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«Ganz Zürich hat sich dort mit Stoff versorgt»

Sherry Weidmann ist der Verwalter der beiden Gammelhäuser im Kreis 4. Er sagt, wie es zu den unhaltbaren Zuständen kommen konnte.

«Zu Spitzenzeiten haben sich 500 Schwerstsüchtige im Haus mit Drogen versorgt»: Liegenschaftenverwalter Sherry Weidmann über die Zustände an der Neufrankengasse. (Video: Lea Blum)

Während der Liegenschaftenbesitzer für die Medien nicht erreichbar war, kennt Verwalter Sherry Weidmann keine Berührungsängste. Bei der Räumung der Häuser an der Neufrankengasse war er fast auf allen Medienkanälen präsent und nie um eine Antwort verlegen. Der 50-jährige Inhaber der Immobilienfirma Real Estate Solution, die eigene und fremde Liegenschaften verwaltet und vermietet, strahlt jene Aura aus, die Selfmademännern eigen ist: Extrovertiert und mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet, die schnell ins Arrogante überschwappen kann.

Beim Besuch in seinem Büro in Wipkingen gibt sich Weidmann locker: Hart in der Sache, freundlich im Ton. Er selber charakterisiert sich als stockkonservativ und als Einzelgänger. Weidmann ist stolz darauf, dass er immer als Unternehmer und nie als Angestellter gearbeitet hat. Früher als Jurist, die vergangenen Jahre als Liegenschaftenverwalter. Zu den Häusern, welche im Besitz der Real Estate Solution sind, will er keine Angaben machen. Nur so viel: «Viele in der Schweiz, Deutschland und Portugal.» Zehn Mitarbeiter stehen auf seiner Lohnliste.

Prozess wegen Mietwucher noch offen

Den Vorwurf, dass die drei nun geräumten Schmuddelhäuser unter seinen Fittichen zu einem Miniplatzspitz im Kreis 4 werden konnten, weist Sherry Weidmann vehement zurück. Er habe vor zwei Jahren die Verwaltung der Häuser übernommen. Zusammen mit dem Eigentümer, einem Geschäftspartner, sei man damals zum Schluss gekommen, dass die Situation nicht mehr haltbar sei. Deshalb wurde im Mai 2015 allen Mietern gekündigt. Drei Monate später seien sämtliche Mietgerichtsverfahren abgeschlossen gewesen, danach habe man den Bewohnern eine Mieterstreckung bis Ende 2016 gewährt.

Laut Weidmann hatte man die Situation im Griff gehabt, bis zur Polizeiaktion im Dezember 2015, als es zur Razzia kam. «Diese ist völlig aus dem Ruder gelaufen», sagt er. Die Stadt habe unverhältnismässig gehandelt und am Besitzer ein Exempel statuieren wollen. Ob dies der Fall war, wird der Prozess wegen Mietwucher gegen den Hausbesitzer vor dem Bezirksgericht Zürich zeigen. Wann dieser stattfindet, ist noch offen.

«Supoptimale» Mieter

Gemäss Weidmann betrugen die durchschnittlichen Appartementpreise – 25 Quadratmeter mit Bad und Küche – 1100 Franken. Ein günstiger Preis für diese Toplage, wie er sagt. An diesem Standort könnte man auch 1600 Franken verlangen. «Suboptimale» Mieter, so Weidmann, hätten Drögeler und Dealer angezogen. Es habe sich in der Phase der Zwischenmiete – bei der Mieterstreckung bis Ende 2016 – eine Sogwirkung entwickelt, die nicht mehr zu stoppen war.

«In der Szene hat sich schnell herumgesprochen, dass man in der Neufrankengasse Drogen kaufen und verkaufen kann.» Zu Spitzenzeiten seien dort bis zu 500 Personen ein- und ausgegangen. «Ganz Zürich hat sich da mit Stoff versorgt.» Trotzdem ist die Situation in den Medien für Weidmann zu dramatisch dargestellt worden. «In den beiden Häusern mit 115 Wohnungen hatten wir auch Mieter, die nichts zerstört haben.» Das sei von den Medien ausgeblendet und verzerrt dargestellt worden. Und die Bilder des dreckigen Treppenhauses, vom überall herumliegenden Abfall und den zertrümmerten Scheiben? Laut Weidmann kam die Verslumung schleichend, bis man das Problem nicht mehr lösen konnte. Rückblickend hätte man schneller und energischer handeln müssen, räumt er ein.

«Luft ablassen» beim Trompete spielen

Täglich mit Schwerstdrogensüchtigen konfrontiert, wie hält man das aus? «Es geht einem sehr nahe, es sind herzzerreissende Individualschicksale», sagt er. «Arme Hagel», die sich selber nicht mehr helfen können. Geistig und körperlich völlig vom Stoff abhängig.

Was sein Privatleben betrifft, gibt sich Weidmann bedeckt: Er ist ein «Rheinbube» und in Eglisau aufgewachsen. Er arbeitet in der Stadt Zürich und lebt mit seiner portugiesischen Partnerin und drei Kindern in einer Zürcher Vorortsgemeinde im Grünen. Der passionierte Trompetenspieler spielt seit seiner Kindheit Musik und engagiert sich in diversen Blasmusiken, ein «Vereinsmeier», wie er selber sagt. Nach einem anstrengenden Arbeitstag müsse er zu Hause erst einmal «Luft ablassen» und spiele dann eine halbe Stunde lang Trompete, sagt Weidmann. Daneben geht er mit den Söhnen gerne in das eigene Waldstück und geniesst die Natur.

Die Räumung des ersten Hauses an der Neufrankengasse im Januar 2017:

Im Zürcher Kreis 4 beseitigten mehrere Arbeiter Tonnen von Müll, Drogen und Möbeln. (Video: Stefan Hohler und Lea Koch)

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