Freie Sicht auf den See und die Alpen

Fünf Millionen Franken hat Zürich für das Ufer des 130 Jahre alten Arboretums beim Hafen Enge ausgegeben, um es wieder in den Originalzustand zurückzuversetzen.

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«Wie sah der Uferweg vor der Sanierung aus?», fragt sich eine junge Spaziergängerin. Sie war nicht die Einzige, die sich diese Frage stellte. Ein Gymischüler findet den kleinen Strand vor der «Rentenwiese» eine Wucht. Günter Kiebert, der seit seiner Pensionierung jeden Sommer bei schönem Wetter mit seiner Gemahlin dorthin spaziert, um morgens im See zu schwimmen, ist positiv überrascht. Seine einzige Kritik: «Wenn ich ins Wasser will, muss ich jetzt über gröbere Steine einsteigen.»

So viel Lob ist fast schon suspekt. Dabei ist das Arboretum (Baumsammlung) bloss ein kleiner Teil der Zürcher Quaianlagen. Er gehört mit seinen fremden Gehölzen, seinem Steingarten und dem Alpenpanorama zu den schönsten am Seeufer. Seit seiner Eröffnung 1887 erfreut sich die historische Parkanlage grösster Beliebtheit – daran hat sich bis heute nichts geändert. Als die Männer von Grün Stadt Zürich am letzten Freitag die Baugitter entfernten und das Ufer wieder zugänglich machten, wurden sie fast überrannt. So gross war der Ansturm.

Neuer attraktiver Strand

Neun Monate hatte Grün Stadt Zürich das Ufer zwischen General-Guisan-Quai und Hafen Enge gesperrt. Die Anlage war in verschiedenen Bereichen sanierungsbedürftig. In der Ufermauer fehlten Steine, die Bäume standen in zu kleinen, verdichteten Baumscheiben und konnten nicht in die Tiefe wurzeln. Einige Mauern waren wegen des Wellenschlags einsturzgefährdet, und Bäume wurden ersetzt. Grün Stadt Zürich beschloss deshalb, das 430 Meter lange Ufer für 5 Millionen Franken zu sanieren.

«Jetzt ist der Park nach denkmalpflegerischen Kriterien wieder in seinen Originalzustand zurückgeführt worden», sagte FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger gestern auf einem Rundgang. Es sind kleine Veränderungen vorgenommen worden, die aber eine grosse Wirkung erzielen. Eine besondere Attraktion vor der Liege- oder «Rentenwiese» ist ein fast 300 Quadratmeter grosser Strand.

Eine weitere Erneuerung zwischen dem Hafen Enge und dem Seebad Enge ist ein Kiesweg, der direkt dem See entlang führt. Ein zweiter Kiesweg windet sich vom Zürcher Yacht Club bis zur Grossen Kanzel. Dort wurden die sogenannten Schmusezonen – die von Hecken verdeckten Bänke – entfernt. Dieser Teil des Ufers ist neu mit Weidenstecklingen begrünt, und die Sandsteinquader der Böschungspflästerung sind bis auf wenige Abschlusssteine ersetzt worden. Jetzt ist die ursprüngliche Gestaltungsidee wieder sichtbar: der direkte Zugang zum See und die freie Sicht auf die Glarner Alpen.

Die Wege, die nun den See entlangführen, sind mit feinem Kies bedeckt. Damit die Promenade mit Kinderwagen und Rollstühlen leichter befahrbar ist, bleibt immer eine Hälfte oder ein zweiter Weg asphaltiert. Was Stadtrat Leuten­egger am meisten freut: Die Flügelnuss beim Seebad Enge, einen sehr seltenen und alten Baum, konnte Grün Stadt Zürich retten. Ein Ast, der schon vorher bei Spaziergängerinnen und Spaziergängern zu Beulen am Kopf führte, ragt immer noch relativ tief über den neuen Weg. Leuten­egger bezeichnete ihn als neues «Mahnmal für alle, die grösser als 1,70 Meter sind». Andere Mahnmale sind die vier Bunker von 1940, die jetzt wieder sichtbar sind. Und Kopien von gusseisernen Strassenlaternen im Jugendstil beleuchten die neue Uferpromenade am Abend.

Gehölze aus aller Welt

Das Arboretum war als Parkanlage konzipiert, die dem «Genuss und der Belehrung» diente. Die bedeutendsten Gartengestalter der damaligen Zeit, Otto Froebel und Evariste Mertens, zeichneten für Konzept und Ausführung verantwortlich. Noch heute erfreuen sich die Parkbesucher am vielfältigen Baumbestand, der nach botanischen Kriterien angelegt worden war. Es gibt Gruppen von Buchen, Eschen oder Eichen sowie Gehölze aus China und aus Amerika. Die Bäume sind zum Teil 130 Jahre alt. Laut Judith Rohrer von der städtischen Gartendenkmalpflege sind sie überraschend gut erhalten. «Es ist dennoch damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren der eine oder andere aus Altersgründen ersetzt werden muss.»

11 Bäume sind seit dem Baubeginn im letzten September gefällt worden – 26 neue werden noch gepflanzt. Dazu gehört die Baumreihe an der Uferpromenade. Auch andere Abschlussarbeiten erfolgen erst nach dem Züri-Fäscht vom kommenden Wochenende. Zum Beispiel werden weitere Sitzbänke aufgestellt. Die Sanierung wird daher frühestens im Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2016, 23:00 Uhr

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