Frau Tunnel

Carmen Walker Späh kämpft seit 30 Jahren für einen Rosengartentunnel in Wipkingen. Mit ihrem «Urner Grind», Zeitgeistrhetorik und Telefonstafetten.

Selbst politische Gegner loben ihre Hartnäckigkeit: Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh an der Rosengartenstrasse, der «lautesten Strasse der Schweiz». Foto: Doris Fanconi

Selbst politische Gegner loben ihre Hartnäckigkeit: Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh an der Rosengartenstrasse, der «lautesten Strasse der Schweiz». Foto: Doris Fanconi

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Es ist eine Eigenart der Schweiz, dass man dank Tunnel weit kommt. Zum Beispiel von Schaffhausen nach Chiasso oder bis an die Spitze der Politik. Wie Carmen Walker Späh. «Frau Tunnel» wird die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin und Regierungspräsidentin im politischen Umfeld genannt. Sie selber kürzt sich mit CWS ab, was wie eine Consultingfirma klingt.

Praktisch ihre ganze politische Karriere hat die FDP-Regierungsrätin auf einen Tunnel hingearbeitet: den Rosengartentunnel zwischen den Quartieren Wipkingen und Unterstrass. 1,1 Milliarden soll er kosten, inklusive einer neuen Tramlinie.

«Das habe ich noch selten gesehen», sagt Ruth Enzler. «Eine Politikerin, die sich für vernünftigen Verkehr einsetzt. Das gibt es ja fast nicht mehr. Mit Verkehrspolitik gewinnst du heutzutage keinen Blumentopf. Die Publizität geht fast gegen null.»

«Alles oder nichts»

Ruth Enzler sagt das nicht einfach so. Sie ist Präsidentin der Zürcher Sektion des Automobil-Clubs, der grössten Autolobby der Schweiz. In Zürich gibt es 20'000 Mitglieder. Aber jetzt kämpft sie dafür, Geld für die Prokampagne aufzutreiben. Ein paar Wirtschaftsverbände würden «entsprechend ihren Möglichkeiten» spenden, aber es sei «wirklich bescheiden». Was «bescheiden» genau heisst, legt sie nicht offen.

Umso mehr freut sich Ruth Enzler über Walker Spähs Engagement. «Dank ihrer Politik können wir nun endlich ein Versprechen einlösen, das 50 Jahre lang missachtet wurde: die Beruhigung des Rosengartenquartiers.» Und da Enzler eigentlich Psychologin ist, fügt sie an: «Das ist auch ethisch korrekt.»

«Wenn man Carmen Walker Späh mit etwas identifiziert, dann mit einem Tunnel, in welcher Form auch immer», sagt Rosmarie Joss, die für die SP im Kantonsrat sitzt und Mitglied der Verkehrskommission ist. Sie sagt: Die Abstimmung über den Rosengartentunnel bedeute für Walker Späh «alles oder nichts».

Wie geht es hier weiter? Rosengartenstrasse in Zürich (Bild: Keystone)

Selbst will Walker Späh keine Auskunft geben. Gesprächsanfragen lehnt sie ab. Am Medientermin zur Rosengarten-Vorlage sagte die 61-Jährige: «Das isch im Fall nöd min Tunnel.»

«Politik aus den Siebzigern»

Mit wem man auch spricht, mit Liegevelofahrern oder Benzin­fanatikerinnen, überall heisst es, CWS sei hartnäckig. Ansonsten ist nur wenig über die Frau bekannt – wie sie denkt und politisiert. Man berichtet lieber über ihre Haare, die sie stets kunstvoll hochgesteckt trägt.

«Sie erinnert an eine Oberlehrerin», sagt Gabi Petri. «Wenn man widerspricht, reagiert sie empfindlich.» Petri ist die Hauptgegnerin von Walker Späh. Die grüne Kantonsrätin, seit 1991 im Amt, ist Co-Präsidentin des Verkehrs-Clubs in Zürich, des ökologischen Pendants des Autoclubs. CWS pflege «ein Politikverständnis aus den Siebzigern», so Petri, «als der Strassenverkehr als ‹Blut unserer Wirtschaft› bezeichnet wurde». Und sie verstehe es, bürgerliche Kräfte trotz der Klimaprobleme immer noch «auf diese rückwärtsgewandte ideologische Linie zu bringen».

Selbst Petri lobt ihre Hartnäckigkeit. Der Rosengartentunnel sei noch in den Neunzigern zuunterst auf der Prioritätenliste gewesen. «Es war immer der Fixpunkt von Walker Spähs Politik, dieses Anliegen vor ihrer Haustür zu forcieren, und es ist bemerkenswert, dass sie das jetzt als ­Regierungsrätin geschafft hat.»

Eigentlich war die Rosengartenstrasse schon bei ihrer Fertigstellung 1972 veraltet.

Anliegen vor der Haustür? In Altdorf im Kanton Uri aufgewachsen, der Vater war Architekt, zog Walker Späh fürs Jusstudium nach Zürich. In den Achtzigerjahren kauften sie und ihr Ehemann ein Haus in Wipkingen, wo sie auch ihre drei Söhne aufzogen. Die Immobilie liegt ungefähr 200 Meter von der Rosengartenstrasse entfernt. Der Tunnel, der einen weiten Bogen macht, würde fast am Kellergeschoss kratzen.

Eigentlich war die Rosengartenstrasse schon bei ihrer Fertigstellung 1972 veraltet. Heute gilt sie als «lauteste Strasse» der Schweiz, sie zerschneidet das Quartier. 56'000 Autos benutzen die Strasse täglich.

