Gefechtsstand Quaibrücke

In den 40er-Jahren verlief mitten durch Zürich eine Verteidigungslinie. Wo die Maschinengewehrschützen auf den Feind warteten im 6. Teil unserer Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Das junge Paar aus Japan lichtet sich am Stadthausquai abwechselnd vor der Szenerie im Hintergrund ab. Bauschänzli, Grossmünster, Bellevue. Immer wieder klickt der Fotoapparat. Keiner der beiden kann ahnen, dass sich gleich unter ihnen ein Bunker befindet, in dem noch vor 70 Jahren Soldaten der Schweizer Armee dieselbe Szenerie ins Visier nahmen – allerdings mit einem Maschinengewehr.

Unter einem Schachtdeckel zwischen Quaibrücke und Bauschänzli liegt der Zugang zum Maschinengewehrstand A4844. Über eine Metallleiter gelangt man in einen Stollen, der in der ersten von fünf Geschützkammern endet. Enge Durchgänge verbinden die Räume miteinander, Schlitze in der Mauer und Geschützluken geben den Blick frei auf die Limmat und das gegenüberliegende Ufer. «Wir nennen den Bunker armeeintern auch die Fünf-Zimmer-Villa von Zürich», schmunzelt Felix Köfer vom Infra Center Othmarsingen, der für den Geschützstand bei der Quaibrücke zuständig ist.

Der Feind aus dem Norden

Die Räume, denen sechs Mann zugeteilt wurden, sind kaum zwei Meter hoch und teils weniger als 10 Quadratmeter gross. Die Feuchtigkeit des angrenzenden Flusses scheint durch jede Ritze einzudringen. Es ist an diesem Tag tropisch warm im Gefechtsstand. Trotzdem stehen überall Kerzen herum. «Das ist in einem Bunker unerlässlich. Mit Kerzen kann man den Sauerstoffgehalt kontrollieren», erklärt Köfer.

1939 wurde mit der Planung des Maschinengewehrstands begonnen. Im Frühling 1940 war die Anlage bereit für den Einsatz. In drei Kammern waren leichte Maschinengewehre vom Typ 1925 positioniert, in den anderen beiden standen je ein Maschinengewehr vom Typ 1911 auf Feld-Lafette. «Die leichten Maschinengewehre konnten mit Munitionsmagazinen geladen werden. Bei den anderen musste man Patronengürtel heranschaffen und sie mussten von drei Mann bedient werden», so Köfer.

Das Schussfeld war nach Norden hin ausgerichtet. Im Ernstfall hätten ein paar Steine um die Luken in der Quaimauer herausgeschlagen werden können, um das Schussfeld zu erweitern. Der Bunker bei der Quaibrücke war einer von vielen entlang der Limmat. Denn der Fluss war bis Anfang der 40er-Jahre als weitere ins Landesinnere zurückversetzte Verteidigungslinie gedacht, wenn der Rhein von Truppen aus dem Norden überquert worden wäre (siehe Box).

Sprengsätze für die Quaibrücke

Im Maschinengewehrstand A4844 war denn auch eine Sprengstelle mit Zündkasten und Zündleitung installiert. «Von hier aus hätte man im Falle eines Angriffs die Quaibrücke sprengen können», meint Köfer und zeigt auf einen unscheinbaren Metallkasten. «Die Sprengsätze wurden natürlich längst wieder entfernt.»

Auch sonst wurde der Geschützstand nie zu Verteidigungszwecken genutzt. Im März 2004 wurde die Anlage offiziell deklassiert und aus der Geheimhaltung entlassen. Sie wird aber von der Armee zur «integralen Erhaltung aus typologischen Gründen» empfohlen, da sie innerhalb der Verteidigungslinie der Stadt Zürich ein Unikum darstellt. Im kantonalen Inventar der schützenswerten Bauten ist der Bunker allerdings noch nicht aufgeführt.

Wie die Zukunft des Bunkers unter den Touristenströmen von Zürich aussehen wird, weiss denn auch Köfer nicht. Trotzdem putzt er die Spinnweben heute besonders sorgfältig von den Wänden. Am kommenden Samstag sollen die Räume des Maschinengewehrstands nämlich wiederbelebt werden – wenn auch nur für ein paar Stunden. «Dann findet hier eine Führung statt», sagt Köfer. Wie viele Leute denn in den engen Bunker hinabgelassen werden? «So viele, wie es Helme hat.»

Die erste der beiden Führungen durch unterirdische Festungswerke der Stadt Zürich startet am Samstag, 10. September 2011 um 10 Uhr, die zweite um 14 Uhr beim Brunnen auf dem Lindenhof und dauert circa zwei Stunden. Sie findet unter der Leitung der Historiker Stephan Steger und Markus Stromer von Archäologie und Denkmalpflege des Kantons Zürich statt. Zusätzliche Stationen der Führung sind die Reste des römischen Kastells auf dem Lindenhof und die Kasematten der barocken Stadtbefestigung am Schanzengraben.

Erstellt: 05.09.2011, 11:18 Uhr

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Historischer Hintergrund

«Nach dem deutschen Überfall auf Polen und der Generalmobilmachung stellte die Armeeführung unter General Guisan fest, dass für eine vollständige Absicherung der Landesgrenzen keine ausreichenden Ressourcen vorhanden waren. Deshalb wurde das Szenario ‹Fall Nord› ausgearbeitet und eine zusammenhängende, verkürzte Front gebildet. Das Schwergewicht der Verteidigung lag zwischen Zürichsee und Hauenstein.

Im Bereich der Stadt Zürich folgte der Frontverlauf ab Wollishofen dem Seeufer und danach der Limmat entlang bis Wipkingen. Für die Durchführung der Befestigungsmassnahmen und die Besetzung der Stellungen wurde ein Stadtkommando installiert.

Durch den Einfall der deutschen Wehrmacht in Frankreich und den Kriegseintritt Italiens als Achsenpartner Deutschlands war die Schweiz allseitig von feindlichen Mächten umgeben und das Szenario ‹Fall Nord› wurde hinfällig. In der Konsequenz beschloss Guisan, die Armee zur ‹Rundumverteidigung› (Réduit) in die Alpen zurückzuziehen. Die Einsatzdauer der Limmatstellung hatte somit nur wenige Monate gedauert.»

Erläuterungen: Stephan Steger, Historiker der Archäologie und Denkmalpflege des Kantons Zürich.

Die Serie

«Was steckt dahinter? Was liegt darunter?» Unter diesem Motto öffnet Tagesanzeiger.ch Türen, die allen anderen verschlossen bleiben, und blickt in Gewölbe, die sonst niemand zu sehen bekommt.

Welche Räume möchten Sie gerne einmal virtuell betreten? Welche Orte besuchen, zu denen Sie keinen Zutritt haben? Melden Sie sich bei uns unter zuerich@newsnetz.ch. Die Redaktion trifft eine Auswahl.

Folgendes gilt es dabei zu beachten:
- Der gewünschte Ort sollte sich im Kanton Zürich befinden.
- Die genaue Adresse, die Koordinaten müssen angegeben werden.
- Wenn möglich sollte ein Foto von der Tür oder dem Eingang zum verborgenen Ort mitgeschickt werden.
- Der Absender muss eine Telefonnummer angeben, unter der er oder sie tagsüber erreichbar ist.

In der Serie bereits erschienen sind:
«Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten»
«Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich»
«Die vergessene Festung»
«Wo die Ewigkeit beginnt»
«Die Gasse mit der schmutzigsten Vergangenheit Zürichs».

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