Frauen genügen nicht

Medien beurteilen Frauen härter als Männer. Das zeigt eine Analyse der Stadtratsporträts von NZZ, «Landbote» und TA.

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Mauro Tuena musste sich erst einmal setzen. Als der SVP-Präsident erfuhr, dass Claudia Nielsen (SP) nicht mehr zu den Stadtratswahlen antreten würde, war er überwältigt. Die Bürgerlichen hatten lange auf diesen Moment hingearbeitet. FDP, SVP und CVP sägten monatelang am Stuhl von Richard Wolff (AL), schwenkten dann auf Nielsen um – ihre neue Zielscheibe. Und endlich hatte es geklappt. In den Medienberichten, die auf Nielsens Rückzug folgten, schien es fast, als hätte sie in ihren knapp 30 Jahren Politik nichts richtig gemacht.

Ähnlich ergeht es einer anderen Frau, die derzeit durch die Medien geprügelt wird: «‹Miss Perfect› wankt», «Reformerin ohne Netzwerk» oder «Der Fall der Businessfrau», titeln die Zeitungen über Postchefin Susanne Ruoff. Eine Auswertung des TA von dieser Woche zeigt zudem, dass Onlinekommenta­toren über Bundesrätin Simonetta Sommaruga ungleich mehr Dreck ausgiessen als über ihre Kollegen.

Die Frage stellt sich: Werden Frauen härter kritisiert? Gnadenloser beurteilt? Und werden sie auch in Medienberichten anders beschrieben?

Wir haben die Porträts der aktuellen Stadtratskandidatinnen und -kandidaten in NZZ, «Landbote» und «Tages-Anzeiger» auf Geschlechterunterschiede hin geprüft. Hinzu kamen Porträts von Ruoff in weiteren Medien. Als Datenbasis entstand eine Sammlung von 29 Porträts von Männern und Frauen.

Wer schaut zu den Kindern?

Deren Analyse offenbart: Journalistinnen und Journalisten beschreiben Karrierefrauen und Karrieremänner unterschiedlich, egal ob sie selbst männlich oder weiblich sind. Zwar werden Frauen weniger auf das Äusserliche reduziert – die Kleidung der Männer wird in den untersuchten Porträts genauso thematisiert. Dennoch zeigen sich feine Unterschiede.


Video: Claudia Nielsen tritt ab

Die SP-Stadträtin gibt an einer Medienkonferenz ihren Rückzug bekannt. Video: Tamedia


Die familiäre Situation ist etwa bei Filippo Leutenegger, der fünf Kinder aus verschiedenen Ehen hat, nie Thema. Genauso wenig bei Raphael Golta, einem verheirateten Vater von zwei Kindern. Bei den Frauen immer. Bei der Grünen Karin Rykart wird in jedem Porträt thematisiert, dass sie weniger Zeit für ihre drei Kinder haben wird. Im Porträt über Christa Meier (SP), die in den Winterthurer Stadtrat will, steht im «Landboten», dass ihre Teenies nur zeitweise bei ihr wohnen. Im Nau.ch-Porträt über Postchefin Ruoff wird beschrieben, dass ihr Mann koche, «weil bei ihr sogar das Teewasser anbrenne». Ähnliche Details über die häusliche Situation kommen bei keinem männlichen Kandidaten vor. Einzig bei Markus Hungerbühler (CVP) wird sie ausgiebig thematisiert, weil sie aussergewöhnlich ist: eingetragene Partnerschaft, Kind einer Leihmutter.

Weitere Unterschiede fallen in der Beschreibung des Auftretens der Kandidaten und Kandidatinnen auf. Während Männer beispielsweise eher als «nicht fassbar» oder «dünnhäutig» kritisiert werden, fällt die Kritik bei Frauen härter aus. Sie werden «farblos», «verbissen», «gehässig» oder «stur» genannt. Die Wörter fallen auch im «Tages-Anzeiger».