CWS arbeitete zunächst als Baujuristin bei der Stadt Winterthur. Ab dem Jahr 2000 bis zu ihrer Wahl in den Regierungsrat 2015 war sie selbstständige Anwältin. Daneben begann sie, sich im Quartier zu engagieren. So rutschte sie auch in die Politik.

«Eine klassische Liberale»

1995 lud die FDP-Politikerin Doris Fiala sie zum Essen ein; der Kontakt kam über Walker Spähs Mann zustande, der ein Architekturbüro führt und lange Präsident des Stadtzürcher Gewerbeverbands war. «Es war mir rasch klar, dass ich diese starke Frau in der FDP einbinden möchte. Ich habe für ihren Beitritt geworben», erinnert sich Fiala. Und so trat CWS der Partei bei. «Schon damals war sie vom Geist her eine klassische Liberale», sagt Fiala. «Bei allen Fragen denkt sie stets für die Wirtschaft.»

Von Anfang an setzte sich CWS dafür ein, Wipkingen von der Blechlawine auf der Ro­sengartenstrasse zu befreien. Manchmal mit Interviews und politischen Vorstössen, viel öfter jedoch im Hintergrund, in Gesprächen und Kommissionen.

Ihre Argumente veränderten sich mit dem Zeitgeist. Kürzlich sagte sie, der Tunnel sei «gut fürs Klima». Elektroautos brauchten auch Platz. Als Simone Brander das hört, muss sie lachen; sie ist SP-Gemeinderätin und wohnt in Wipkingen. «Hallo», fragt Brander, «wie absurd ist das denn? Ein Autotunnel fürs Klima?»

«Sie hat einen Urner Grind»

In ihrer Karriere musste Walker Späh einige Rückschläge ein­stecken. Obschon – oder gerade weil – sie mehrere Jahre Präsidentin der FDP-Frauen war, ­hatte sie parteiintern einen schweren Stand. Bei den Stadtratswahlen 2013 zog ihr die FDP den eher ­unbekannten Marco Camin vor. Zuvor blieb sie bei der Wahl ums Zürcher Parteipräsidium chancenlos gegen Beat Walti. Auch Fraktionspräsidentin im Kantonsrat wurde sie nicht.

«Männer glauben manchmal, solche ­Frauen seien kalt. Dabei haben sie einfach Biss.»Ruth Enzler,
Autolobbyistin

«Ich kann Ihnen sagen», sagt Ruth Enzler, die Autolobbyistin, «Carmen Walker Späh hat einen Urner Grind. Das meine ich als Kompliment. In der Verkehrskommission unseres Verbands war sie bekannt für ihre Streitkultur. Ein Kollege und sie gaben sich gehörig aufs Dach. Ich musste da manchmal als Mediatorin dazwischengehen. Aber danach konnte sie die Fünf auch grade sein lassen.» Trotzdem, erzählt Enzler, sei das nicht überall gut angekommen. «Männer glauben manchmal, solche ­Frauen seien kalt. Dabei haben sie einfach Biss.»

Schliesslich biss sich Carmen Walker Späh durch. 2015 – die Partei konnte sie fast nicht mehr ignorieren – kandidierte sie für den Regierungsrat. Eines ihrer Wahlkampfthemen: der Rosengartentunnel. Sie werde, «in welcher Funktion auch immer», hartnäckig am Ball bleiben. Die Wahl schaffte sie problemlos.

«Eine neue Unsitte»

Schon im Mai 2009 war Walker Späh das entscheidende Manöver gelungen: Sie hatte einen vergessenen Passus im Strassengesetz ausgegraben. Dieser ermöglichte es, dass der bürgerliche Kanton den Tunnel bauen kann, auch gegen den Willen der linksgrünen Stadt. CWS fädelte den entsprechenden Vorstoss via Baukommission ein. Zuletzt, da sass Walker Späh schon in der Regierung, konnte auch die Stadt ins Boot geholt werden, indem man den Tunnel mit einer ­neuen Tramlinie verknüpfte.

Während sich alle den Mund über ihre Frisur heissreden, bohrt sie im Hintergrund.

Nach drei Jahrzehnten Arbeit hatte CWS den Tunnel zu einem schönen Geschenk verpackt. Es gab nur ein Problem: die SVP. Es war unsicher, ob die grösste Partei den Bau unterstützen würde, als das Projekt Anfang 2019 im Parlament behandelt wurde. Die Kosten waren ihr zu hoch. Also griff Walker Späh zum Telefonhörer.

«Mit Walker Späh hat eine Unsitte Einzug gehalten», ärgert sich Lorenz Habicher, SVP-Kantonsrat. «Am Wochenende vor bestimmten Kantonsratssitzungen führt sie regelrechte Telefonstafetten durch, um uns zu überzeugen.» Letztlich waren zwei Drittel der SVP für den Tunnel. Und so funktioniert die Politik von CWS: Während sich alle den Mund über ihre Frisur heissreden, bohrt sie im Hintergrund.

Erstellt: 17.01.2020, 21:54 Uhr

Die Abstimmungsvorlage

Die Abstimmung über das Rosengartenprojekt findet am 9. Februar statt. Geplant ist ein 2,3 Kilometer langer Tunnel zwischen Wipkingen und Irchel. Auf der vom Autoverkehr befreiten Rosengartenstrasse entsteht Platz für eine Tramlinie. Die Gesamtkosten werden auf 1,1 Milliarden Franken geschätzt (siehe auch Seite 25). (kbr)

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