Zum Hauptinhalt springen

«Gefangen sind die, die sich neuen Erkenntnissen verweigern»

André Odermatt wehrt sich gegen den Vorwurf, er sei zögerlich und habe wichtige Fragen zur Verdichtung zu lange aufgeschoben.

Mit André Odermatt sprach Marius Huber
SP-Stadtrat André Odermatt an seinem Schandfleck in Zürich und was er dagegen unternehmen will. <br>Video: Marius Huber und Dominique Meienberg

Dieses Jahr kommt es endlich zur grossen Debatte über Ausbau und Verdichtung der Stadt, festgelegt im kommunalen Richtplan. Leider zu spät: Es wird überall längst gebaut.

Es wird so viel gebaut, weil die Bau- und Zonenordnung so grosse Reserven bietet, unabhängig von der Richtplanung. Die Debatte über Verdichtung findet längst statt. Und nun ist die Zeit reif, diese in einen kommunalen Richtplan zu fassen. In einem bestimmten Punkt wäre es aber nicht schlecht gewesen, man hätte den kommunalen Richtplan früher gehabt: wo es um die Sicherung von Standorten für die Infrastruktur geht. Zum Beispiel um die Frage, wo die Schulhäuser hinkommen sollen.

Der Richtplan wird Verlierer hinterlassen, Leute, die verdrängt werden. Kann ein konzilianter Typ wie Sie hinstehen und harte Entscheide vertreten?

Das Hochschulgebiet ist der beste Beweis, dass ich das kann – auch wenn die Bedenken gross sind. Beim Richtplan werde ich aufzeigen, worin die Chancen liegen, wenn die Stadt erneuert wird: Wir können sogar Qualitäten schaffen, die es bislang nicht gab. Verdrängt würden Leute nur, wenn man nicht für Durchmischung sorgt. Das Gesetz würde es eigentlich bereits heute erlauben, preisgünstigen Wohnraum planerisch einzufordern – nur muss der Kanton endlich seine Umsetzung regeln.

«Mit lautem Bellen lässt sich wenig erreichen.»

Apropos Hochschulquartier: Dort bestimmt doch der Kanton, und Sie machen einfach gute Miene.

Das ist definitiv nicht so, wir waren von Anfang an involviert. Meine Rolle war es, das Beste für die Stadt rauszuholen. Deshalb wurde ein Stadtraumkonzept erarbeitet. Wir fanden, Ziel sei nicht nur mehr Bauvolumen, sondern auch ein lebendiger, gut vernetzter Stadtteil.

Aber den Lead hat der Kanton: Der gestaltet die Stadt um, und Sie stellen quasi den Beirat. Reicht das?

So ist es wirklich nicht. Der Prozess war auf allen Ebenen ein gemeinsamer. Wir haben viel Wichtiges eingebracht, auch wenn das von aussen anders wirkt.

Stadträte mit anderem Naturell hätten mal auf den Tisch gehauen.

Mit lautem Bellen lässt sich wenig erreichen. Wir liessen uns lieber auf die Zusammenarbeit ein und vertraten dort die Position der Stadt. So mussten sich alle zusammenraufen, und am Ende schaute dabei eine gute Lösung raus.

Manchmal hilft Bellen vielleicht, damit die Verhandlungspartner merken, dass man es ernst meint.

Das passiert natürlich schon, einfach hinter den Kulissen.

Wie stehts beim Rosengartentunnel? Warum sind Sie plötzlich dafür?

Ich habe das Projekt als Stadtrat näher kennen gelernt und gemerkt, dass es städtebauliche Chancen bietet. Wenn man sich mit so was vertieft auseinandersetzt, verändert sich der Blickwinkel.

Wer alle Seiten kennt und versteht, weiss manchmal kaum mehr, was er selbst will. Hemmt Sie Ihr Wissen?

Nein, überhaupt nicht, Wissen ermöglicht. Was stimmt: Ich kenne diese Stadt gut. Mir kann keiner irgendwas erzählen, was nicht Hand und Fuss hat. Sonst hake ich nach und komme mit Fakten. Das mag den einen oder anderen stören.

Sie kennen es nicht, dass eine klare Haltung zerfällt, je mehr man weiss?

Nehmen Sie den Rosengarten. Am Anfang stand der Widerstand gegen Zusatzkapazität für die Strasse. Dann zeigten die Fakten: Es gibt keine Zusatzkapazität. In solchen Momenten muss man den Mut haben, seine These in den Eimer zu werfen. Eine differenzierte Haltung ist nicht eine unklare. Ich bin einfach zu pragmatisch, um mich ideologisch zu verschanzen. Gefangen sind nicht die, die zu viel wissen, sondern die, die sich neuen Erkenntnissen verweigern.

Warum hat Ihr Departement immer noch Mühe mit den Baukosten?

Wir haben das genau angeschaut und gesehen: Die Flächen sind die grössten Kostentreiber. Das liegt an den Ansprüchen der Nutzer. Darum greife ich dort jetzt immer ein. So haben wir etwa beim Heuried 20 Millionen herausgeholt. Das Problem der Politik ist: Weil wir das jetzt routinemässig machen, wird es nicht mehr als Leistung wahrgenommen.

Man hört auch, Sie würden Ihr Kader zu lasch führen.

Was ist denn gute Führung? Man muss dem Kader vertrauen und ihm Verantwortung überlassen. Allerdings darf es sich auch nicht sperren, wenn ich ein strategisches Thema setze. Das passiert auch nicht. Die Kritik wundert mich, denn ich gelte als anspruchsvoller Chef, der von allen qualifizierte Fakten und lösungsorientierte Vorschläge einfordert.

----------

Noch mögen alle André Odermatt

Zur Leistungsbilanz des SP-Stadtrats.

----------

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch