Gutausgebildete verdrängen in Zürich die Büezer

Die Zürcher werden immer reicher und gebildeter: Einwohner mit hohem sozialem Status bilden selbst in ehemaligen Arbeiterquartieren die Mehrheit.


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Hoher Lohn und Bildung wohnen in ­Zürich seit je im Stadtkreis 7 mit dem Zürichberg sowie den Quartieren Hirs­landen und Hottingen. Auch Riesbach, Oberstrass und Enge sind Adressen, wo sich Studierte und Gutverdienende schon immer wohlgefühlt haben. Neu dagegen ist, dass Einwohner mit hohem Sozialstatus auch in Quartieren die Mehrheit bilden, die bisher weniger Prestige hatten: Alt-Wiedikon, Werd/Langstrasse, Kreis 5, Wipkingen, Unterstrass, Höngg und Oerlikon. Das besagt eine kürzlich veröffentlichte Analyse der Stadtentwicklung Zürich, eine Dienstabteilung des Präsidialdepartementes.

Umfrage

Dass Zürcher immer reicher werden, ...




Die Studie basiert auf den alle zwei Jahre durchgeführten telefonischen Bevölkerungsbefragung zwischen 2001 und 2015. Jeweils zwei Erhebungsjahre wurden zusammengefasst, was im Schnitt pro Messzeitpunkt 4300 Befragte ergab oder rund 200 pro Quartier. Der Sozialstatus setzt sich zusammen aus dem Bruttoeinkommen des Haushalts und der höchsten abgeschlossenen Schul- oder Berufsausbildung.

Alle Quartiere im Aufschwung

2001/2003 hatte je ein Drittel der Befragten in der Stadt Zürich einen hohen, einen mittleren oder einen tiefen Sozialstatus. Während in den folgenden vierzehn Jahren der Bevölkerungsanteil mit hohem sozialem Status kontinuierlich stieg, sanken die Bevölkerungsanteile mit mittlerem und tiefem Status bis 2013/2015 auf je ein Viertel. Diese Entwicklung lässt sich in allen Quartieren beobachten, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung.

  • Oerlikon und Alt-Wiedikon: Fast die gleiche Entwicklung wie in der ganzen Stadt.
  • Kreis 1 / Enge, Unterstrass, Wipkingen und Höngg: Der Bevölkerungsanteil mit hohem Status war schon 2001/03 am grössten, er ist inzwischen aber auf über 50 Prozent gestiegen. In Höngg auf 60 Prozent und im Kreis 1/Enge gar von etwa 40 auf 70 Prozent. Damit haben die Altstadt und die Enge statusmässig zu den prestigeträchtigsten Quartieren Fluntern und Oberstrass aufgeschlossen.
  • Kreis 5 und Kreis 8: In beiden Quartieren bilden die Einwohner mit hohem Sozialstatus klar die grösste Gruppe: im Kreis 5 mit über 50 Prozent, im Kreis 8 mit über 60 Prozent. Doch ihre Anteile stagnieren seit 2009/11. Vierzehn Jahre zuvor betrug der Anteil der sozial Hochstehenden im Kreis 5 gut 30 Prozent. Dann gings im Entwicklungsgebiet Zürich-West richtig los.
  • Werd/Langstrasse: Der Anteil Einwohner mit tiefem Bildungsniveau und wenig Lohn betrug 2001/03 fast 50 Prozent, jetzt noch etwa 25. Auch das mittlere Segment nahm ab. Die Leute mit hohem Status haben dagegen enorm zugelegt – auf gegen 60 Prozent.
  • Witikon: Als einziges Quartier verzeichnet Witikon im Kreis 7 eine Abnahme des hohen Sozialstatus, was mit einem wachsenden Anteil an Pensionierten zu tun haben könnte. Auch ist das Randquartier oben am Berg für junge Leute wenig attraktiv.
  • Wollishofen/Leimbach: Der Anteil an hohem Status stagniert bei etwa 45 Prozent. Dafür stieg das mittlere Statussegment, während die Bevölkerungsanteile mit tiefem Status weiter auf 20 Prozent sanken.
  • Oberstrass, Fluntern und Hottingen/Hirslanden: Der Anteil Personen mit hohem Status betrug schon zu Beginn der Untersuchung über 50 bis 60 Prozent. Inzwischen ist er weiter gestiegen und beträgt in Oberstrass schon 70 Prozent und in Fluntern 75 Prozent. Am Zürichberg liegt der Anteil der Einwohner mit tiefem Sozialstatus bei 10 Prozent. Der mittlere Status liegt nur wenig höher, was Fluntern zum Quartier mit dem kleinsten Anteil an Personen mit mittlerem Sozialstatus macht.
  • Hard, Hirzenbach und Saatlen/Schwamendingen: 2001/03 gab es hohe Anteile an Befragten mit tiefem Sozialstatus (im Quartier Hard mit 55 Prozent am meisten) und auffallend tiefe Anteile an Befragten mit einem hohen sozialen Status (in Saatlen mit 10 Prozent am wenigsten). Inzwischen haben sich diese Bevölkerungsanteile angenähert und bewegen sich alle zwischen 30 und 40 Prozent.
  • Friesenberg, Albisrieden, Altstetten, Sihlfeld, Affoltern und Seebach: 2001/03 war der Bevölkerungsanteil mit tiefem Sozialstatus in diesen Quartieren am stärksten ausgeprägt, heute führt in allen sechs Quartieren die Gruppe mit hohem sozialem Status. Ausser am Friesenberg betragen die Anteile der drei Stufen im Bildungsniveau überall zwischen 30 und 40 Prozent.

Bildung à discrétion

Warum ist der soziale Status in fast allen Quartieren gestiegen? Anna Schindler, die Direktorin der Stadtentwicklung, führt das einerseits auf das wachsende Angebot an Aus– und Weiterbildungsmöglichkeiten zurück, insbesondere an den Hochschulen. Anderseits ist es eine Folge des Jobangebots und der Zuwanderung: Die Stadt Zürich bietet viele Arbeitsplätze für Hochqualifizierte an. Es sind Berufe, die ein hohes Mass an Ausbildung, Weiterbildung und Flexibilität erfordern.

Die Veränderung des Sozialstatus zeigt nach Meinung von Anna Schindler die Trendwende, die in der Stadt Zürich vor fünfzehn oder zwanzig Jahren eingesetzt hat: Die Abwanderung von Firmen und Einwohnern wurde gestoppt, der Aufschwung brachte Arbeitsplätze und gut qualifizierte Arbeitskräfte zurück in die Stadt. Und damit verbunden: stetig wachsende Steuereinnahmen, aber auch stetig wachsende Mieten.

www.stadt-zuerich.ch/stadtentwicklung

Video: Züri-Mythen im Faktencheck

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Passanten gefragt, welche Behauptungen über Zürich stimmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 06:20 Uhr

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