Sprachprobleme führen zu gefährlichen Situationen im Spital

Immer häufiger kommt es in Zürcher Spitälern zu Verständigungsproblemen. Doch wer zahlt die Dolmetscher?

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Eine Ärztin stellt bei einem Patienten, der mit Bewusstseinsstörungen im Notfall eingeliefert wird, Diabetes fest. Im Spital versucht man, ihm klarzumachen, wie wichtig es ist, dass er seine Ernährung anpasst und die Therapiemassnahmen genau befolgt. Nur: Der Mann kommt aus Eritrea, versteht kein Wort Deutsch und spricht auch keine andere der bei uns gängigen Sprachen. «Solche Situationen haben im Spitalalltag stark zugenommen», sagt Marianne Keller, die am Kantonsspital Winterthur (KSW) die Aufgabe hat, die Angebote für die Kommunikation mit fremdsprachigen Patientinnen und Patienten zu regeln.

Bis vor einiger Zeit war es meist möglich, sich mit Patientinnen und Patienten in einer der Landessprachen oder in Englisch zu unterhalten. Heute reichen diese Kenntnisse nicht mehr aus, denn in der Schweiz leben 200'000 Menschen, die keine dieser fünf Sprachen verstehen. Deshalb stehen viele Spitäler vor der Frage, wie sie die Kommunikation sicherstellen. «Wir sind zunehmend mit solchen Situationen konfrontiert», sagt auch Sabrina Good von der Uni­versitätsklinik Balgrist.

Patienten sind oft mittellos

Das geltende Zürcher Patientengesetz aus dem Jahr 2004 hält fest, dass Patientinnen und Patienten «rechtzeitig, angemessen und in verständlicher Form über die Vor- und Nachteile sowie die Risiken der Behandlungen und möglichen Alternativen aufzuklären» seien. Da liegt ­vieles, gerade im Umgang mit Fremdsprachigen, im Ermessensspielraum. Und die Kosten für Dolmetscherdienste sind weder in den Fallpauschalen berücksichtigt, noch werden sie durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgedeckt. Sie auf die Patienten zu überwälzen, ist kaum opportun, sind doch diese meist mittellos. Das heisst: Die Kosten bleiben am Spital hängen.

«Das Thema ist daher für eine Spitalleitung herausfordernd – insbesondere was die Finanzierung betrifft», sagt Keller. Doch sei der Druck aus der Praxis gross. Daniel Schiefelbein, Leiter des Pflegedienstes im Spital Uster, sagt: «Es muss immer im Interesse der behandelnden Person liegen, den Patienten korrekt zu verstehen.» Denn davon hänge die resultierende Massnahme oft direkt ab. «Ein Missverständnis kann ­fatale Folgen haben.»

Manche Spitäler haben bereits klare Richtlinien erarbeitet, wann welche Dienste beansprucht werden. Darunter Uster, der Balgrist oder auch das Stadtspital Triemli. Das KSW ist auf dem Weg dorthin. Das KSW greift dabei – zusätzlich zu Profi-Dolmetschern – stark auf ­internes Know-how zurück. So werden alle mehrsprachigen Mitarbeitenden angefragt, ob sie bei Bedarf als Dolmetscher tätig sein würden. Entweder während der Arbeitszeit oder gegen ein Entgelt auch in der Freizeit. Im Moment stehen dem KSW 82 Personen zur Verfügung, die rund dreissig Sprachen abdecken: Albanisch, Dänisch, Arabisch, Somalisch, Kurdisch, Tamilisch, Russisch ...

Nicht alle Mitarbeiter geeignet

Dass Spitäler Mitarbeitende als Laiendolmetscher einsetzen, ist nicht neu. Auch in Uster und im Balgrist ist das gang und gäbe. Allerdings ist das Vor­gehen nicht unbestritten – einerseits ­wegen der Fachkenntnisse, andererseits, weil diese Laiendolmetscher in der Zeit an ihrem angestammten Arbeitsplatz fehlen. Das Triemli setzt fast nur professionelle Dolmetscher ein, was ­natürlich ins Geld geht. Nur wenn es um ganz einfache Sachverhalte gehe, wie etwa darum, dass den Patienten ein Coiffeursalon im Hause zur Verfügung stehe, werde das über Mitarbeitende oder Angehörige abgedeckt. Am Balgrist werden nur Mitarbeitende mit medizinischen Kenntnissen eingesetzt. Wer also im Gastrobereich oder bei der Gebäudereinigung arbeitet, wird nicht angefragt.

Im KSW können theoretisch alle Mitarbeitenden als Dolmetscher eingesetzt werden – «vorausgesetzt sie trauen sich das auch zu – und wir trauen es ihnen zu», betont Marianne Keller. «Um die Mitarbeitenden darin zu stärken und die Qualität sicherzustellen, ist geplant, diese zu begleiten und zu schulen.» Dabei geht es um mehr als die Grundlagen wie Schweigepflicht oder die Rolle des Übersetzers. «Unsere Leute müssen auch darauf sensibilisiert werden, wenn interkulturelle Missverständnisse auf nicht sprachlicher Ebene vorliegen.»

