Frauen – ganz oben

Zum 125-Jahr-Jubiläum des «Tages-Anzeigers» sprachen Frauen, die es in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an die Spitze gebracht haben.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ETH-Rektorin Sarah Springman sprachen mit TA-Chefredaktorin Judith Wittwer am TA-Meeting 2018 über Frauen in der Arbeitswelt von morgen. Video: Lea Blum

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Bundesrätin Simonetta Sommaruga kennen alle. Und Sarah Springman lernen bald alle kennen. Sie ist schon im Foyer des Schiffbaus in Zürich sehr präsent: gross, laut, perfektes Deutsch mit markant englischem Akzent. Zum traditionellen Schiffbau-Meeting – es war das 38. – hatten Verleger Pietro Supino und Tamedia-Chef Christoph Tonini 350 Verlegerkollegen, Chefredaktoren im Dutzend, Werber, Wirtschaftsleute, Kulturschaffende, Politiker sowie die plus/minus beschlussfähigen Regierungen von Stadt und Kanton eingeladen. Wer am Dienstagmorgen im Schiffbau war, schaffte es am Nachmittag gar noch ans WEF.

Gastgeber Pietro Supino und die neue Chefredaktorin Judith Wittwer , welche das Gespräch moderierte, dürfen am 2. März den 125. Geburtstag des «Tages-Anzeigers» feiern. Supinos Ururgrossvater Wilhelm Girardet , ein Buchbindergeselle hugenottischer Abstammung, gründete 1893 nach seinen Wanderjahren den Tagi als Generalanzeiger, «der Nachrichten neutral und nicht durch eine Parteibrille vermittelte», wie Supino sagte. Der Forumszeitung standen – im Gegensatz zu den damaligen Parteiorganen – alle politischen Richtungen offen. «Unsere Unabhängigkeit ist in jeder Hinsicht unsere wichtigste Eigenart und unser Stolz geblieben», so Supino. «Publizistik ist und bleibt der Kern unseres Unternehmens.»

Supino nahm die Gelegenheit wahr, um die «Unwahrheiten und Kampagnen von Boulevardmedien», wie er sagte, im Zusammenhang mit der Werbeallianz Admeira von Ringier mit der SRG und der Swisscom zu kontern: «Es stimmt nicht, dass Tamedia von einer Annahme der No-Billag-Initiative profitieren und diese befördern würde. Im Gegenteil unterstützen wir die Gebührenfinanzierung der SRG.» Aus Verlegersicht aber sei es überlebenswichtig, dass das Privileg der Gebührenfinanzierung nicht dazu genutzt werde, um das private Angebot zu konkurrenzieren. Nach dem 4. März müsse sich die SRG «Grenzen setzen».

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Nach diesem medienpolitischen Exkurs war die Bühne in der Schiffbau-Halle frei für «drei Frauen, die es auf vielfältigen Wegen nach ganz oben geschafft haben», so Supino. In ihren Bann gezogen hat die Gäste vor allem ETH-Rektorin Sarah Springman, weil sie «stark, authentisch und energisch» ist, so CVP-Nationalrätin und Geologin Kathy Riklin . Während andere Mädchen aus London mit Puppen spielten, baute Springman am Strand von Brighton Sandburgen und experimentierte mit Kanälen. Als Bauingenieurin errichtete sie unter anderem auf Fidschi eine Staumauer. «Ich bekam vier Heiratsanträge, zwei von Inselhäuptlingen», bekannte sie vor dem Publikum.

Springman setzte sich auch im Sport durch: Sie absolvierte fünfmal den Hawaii-Triathlon, wurde dabei zweimal Fünfte und war mehrfache Triathlon-Europameisterin. Heute ist sie gar amtierende Indoor-Ruderweltmeisterin in ihrer Alterskategorie. Am Sonntag will sie auch Schweizer Meisterin im Indoor-Rudern werden. «Deshalb trinke ich heute keinen Tropfen Wein», kündigte sie an. Ihr Pech: Tamedia kredenzte einen 09er-Lynch-Bages aus dem Bordeaux.

Auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga gab ein Geheimnis preis: «Ich habe eine Schwäche für Rasenmäher», bekannte sie im Zusammenhang mit typisch männlichen Themen in den Medien – wichtig sei Vielfalt. Silvia Steiner , Zürcher CVP-Regierungsrätin und gar als mögliche Bundesrätin gehandelt, sprach nach den Vorträgen von einer «gewissen Ernüchterung» beim Thema Frauenförderung. «Die Instrumente – Krippen und Tagesschulen – wären da. Doch die alten Familienmodelle und Traditionen sind bei uns noch zu fest verankert.»

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Die Winterthurer Finanzministerin Yvonne Beutler (SP) sieht einen Grund für die mangelnden Frauenquoten in der viel geringeren Vernetzung der Frauen. «Auch im Rotary-Club und beim Golf sind die Frauenquoten sehr tief.» Architektin Tilla Theus forderte, dass Frauenförderung im Kleinen beginnen solle. «Es müssen nicht immer die Chefposten sein, 80-Prozent-Pensen für Männer und Frauen mit Kindern sollten auch in einem Architekturbüro oder KMU möglich sein.» Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sagte: «Drei erfolgreiche Frauen auf einer Bühne sollten nicht das spezielle Thema einer Veranstaltung sein, sondern ein ganz normaler Anlass.» Der ehemalige Preisüberwacher und SP-Nationalrat Rudolf Strahm nannte die bisherige Frauenförderungspolitik «zwei Schritte vorwärts, einen zurück». Mehr als Transparenzpflicht sei bei den aktuellen politischen Verhältnissen nicht zu erreichen.

Nadja Schildknecht , Co-Direktorin des Zurich Film Festival, sagte: «Wir müssen mehr an den Strukturen arbeiten, statt bloss Quoten festzulegen – sonst bleiben die Frauen nicht lang.» Werber Frank Bodin lieferte den Stegreif-Slogan: «Krippen statt Quoten.» Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist schliesslich sagte: «Die Kirche sitzt im gleichen Boot wie Tamedia, die ETH und der Bund – es gibt bei uns noch sehr viel zu tun.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2018, 23:30 Uhr

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