Freiwilligkeit statt Zwang bewährt sich

Die neue Strategie der Stadt bei der beruflichen Integration von Sozialhilfebezügern funktioniert. Sagt das Sozialdepartement.

Nach vier Wochen, werden die Teilnehmer des Basisbeschäftigungsprogramms beurteilt.

Nach vier Wochen, werden die Teilnehmer des Basisbeschäftigungsprogramms beurteilt. Bild: TA

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Eine lichtdurchflutete Werkstatt in Wiedikon. Es riecht nach Holz und Leim. Ein halbes Dutzend Arbeiterinnen und Arbeiter schleift und hobelt an Holzrahmen. Es sind Teile für Bienenstöcke. 30'000 werden in dieser Werkstatt jährlich hergestellt. Das Besondere an dieser Werkstatt: Die Arbeiter beziehen Sozialhilfe und sie sind Teil der neuen Strategie zur beruflichen und sozialen Integration für Sozialhilfebeziehende, die im Juli 2018 in Kraft getreten ist.

Gestern Donnerstag präsentierte der Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) in einer Medienkonferenz eine erste Bilanz des Programms. Zwar können nach den ersten sechs Monaten noch keine Zahlen vorgelegt werden, sagt er. Doch zeige sich eine positive Tendenz. Die Strategie, auf Möglichkeiten zu fokussieren und nicht auf Sanktionen zu setzen, gehe auf.

Zentral für das Programm ist, dass die Arbeiter während des vierwöchigen sogenannten Basisbeschäftigungsprogramms unter Beobachtung stehen. Sei es in der Werkstatt, der Schreinerei, in der Küche oder im Büro. Von einem Expertenteam werden sie nach dieser Zeit auf ihre Motivation und ihre Arbeitsmarktfähigkeit hin beurteilt und in vier Gruppen eingeteilt. Für jede der Gruppen sind gesonderte Massnahmen vorgesehen und vor allem: die darauf folgenden weiteren Programme sind für sie freiwillig.

«An der Motivation mangelt es nicht»

Dass dies funktioniert, zeige, dass ein Grossteil der Teilnehmenden trotz fehlender Teilnahmepflicht in den verschiedenen Angeboten weiterarbeiteten. «An der Motivation mangelt es ihnen nicht», sagt Golta. Nur einem Prozent aller Sozialhilfebezüger fehlt sowohl die Arbeitsmarktfähigkeit wie auch die Motivation. Der Rest ist trotz geringen Chancen auf eine schnelle Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt motiviert.

Golta präsentiert weitere Schlüsse aus dem ersten halben Jahr: Die sozialarbeiterischen Kernaufgaben Beratung und Begleitung hätten gestärkt werden können. Ebenso sei die Transparenz zwischen den involvierten Stellen verbessert worden oder es wurden neue, auf die vier Zielgruppen angepasste Angebote geschaffen.

Aufsehen im Ausland

Das Projekt hat bei der Lancierung im letzten Juli schweizweit für Aufsehen gesorgt. Der Grund dafür ist der Paradigmenwechsel der Stadt Zürich: weg von der Sanktionierung, hin zur Befähigung und Motivation der Betroffenen. Der Strategie zu Grunde liegt die Annahme, dass eine Qualifizierung vor allem aus Eigenmotivation und nicht durch Bestrafung funktioniert. Auch international findet das Beachtung. Beim Rundgang durch die Werkstatt gestern Morgen im städtischen Zentrum an der Aemtlerstrasse war auch das österreichische Fernsehen ORF anwesend.

Die Strategie der Stadt ist einzigartig für die Schweiz. Golta zitiert eine Überblicksstudie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), wonach am Arbeistmarkt ein «Perfect Matching» vorherrsche, also eine Harmonie von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeistmarkt. Er zitiert weiter, dass monetäre Anreize ausschlaggebend seien, um Anreize für Sozialhilfebezüger zu schaffen. Der bisherigen Erfolg seiner neuen Strategie, die hier im Zentrum an der Aemtlerstrasse zu beobachten ist, widerlege beide Befunde.

Erstellt: 31.01.2019, 17:17 Uhr

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