Für 7000 Franken Kleider bestellt – und nicht bezahlt

Bei der Hausdurchsuchung eines heute 38-Jährigen waren die Kleider sogar noch etikettiert. Nun musste er sich vor Gericht verantworten.

Vom Zürcher Obergericht verurteilt: Ein 38-jähriger Mann  wurde wegen Bestellungsbetrugs mit gemeinnütziger Arbeit bestraft. Foto: Doris Fanconi

Vom Zürcher Obergericht verurteilt: Ein 38-jähriger Mann wurde wegen Bestellungsbetrugs mit gemeinnütziger Arbeit bestraft. Foto: Doris Fanconi

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Was will man da noch leugnen? Bei der Hausdurchsuchung wird ein Laptop gefunden, auf dem Adressen von Onlinehändlern und E-Mail-Adressen mit verschiedenen Namen gespeichert sind. Sichergestellt werden teilweise noch etikettierte oder originalverpackte Kleidungsstücke, die – wie sich in der Folge herausstellt – bestellt, aber nie bezahlt wurden. Auf einem Handy finden sich konspirative Kurznachrichten, die klar auf Bestellungsbetrügereien hindeuten.

Fürs Dolmetschen «bezahlt»

Und was macht der Beschuldigte, bei dem Ende 2015 diese Hausdurchsuchung stattfand und dem sowohl der Laptop wie auch das Handy gehören? Er bestreitet, auch nur das Geringste mit diesen Straftaten – Schadenssumme rund 7000 Franken – zu tun zu haben.

Seine Erklärung: Er habe 2014 und 2015 in einer Asylunterkunft gewohnt. Dort hätten die verschiedensten Personen den Laptop benützt. Er selbst habe nie Waren bestellt, weder unter seinem eigenen noch unter einem fremden Namen. «Ich bin in die Sache reingefallen.»

Und die Kleider? Das seien Geschenke und Entschädigungen für seine Dienste. Er, der, bevor er in die Schweiz kam, in Deutschland lebte und Deutsch einigermassen gut beherrscht, hatte sich den Leuten im Asylheim nämlich als Dolmetscher anerboten. Zum Teil hätten die Leute die Sachen aber auch bei ihm zwischengelagert, nachdem er in Zürich in ein Appartement gezogen war.

Dumm nur, dass es da auf dem Laptop weitere Hinweise gab, die auf ihn als Täter hinwiesen. So hatte er nach dem ­Auszug aus dem Asylheim bei Google danach gesucht, welche Online­geschäfte Waren auf Rechnung liefern oder wie man mit Paypal bezahlen kann, ohne Geld zu besitzen. Per Kurznachrichten informierte er einen Kollegen, er habe an dessen Adresse unter einem falschen Namen eine Bestellung aufgegeben. Deshalb solle er den Falschnamen am Briefkasten anbringen.

«Offensichtliche Lügen»

Wie bereits das Bezirksgericht beurteilte auch das Zürcher Obergericht die Aussagen des Mannes als lebensfremd, konstruiert, widersprüchlich, teilweise nachweislich falsch und abwegig. Es handle sich um offensichtliche Lügen und Ausreden. Er habe «munter in der Weltgeschichte herumschwadroniert».

Wegen mehrfachen Betrugs und Fälschens von Ausweisen bestrafte es den Mann mit 480 Stunden gemeinnütziger Arbeit und einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 20 Franken – beides unbedingt.


Viele Onlinehändler sind von Betrug betroffen

Der Verteidiger hatte gestern vor Obergericht beantragt, sein Mandant sei vom Vorwurf des Betrugs freizusprechen. Denn für eine Verurteilung fehle es an der zwingend nötigen Arglist.

Tatsächlich darf von Arglist nicht ausgegangen werden, wenn das Opfer angemessene, grundlegendste Vorsichtsmassnahmen vernachlässigt hat. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Opfermitverantwortung.

Es gebe, sagte der Verteidiger, einfache und trotzdem effektive Schutzmechanismen. Solche seien von den betroffenen Onlinehändlern, obwohl zumutbar, nicht ergriffen worden.

Man könne den Schwarzen Peter nicht einfach den Onlinefirmen zuschieben, meinte das Obergericht. Wollte man den Argumenten des Verteidigers folgen, wäre im Zusammenhang mit Onlinegeschäften eine Verurteilung wegen Betrugs praktisch unmöglich.

Wahrscheinlich sei damals, in den Jahren 2014/2015, im Onlinegeschäft «betrogen worden, dass sich die Balken bogen». Seither hätten die Firmen als logische Folge dieser Verluste die Sicherheitsstandards erhöht.

Zahlungsunfähige Besteller

Dies zeigt auch eine aktuelle Studie der Wirtschaftsauskunftei Crif und des Verbands des Schweizerischen Versandhandels vom Herbst letzten Jahres, die bei Schweizer Online- und Versandhändlern zum Thema Betrug durchgeführt wurde.

92 Prozent der Befragten gaben damals an, dass sie schon einmal von Betrug betroffen waren. Knapp die Hälfte der Um­frageteilnehmer schätzte, dass der Betrug im Vergleich zum Vorjahr angestiegen sei – und zwar zum Teil stark. 95 Prozent gaben an, dass sie Massnahmen zur Betrugserkennung vornähmen. Über 86 Prozent würden beispielsweise verdächtige Bestellungen manuell überprüfen.

Die häufigste Betrugsform ist nach wie vor jene, bei welcher Ware bestellt wird, obwohl man von vornherein weiss, dass man sie nicht bezahlen kann. Am zweithäufigsten werden Waren gekauft, wobei man gefälschte Angaben macht. An dritter Stelle, und gegenüber dem Vorjahr stark zunehmend, sind Betrug und Betrugsversuche, bei denen mit falschen Identitäten gearbeitet wird.

Erstellt: 25.04.2019, 08:21 Uhr

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