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«Gehen wir?» war eine Frage zu viel

Hassan Kiko wird mit sechs Monaten Gefängnis bestraft, weil er Gefängnisaufseherin Angela Magdici fragte, ob sie ihn rauslasse.

Er habe keinen Druck auf die Gefängnisaufseherin ausgeübt: Ausbrecher Hassan Kiko und seine Freundin Angela Magdici.
Er habe keinen Druck auf die Gefängnisaufseherin ausgeübt: Ausbrecher Hassan Kiko und seine Freundin Angela Magdici.
PD

Einzelrichter Benedikt Hoffmann hat Hassan Kiko wegen Anstiftung zu Entweichenlassen von Gefangenen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Damit ging der Dietiker Richter noch einen Monat über den Antrag von Staatsanwältin Anette Schmidt hinaus. Verteidiger Valentin Landmann hatte einen Freispruch verlangt, weil Selbstbegünstigung nicht strafbar sei.

«Heiratspapier eingegeben. Warten auf Antwort»

Der 28-jährige Syrer hatte Angela Magdici Ende 2015 nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung gefragt: «Gehen wir?» Nachdem die verliebte Frau das Ansinnen längere Zeit abgelehnt hatte, stimmte sie im Februar 2016 zu: «Okay, heute!» Der Rest in bekannt: Die gemeinsame Flucht endete knapp sieben Wochen später in Italien.

In diesem Januar wurde Magdici wegen Entweichenlassens von Gefangenen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von fünfzehn Monaten verurteilt. Heute Dienstag sass die ehemalige Gefängniswärterin direkt hinter Kiko. Dass Richter Hoffmann zunächst «Angehörige oder solche, die es werden wollen», in den Gerichtssaal rief, deutete es bereits an: Magdici und Kiko, bereits verlobt, wollen weiterhin heiraten. «Die Heiratspapiere sind eingegeben», sagte Kiko, «wir warten noch auf die Antwort.»

Eine Frage ist bereits eine Aufforderung zur Tat

Das Urteil des Bezirksgerichts überrascht im ersten Moment. Denn noch im November letzten Jahres hatte es gar keine Verhandlung durchführen wollen. Es stellte das Verfahren ein, weil die Handlung des Syrers eine straflose Selbstbegünstigung gewesen sei. Nachdem das Obergericht die Einstellung aufhob, weil über einen allfälligen Freispruch im Rahmen eines ordentlichen Prozesses zu entscheiden sei, musste Kiko vor Gericht erscheinen.

Für Richter Hoffmann handelte es sich klar um eine Anstiftung zu einer Straftat. Der Tatentschluss der Frau sei entscheidend darauf zurückzuführen, dass Kiko die Frage überhaupt gestellt habe. Bereits eine Frage könne eine Aufforderung zur Tat sein und einen Tatentschluss wecken. Für eine Anstiftung sei es nicht nötig, Zwang auszuüben.

War es keine straflose Selbstbegünstigung?

Verteidiger Valentin Landmann hatte auf Freispruch plädiert. Er hatte gar nicht bestritten, dass die ursprüngliche Initiative von Kiko ausgegangen war. Er stellte sich aber auf den Standpunkt, dass die Anstiftung gar nicht strafbar ist, weil es sich um eine – im Schweizer Recht so vorgesehene – straflose Selbstbegünstigung handelte. Der Tatbestand der Begünstigung stellt ja gerade unter Strafe, «wer jemanden (...) dem Strafvollzug entzieht». Wer sich selber dem Vollzug entzieht, begünstigt sich selber.

Die Stellungnahme des Verteidigers: Valentin Landmann im Interview (Video: sda)

Richter Hoffmann stellte gar nicht infrage, dass es sich auch um eine Selbstbegünstigung handelte, wofür der 28-Jährige auch nicht bestraft werde. Bestraft werde er, weil er mit der Anstiftung auch andere Rechtsgüter verletzt habe, beispielsweise den Schutz der Sonderstellung von Beamten. Der Syrer sei zwar nicht allzu raffiniert, aber mit einer gewissen Hartnäckigkeit vorgegangen und habe sich die Gefühle der Gefängnisaufseherin zunutze gemacht.

Ein Kuss zum Schluss

Das dürfte die Frau wohl anders empfinden. Das Paar durfte sich zum Schluss der Verhandlung umarmen, küssen und einige Worte wechseln. Bis zu einer Haftentlassung geht es noch einige Jahre. Der 28-Jährige verbüsst wegen Sexualdelikten zwei Freiheitsstrafen von 48 und 42 Monaten - gegenwärtig in der Strafanstalt Lenzburg.

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