Politikern traut man mehr zu

Bezüglich Sexismus fällt aber vor allem die NZZ auf. Die bürgerliche Zeitung porträtierte nur die neuen Kandierenden. In den Titeln werden die Männer «verlässlich» oder «freundlich» genannt. Die Frauen als unecht («Intellektuelle im Volkspelz») oder als allzu ehrgeizig («Endlich im Rampenlicht») umschrieben. Mehr als bei Männern wird bei Frauen jeweils ihre Kompetenz hinterfragt. Dass sie gut sein könnten, müssen sie erst noch beweisen. Sie sind «Krampfer», «Kämpferinnen» oder «fleissig». Männer sind eher «Strategen», «souverän» oder «ausdauernd».

Wir haben die Resultate Helena Trachsel, der Gleichstellungsbeauftragten des Kantons Zürich, vorgelegt. Auch sie hat alle Porträts gelesen. Für sie ist klar: «Politikern traut man Fähigkeiten und politischen Gestaltungswillen mehr zu als den Politikerinnen.» Denn die Männer würden die Norm darstellen. Den Frauen begegne man erst einmal mit Zweifeln. Und weil man ihnen insgeheim weniger zutraue, würden sie auch kritischer beobachtet, sagt Trachsel.

Dies zeigt sich etwa an der Beschreibung «ausdauernd»: Sind Männer «ausdauernd», betont das ihre positive Durchsetzungskraft. Bei den porträtierten Frauen hingegen finden sich Abschnitte wie folgender: SVP-Kandidatin Susanne Brunner vertrete ihre Standpunkte «hartnäckig oder, negativ ausgedrückt, verbissen». Sie «schiesse auch einmal übers Ziel hinaus», kämpfe mit harten Bandagen (NZZ). Es sind dies Aussagen von ehemaligen Parteikollegen, die ins Porträt eingeflossen sind, zusammengesetzt zu einem Bild, das vermittelt: Diese Frau ist eine Kämpferin auf verlorenem Posten. Derweil steht über Roger Bartholdi in derselben Zeitung: «Wie er rennt, spricht er im Übrigen auch: ausdauernd und meist ohne Punkt und Komma. Auch wenn der Wahlkampf noch etwas andauert; die Puste dürfte Bartholdi nicht ausgehen.»

Sonderfall Karrierefrau

Der Grund für diese unterschiedliche Wahrnehmung liegt gemäss Trachsel im Sonderfall: Die Karrierefrau, vor allem die Karrierepolitikerin, sei immer noch die Ausnahme. Traditionell gehört der private Raum den Frauen, wo sie sich um Kinder und Haushalt kümmern. Es war der Raum, in dem sie hauptsächlich verkehrten. Verlassen sie diesen, fallen sie doppelt aus dem Rahmen: als Frau, die sich von den anderen Frauen abwendet, und als Politikerin, die sich unter all den Politikern in einer Minderheit befindet.

Als solche strebt sie nach der Macht, die Männer zuvor unter sich aufteilten. «Dies gilt es immer noch zu verhindern», sagt Trachsel. Die Konsequenz dieses Sonderstatus sei, dass die Frau ihre Rolle viel stärker erklären müsse, sagt Politikwissenschaftlerin Sarah Bütikofer. Im politischen Umfeld fällt die Frau zwar auf und kann ihre Botschaften sichtbarer platzieren, sie ist aber auch öfter und schlimmeren Beschimpfungen ausgesetzt.

Ebenso beim Thema Familie: Denke man bei Politikern eher, dass deren häusliche Situation Privatsache sei, würden Politikerinnen in die Defensive gedrängt und müssten über die Familienorganisation Auskunft geben, sagt Bütikofer. Wie schaffen sie das Arbeitspensum, wenn sie daheim noch kleine Kinder haben? Hält ihr «der Mann den Rücken frei» («Tages-Anzeiger») und kümmert sich um den Nachwuchs? Ist es für Wählerinnen und Wähler wichtig, zu wissen, dass die Winterthurer Stadtratskandidatin Meier geschieden ist und ihre zwei Kinder zeitweise bei ihr wohnen?

«Frauen genügen nicht», sagt die Gleichstellungsbeauftragte Trachsel. Auch wenn sie noch so gut ausgebildet sind, haftet ihnen unterschwellig ein Misstrauen an – es zeigt sich etwa an der Beschreibung von Susanne Brunner: Sie ist die «Intellektuelle im Volkspelz», eine Person also, die sich tarnt.

