichen. Dass dies nur mit einer Ausbildung möglich ist, wissen sie – und sie sind bereit, hart dafür zu arbeiten. Besonders beeindruckend ist für uns, dass unsere Gäste ohne Verbitterung über ihr Schicksal sprechen und voller Tatendrang für ihre Zukunft sind. Seit diesem Abend hat die Flüchtlingskrise für uns drei Gesichter: Mostafa, Ayman und Mazen.

Selfie muss nicht sein

Nur an manchen Schweizern üben die drei Brüder leise Kritik. Kontakt zu Einheimischen zu finden, sei nicht einfach, sagt Ayman, der in einem Fussballclub spielt. Oft würden die Menschen ungeduldig, weil er nicht gut Deutsch spreche. Und Mostafa sagt: «Noch ist alles neu für mich – ich brauche Zeit, um das Land und die Leute zu verstehen.» Mit echtem Namen und Bild in der Zeitung erscheinen möchten die drei Syrer nicht – dass sie hier in der Schweiz keine Repressionen befürchten müssen, mögen sie mir nicht recht glauben.

Plötzlich bemerkt Ayman, dass es halb zehn Uhr geworden ist. «Es ist spät, wir müssen gehen», sagt er zu uns und treibt seine Brüder zur Eile an. Mir fällt das Foto ein und rasch posieren wir für ein Selfie, dass ich später mit Dankesworten an Martina Schmitz von «Gemeinsam Znacht» sende. Es auf meine Facebook-Seite stellen und ein paar Likes dafür einkassieren mag ich nicht. Das Bild ohne all die spannenden Geschichten dahinter zu publizieren, würde dem Anlass nicht gerecht, finde ich.

*Name der Redaktion bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2015, 21:03 Uhr

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