Im Geisterhaus an der Langstrasse tut sich was

Jahrelang stand ein Haus an der Piazza Cella mitten im Langstrassenquartier leer. Jetzt scheint endlich das zu geschehen, was sich viele längst wünschen.

Nach Jahren kommt Leben ins sogenannte Geisterhaus. Die Wohnungen sind im Umbau und sollen 2019 bezugsbereit sein. Foto: Reto Oschger

Nach Jahren kommt Leben ins sogenannte Geisterhaus. Die Wohnungen sind im Umbau und sollen 2019 bezugsbereit sein. Foto: Reto Oschger

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Graffiti überziehen die Fassade, der Verputz bröckelt – so schlimm, dass die Stadtverwaltung dem Besitzer vor einiger Zeit Sicherungsmassnahmen auferlegt hat, um Passanten zu schützen. Das Haus an der Langstrasse bei der Piazza Cella steht nun schon Jahre leer. Nach einer Besetzung und wilden Partys vor rund sieben Jahren hat der Besitzer die Wohnungen so weit zerstören lassen, dass sie unbewohnt blieben. Als das «Geisterhaus der Langstrasse» hält das Gebäude seither der Aufwertung des Quartiers rundum tapfer stand.

Doch jetzt tut sich etwas: Auf den bröckelnden Balkonen stehen beleuchtete Weihnachtsbäume. Und von einem hängt ein Transparent, das verkündet: «Das Aus vom Geisterhaus». Gebaut würden «10 hübsche 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen unter 2000 Franken». Links und rechts der von Rechtschreibfehlern durchsetzten Botschaft schweben zwei Comicgespenster. Die wenig professionelle Aufmachung lässt das Onlinemagazin Tsüri.ch erst einen schlechten Scherz des Liegenschaftenbesitzers vermuten oder gar eine Kunstaktion.

Doch ein Anruf des Magazins bei der Urheberin Zulumi AG in Hergiswil NW zerstreut die Zweifel: Das Plakat sei echt, erklärt ein Mitarbeiter. Sein Vorgesetzter habe den Namen «Geisterhaus» witzig gefunden und deshalb darauf Bezug genommen. Die Weihnachtsbäume sollen für eine festliche Stimmung sorgen. Für den «Tages-Anzeiger» war das Unternehmen gestern nicht erreichbar.

100 Prostituierte in Haus

Eigentümer des Hauses und Chef der Zulumi AG ist der ehemalige Zürcher Rotlicht-Unternehmer Fredy Schönholzer. Der 67-Jährige ist in den Siebzigerjahren mit Sexshops reich geworden. Den allerersten der Schweiz hat er zusammen mit einem Schulkollegen in einem ehemaligen Kiosk in Oerlikon eröffnet. Später gründete er die Kette Boutique Erotica.

Inzwischen handelt Schönholzer vornehmlich mit Immobilien. Richtig vermögend machte ihn sein wohl grösster Deal: der Verkauf des Labitzke-Areals in Zürich-Altstetten. Anfang der Neunzigerjahre, als die Lack- und Farbenfabrik den Betrieb einstellte, hatte er das Gelände günstig gekauft und vermietete die Fabrikräume fortan als Zwischennutzung an Gewerbetreibende, Wohngemeinschaften und Künstler. 2011 verkaufte Schönholzer das Areal für 34 Millionen Franken an Mobimo, die darauf eine Überbauung mit 281 Wohnungen erstellte. Im Frühling sind die Bewohner eingezogen.

Schönholzer ist auch in Bern im Immobilienbusiness tätig. Dort ist er im Besitz eines Hauses im Lorrainequartier, in dem bis 2012 rund hundert Prostituierte ihrer Arbeit nachgingen. Nach jahrelangen juristischen Querelen mussten die Prostituierten ausziehen, weil das Sexgewerbe nicht zonenkonform ist. Nun befindet sich die Alternative Schule im Gebäude. Diesem kommt bei einer geplanten Grossüberbauung eine Schlüsselrolle zu: Gemäss Informationen des Berner Vereins Läbigi Lorraine hat die Stadt Bern das Haus kaufen wollen, der Deal sei allerdings am zu hohen Preis gescheitert.

Bauarbeiten schon gestartet

Schönholzers Haus an der Langstrasse in Zürich ist dem Quartierverein schon länger ein Dorn im Auge: In einer Gegend mit einem Wohnungsleerstand von gerade einmal 0,43 Prozent müssten die Behörden doch Druck auf den Besitzer ausüben, seine Wohnungen zu vermieten, so die Haltung im Quartier. Doch der Stadtverwaltung sind diesbezüglich die Hände gebunden. «Das Haus ist in privatem Besitz, der Eigentümer kann frei entscheiden, was er damit macht», sagte eine Sprecherin des Hochbaudepartements unlängst zum «Tagblatt der Stadt Zürich». Auch Koni Frei, Teilhaber der Longstreet-Bar auf der gegenüberliegenden Seite der Piazza Cella, hat Schönholzer bereits ein Angebot gemacht, wie der «Landbote» weiss. Andere wollten daraus ein Hotel machen – doch Schönholzer hatte andere Pläne. Seit 2013 ist ein Baugesuch für ein Restaurant im Erdgeschoss bewilligt.

Nachdem das Haus jahrelang leer gestanden ist, soll es nun plötzlich schnell gehen: Ab August 2019 seien die neuen Wohnungen bezugsbereit, steht auf dem Transparent am Balkon. Das ist nicht so optimistisch geschätzt, wie man angesichts der langen Vorgeschichte glauben könnte.

Erstellt: 10.12.2018, 07:33 Uhr

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