Hohes Sturzrisiko

Weil den Frauen von Anfang an weniger Kompetenzen zugesprochen würden und die Hürden dadurch höher seien, würden sie bei Fehlern auch schneller fallen gelassen, sagt Trachsel. «Es ist wie eine Self-fulfilling Prophecy, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.» Man habe es ja schon immer gewusst.

Laut Politikwissenschaftlerin Bütikofer können Frauen sich weniger erlauben, offensichtliche Fehler zu machen. Und befinden sie sich erst einmal in einer Krisensituation, dreht die Spirale schneller abwärts. Das Risiko, abzustürzen, ist grösser – das Auffangnetz ist bei Frauen nicht so engmaschig wie bei Männern. Am Samstag schrieb der «Blick» bereits: «So steht Susanne Ruoff derzeit ziemlich allein da», sie habe kaum eine persönliche Lobby.

Die Medienwissenschaft ist sich einig: «Dass Geschlechter-Stereotypen in Medien reproduziert werden, ist hinreichend belegt», sagt Journalistikprofessor Vinzenz Wyss. «Weil von den Medien auch Deutungsmacht ausgeht, könnte man von ihnen erwarten, dass sie den Stereotypen aktiv entgegenwirken.» Damit das gelingen kann, brauchte es laut Wyss mehr Diversität auf den Redaktionen. «Die Teams sowie die Chefetagen der Redaktionen sollten besser durchmischt werden.» Frauen sind in allen Medienhäusern untervertreten.

Gemischte Teams empfiehlt auch die Gleichstellungsbeauftragte Trachsel, und das Vieraugenprinzip. «Journalisten müssen sich fragen: Wenden wir bei Männern und Frauen den gleichen Massstab an? Berichten wir fair?» Von dieser Selbstreflexion hängt ab, ob neue Bilder entstehen – oder alte bestehen bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 23:46 Uhr

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Frauen unter Druck

Diese Stadträtinnen gingen vorzeitig

Es kommt bei Politikern vor, bei Politikerinnen aber ungleich öfter: Nach heftigem Beschuss ziehen sie sich zurück. Aktueller Fall: SP-Stadträtin Claudia Nielsen. Nach monatelanger Kritik an ihrer Amtsführung kündigte die Gesundheitsvorsteherin drei Wochen vor den Wahlen an, nicht mehr zu kandidieren. Unregelmässigkeiten bei der Verbuchung von Arzthonoraren im Triemli haben für sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Diese waren weit weniger gravierend als jene im Departement Filippo Leuteneggers, der den ERZ-Skandal aber unbeschadet überstand.

Ebenfalls unter Druck zurückgetreten ist die Grüne Monika Stocker, die von 1994 bis 2008 Stadträtin war. 2007 wurde sie schweizweit heftig für ihre Sozialhilfepolitik kritisiert, es ging unter anderem um den «Hotelfall»: Eine Familie wurde auf Kosten des Sozialamtes in einem Hotel untergebracht. Die «Weltwoche» bemängelte in einer Reihe von Artikeln Missstände im Sozialamt und bezweifelte Stockers Führungsqualitäten. Sie gab zwei Jahre vor Ende der Legislatur aus gesundheitlichen Gründen auf. Diese Woche sagte sie in der NZZ, Frauen würden nicht härter, aber anders kritisiert.

Und: «Politikerinnen verschreiben sich einem Amt mit ihrer gesamten Persönlichkeit. Deshalb geht ihnen die Kritik näher.» Als Nachfolgerin wurde 2008 Stockers Parteikollegin Ruth Genner in den Stadtrat gewählt. 2013 nahm die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes wegen Herzproblemen eine Auszeit. Als Chefin über die Strassen wurde sie von SVP und FDP stets heftig kritisiert. Dann gab Genner bekannt, nicht mehr zur Erneuerungswahl anzutreten. (rar/slm)

Claudia Nielsen.

Monika Stocker.

Ruth Genner.

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