Die Ethnologin und Pflegefachfrau Marianne Keller leitet neben ihrem ­Engagement am KSW die Fachstelle für interkulturelle Fragen am Kinderspital. Dort stellt sie immer wieder ein unterschiedliches Verständnis von Kranksein fest: «In gewissen Kulturkreisen geht man eher von einer passiven Krankenrolle aus, bei uns von einer aktiveren.» So ist es bei manchen Krankheiten besser, möglichst bald aufzustehen und sich zu bewegen, statt sich ins Bett zu legen und pflegen zu lassen. Nur sei das nicht immer einfach zu vermitteln. Auch Daniel Schiefelbein betont, wie wichtig es ist, kulturelle und soziale Aspekte zu berücksichtigen. «Im Idealfall wird nicht nur das Wort übersetzt, sondern auch das, was damit gemeint ist.»

Wenn die Tochter übersetzt

Interne Dolmetscherdienste sind nicht immer so leicht in den normalen Arbeitsablauf einzubauen, wobei keines der befragten Spitäler Zahlen erhoben hat, wie oft ihre Mitarbeitenden von ihrem Dienst abgezogen werden. Solche Zahlen will Marianne Keller künftig erfassen. «Nur so können wir belegen, welch wichtige Rolle Übersetzungsdienste haben.» Schiefelbein sagt, dass viele Anfragen von eigenen Mitarbeitenden abgedeckt werden können. «In der Regel sind diese innert ein bis zwei Stunden für eine Übersetzung abrufbar.»

Auch Angehörige werden für alltägliche Informationen und Beratungen zum Übersetzen zugezogen. «Wenn die Situation komplexer ist, müssen sich die Gesprächsverantwortlichen allerdings gut überlegen, ob das zu verantworten ist», gibt Keller zu bedenken. «Stellen wir uns den krassen Fall vor, dass eine Tochter ihrer Mutter eine Krebsdiagnose übersetzen soll.» Wenn Angehörige beigezogen werden, spielen auch Tabus und andere Vorstellungen davon, wie man über Krankheiten spricht, eine Rolle. «Die ­Gesprächsleiter müssen sehr gut darauf achten, ob die Antworten plausibel sind, wenn sie mit Laiendolmetscher, arbeiten.» Der Balgrist weist darauf hin: «Es liegt in der Kompetenz und Verantwortung des Arztes zu entscheiden, ob der Patient die Sachlage verstanden hat.»

In allen befragten Spitälern werden daher für heikle Gespräche professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher zugezogen. Die meisten arbeiten dabei mit dem Dolmetscherdienst Medios zusammen, der zur Asylorganisation AOZ gehört und Übersetzerinnen und Übersetzer in über 70 Sprachen vermittelt, die spezielle Zusatzausbildungen für den Bereich Gesundheit aufweisen. Diese kommen vor Ort oder sie sind, rund um die Uhr, am Telefon für Übersetzungen verfügbar.

Profis für heikle Gespräche

In Uster werden pro Jahr im Schnitt zwischen 50 und 60 Stunden externe Dolmetscherdienste beansprucht, im Balgrist pro Monat etwa sechs für fremdsprachige und gehörlose Patientinnen und Patienten, wobei die Dolmetscherdienste durch Angehörige und Personal weit häufiger seien. Im Triemli, wo man fast ausschliesslich auf professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher setzt, werden keine separaten Zahlen erhoben, da die Kosten in den einzelnen Abteilungen abgerechnet werden.

Marianne Kellers Konzept für die Dolmetscherdienste am KSW ist von der Spitalleitung verabschiedet worden und wird jetzt Schritt für Schritt in die Praxis umgesetzt. Dass sich dabei immer wieder die Kostenfrage stellt, lässt sich nicht schönreden. So sind Mitarbeitende und Angehörige natürlich die günstigste Lösung. Wenn ein professioneller Dolmetscher angefordert wird, müssen die Spitäler neben dem Stundenansatz auch eine Arbeitsweg-Pauschale übernehmen – das kommt bald einmal auf mehr als 100 Franken. Und auch eine Telefonkonsultation kann ins Geld gehen: Hier kostet die Grundtaxe 30 Franken, jede Gesprächsminute 3 Franken.

Sicherheit und Gleichheit

Marianne Keller verweist auf ein Positionspapier der Fachgruppe interkulturelles Dolmetschen der Swiss Hospitals for Equity (SH4E). Dort wird die Ansicht vertreten, dass «der chancengleiche Zugang zur Gesundheitsversorgung ohne adäquate Verständigung» nicht gewährleistet werden könne – und unter dem Strich auch unnötige Kosten verursache.

SH4E verweist auf Studien, die zeigen, dass bei Menschen, mit denen man sich nicht richtig verständigen kann, mehr diagnostische Untersuchungen gemacht werden und es bei Medikamenteneinnahmen häufiger zu Komplikationen kommt. Auch verkürzt der Einsatz von Dolmetschern die Verweildauer im Spital und die Patienten müssen danach seltener wieder hospitalisiert werden. Deshalb ruft die Gruppe dazu auf, den Einbezug von qualifizierten Dolmetschenden als Leistung im Gesundheitswesen sicherzustellen und auf natio­naler Ebene eine nachhaltige Finan­zierungslösung umzusetzen. «Es geht schliesslich um so etwas Kostbares wie Patientensicherheit und Gleichbehandlung», sagt Marianne Keller.

In Zürich hat es dieses Thema immerhin schon auf die politische Agenda geschafft. Im September reichen Karin Fehr (Grüne, Uster) und Isabel Bartal (SP, Zürich) ein Postulat betreffend Interkulturelles Dolmetschen in der psychiatrischen Versorgung ein. Dabei soll der ­Regierungsrat prüfen, ob die Kosten vom Kanton übernommen werden könnten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2016, 08:11 Uhr

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