«Ein Parteiwechsel ist wie eine Scheidung»

Stadtratskandidatin Susanne Brunner will Zürich schuldenfrei machen. Was die SVP-Politikerin über die Personenfreizügigkeit denkt, sagt sie nicht.

Die Stadtratskandidatin Susanne Brunner von der SVP möchte den Carparkplatz hinter dem HB attraktiver machen. Video: Lea Blum

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Ihr Arbeitgeber Economiesuisse ist für die Personenfreizügigkeit. Ihre Partei, die SVP, bekämpft sie. Was ist Ihre Meinung dazu?
Darum geht es nicht im Wahlkampf. Das Problem ist die Frage, wie Zürich ein attraktiver Arbeits- und Wohnort bleibt.

Aber es interessiert die Wählerinnen und Wähler doch, wie Sie sich zu einer so wichtigen Frage stellen.
Das stimmt nicht. An Standaktionen und Podien habe ich von den Leuten am meisten gehört, dass sie sich an den hohen Steuern und Abgaben stören.

Sie hatten in der Stadt noch nie ein politisches Amt. Fehlt Ihnen nicht das Wissen zum Stadtratsein?
Alle, die in Zürich wohnen, kennen ihr Umfeld und können sich eine Meinung dazu bilden. Ich habe auch viel politische Erfahrung gesammelt, einfach auf kantonaler und nationaler Ebene.

Einen lokalpolitischen Werdegang haben Sie nicht vorzuweisen. Für internationale Fragen scheinen Sie sich eher zu begeistern.
Ich habe eineinhalb Jahre in Sarajevo gelebt, dort habe ich sehr viel gelernt, auch über die Schweiz. Das Wichtigste ist, dass sich die Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwesen beteiligen. Wenn sich auf der Gemeindeebene niemand einsetzt, fällt alles auseinander. Das Lokalpolitische halte ich für sehr wichtig.

Warum habe Sie dann nie für den Gemeinderat kandidiert?
Bisher hatte ich die Möglichkeit nicht: Entweder war ich im Ausland oder beruflich sehr engagiert. Bei Economiesuisse arbeite ich an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft, gefühlt bin ich nie weg gewesen von der Politik.

Als Sie von der CVP zur SVP wechselten, haben Sie Ihren Sitz mitgezügelt. War das richtig?
In der Politik kann man es nicht allen recht machen – sonst macht man etwas falsch. Ein Parteiwechsel ist wie eine Scheidung, man denkt lange darüber nach, enttäuscht Leute. Ich bin sehr zufrieden in der SVP, habe aber weiterhin gute Kontakte zu vielen CVP-Politikern.

Sie gehören zu den «Gstudierte» und der «Classe politique», gegen die Ihre Partei gerne wettert.
Jede Volkspartei hat eine gewisse Breite. Ich schätze diese Vielseitigkeit. Meine Grosseltern waren Bauern und Arbeiter im Toggenburg, einfache Leute. Das hat mich geprägt. Ich würde mich als bodenständig bezeichnen, mir gefällt es an einem Puurezmorge.

Sie gelten als «knallhart». Könnten Sie sich als Stadträtin unterordnen?
In einer Kollegialregierung ringt man um Mehrheitsentscheide. Da müssen Positionen eingebracht und vertreten werden. Das beherrsche ich.

Zürich lebt über seine Verhältnisse, sagen Sie. Warum?
Zürich nimmt so viel Steuern ein wie noch nie. Trotzdem schafft es der Stadtrat nicht, ein ausgeglichenes Budget vorzulegen. In den letzten zehn Jahren hat er die Schulden von 3,8 auf 5,5 Milliarden Franken erhöht. Dabei wäre jetzt, wo es Zürich so gut geht, der ideale Zeitpunkt, um diese abzubauen. Die Schulden sind eine tickende Zeitbombe. Irgendwann wird es die Stadt verblasen, dann muss sie die Steuern erhöhen oder radikal sparen.

Zürich hat aber die besten Ratings. So schlimm kann es nicht sein.
Das hat man in Winterthur auch gedacht. Die Probleme kommen später.

Wann denn?
Das weiss niemand genau, es hängt auch von den Zinsen ab. Ich plädiere für eine Schuldenbremse. Der Bund hat eine, in der Stadt Zürich fehlt sie.

Wo würden Sie konkret sparen?
Die Stadt beschäftigt zwölf Quartier­koordinatoren, die sich um die Anliegen der Bewohner in den Quartieren kümmern sollen. Die kann man alle ersatzlos streichen. Sie nützen nicht nur nichts, sondern sind schädlich. Denn sie konkurrenzieren die ehrenamtliche Arbeit, die in Quartiervereinen geleistet wird.

Seit Links-Grün regiert, wächst die Stadt, Reiche und Firmen ziehen hierher, der Lohn der Leute steigt.
Dass Zürich floriert, ist nicht der Verdienst links-grüner Politik. Und es läuft nicht alles gut. Ganze Branchen fehlen in Zürich. Investmentgesellschaften siedeln sich lieber im Kanton Schwyz an, Start-ups im Bereich Kryptowährungen bevorzugen den Kanton Zug. Zudem blockiert die Linke tolle Entwicklungen wie ein Kongresshaus auf dem Carparkplatz.

Was wäre in zehn Jahren anders, wenn die bürgerliche Wende gelingt?
Die Bürger hätten unter anderem mehr Geld in der Tasche. Weil wir die Verwaltung effizienter organisieren würden, bliebe mehr übrig für alle.


Noch einmal von vorne Zum Porträt über Susanne Brunner


Erstellt: 04.02.2018, 21:33 Uhr

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SteckbriefSusanne Brunner

Geboren: Am 31. Januar 1972 in Wil SG

Ausbildung: Matura Typus E, Lizenziat der Staatswissenschaften an der Universität St. Gallen (HSG)

Berufliche Stationen: Helvetia Versicherungen, St. Gallen; Credit Suisse, Zürich; UNO-Entwicklungsprogramm UNDP, Bosnien-Herzegowina; Wirtschaftsförderung Stadt Zürich; Schweizerischer Versicherungsverband SVV; Economiesuisse, Leiterin Geschäftsstelle Bern

Politische Stationen: Vizepräsidentin CVP Stadt Zürich 2008–2010, Kantonsrätin 2008–2011, Vizepräsidentin SVP Stadt Zürich seit 2016

Familie: Vier Geschwister, viele Nichten und Neffen

Haustier: Keines

Auto: Keines

Vereinsmitgliedschaften: Gewerbeverein Seefeld, Schweizerischer Studentenverein, Altherrenschaft der Akademischen Verbindung Notkeriana St. Gallen, Bund der Steuerzahler, HSG Alumni

Verwaltungsratsmandate: Präsidentin Gewerbeverein Seefeld, Stiftungsrätin Swiss Academy for Development SAD, Vorstand Bund der Steuerzahler


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