Gelächter im Museum

Einmal im Monat bietet das Landesmuseum abends Führungen der besonderen Art an. Dabei erfährt man auch Überraschendes über Komiker Beat Schlatter.

Beat Schlatter vor der Skulptur des Künstlerinnentrios Mickry3, in der irgendwo auch das Künstlerduo Fischli/Weiss vorkommt. Foto: Urs Jaudas

Beat Schlatter vor der Skulptur des Künstlerinnentrios Mickry3, in der irgendwo auch das Künstlerduo Fischli/Weiss vorkommt. Foto: Urs Jaudas

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Die Dame im roten Wintermantel hat den Direktor des Landesmuseums persönlich angefragt, ob sie denn als älteres Semester auch an diesem «Lakritz» teilnehmen dürfe. Oder ob das nur was für Junge sei. Nun steht sie in einer Gruppe altersmässig sehr durchmischter Menschen und hört aufmerksam zu, was Beat Schlatter über die Expo­nate in der Ausstellung «Einfach Zürich» erzählt.

Ja, Beat Schlatter, der Komiker und Schauspieler, führte durch die Ausstellung. Er nahm seine Aufgabe durchaus ernst, einen nicht ganz so ernst gemeinten Museumsrundgang zu bieten. Denn die Veranstaltung «Lakritz», welche im Winterhalbjahr jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 19 bis 23 Uhr stattfindet, will den etwas anderen Museumsbesuch bieten.

Das Landesmuseum kupfert dabei etwas bei «Late at Tate Britain» ab. Offensichtlich erfolgreich. Am vergangenen Donnerstag hatte sich um 19 Uhr eine lange Schlange vor dem Schalter gebildet, wo die Karten für die Führungen abgegeben wurden. Sie sind im Eintrittspreis von zehn Franken inbegriffen.

Der doppelte Schlatter

Laut dem Kommunikationsbeauftragten des Landesmuseums, Alexander Rechsteiner, ist ein Ziel von «Lakritz», dem Publikum neben dem gewohnten Ausstellungs- und Führungsangebot etwas Aussergewöhnliches zu bieten. «Dieses Angebot ist für diejenigen gedacht, die sonst wenig mit dem Museum in Berührung kommen.»

Tatsächlich herrscht im Foyer des Landesmuseums gerade eher Clubatmosphäre als der Eindruck einer Gelehrtenstube. Die Lampen sind mit farbigen Folien überzogen und werfen wandernde Schatten an die Wände, an den Tischen sitzen Gruppen von Menschen beim Feierabendbier oder einem Glas Wein, und DJ Erika Fatna hat gerade einen Rap von Xanadu & Sweet Lady aufgelegt. Die Musik könne aber auch mal Oldies oder Schweizer Hits sein, sagt Rechsteiner: «‹Lakritz› ist immer wieder anders.»

Die Rap-Rhythmen untermalen noch von Ferne die Ausführungen von Beat Schlatter, der hier gleich doppelt vorkommt. Während er über das Zürcher Künstlerduo Fischli/Weiss erzählt, das in der Skulptur der Künstlerinnen Mickry3 einen Auftritt hat, flimmert hinter ihm auf einem von zwanzig Bildschirmen das Kürzestporträt von Rüschlikon auf, das er eingespielt hat. Schlatter ist in Rüschlikon aufgewachsen, als Nicht-Reicher unter Reichen. Wenn er bei seinem Klassenkameraden läutete, habe ein Butler aufgemacht, erzählt er. Grossvater und Vater arbeiteten in der Brauerei Hürlimann. Und er, der Sohn, war als Teenager der Erfinder des Namens Aqui für das von Hürlimann verkaufte Mineralwasser, was ihm drei Goldstücke einbrachte. Kein Witz, trotzdem lachten alle. Im Raum, wo ausgesuchte Objekte aus der Zürcher Kulturgeschichte ausgestellt sind, pickt sich Schlatter die Wahlurne heraus und erzählt über das Frauenstimmrecht und die Seegfröörni, die er aufgrund der Auskunft der Muotathaler Wetterschmöcker 2009 wieder erwartete und mit der er ein Bombengeschäft machen wollte.

«Züritüütsch» mit Schlatter

Schlatter plaudert munter dahin, über das geniale Stadtzürcher Abfuhrwesen und sauteure Mietparkplätze beim Zürcher Obergericht, immer ausgehend von einem Objekt der Ausstellung. Die Dame im roten Mantel hört sichtlich vergnügt zu. Zum Schluss veranstaltet Schlatter einen Wettbewerb, bei dem es gilt, alte «Züriwörter» zu verstehen: «Gaggelari», «Giraitzi» und «Balari». «Suff», rufen mehrere Museumsbesucher laut und vergnügt. Wahrlich keine alltägliche Szene in einem Museum.

Die Schlange vor der Ticketausgabe ist geschrumpft, fast alle Führungen sind ausgebucht. Der Renner war Beat Schlatter, doch auch der Rundgang mit dem Radio- und Fernsehmann Hannes Hug durch die Ausstellung «Glanzlichter» der Gottfried-Keller-Stiftung war begehrt.

Ebendieser Hannes Hug führt seine Gruppe gerade die Treppe hinauf und verteilt dabei Lakritzrollen, die fortan munter gekaut werden – «schon Jahrzehnte nicht mehr gehabt», flüstert eine junge Frau ihrer Freundin zu. Dann verwebt Hug virtuos, zuweilen leicht assoziativ einige der Ausstellungsobjekte zu der dramatischen Lebens- und Liebesgeschichte der Stiftungsgründerin Lydia Welti-Escher. Sie endet bei einem goldenen Dolch aus dem 15. Jahrhundert, heisst: kein Happy End.

Durch die Ausstellung «Archäologie Schweiz» führen drei junge Herren im schwarzen Anzug und weissen Hemd. Und Turnschuhen. Das Team Klaus improvisiert über Runen und Homo ­sapiens und schafft es, zu dritt nichts zu sagen. Was durchaus gewollt ist. Wer trotzdem etwas über die Ausstellung erfahren will, kann das währenddessen ungestört tun. Und dabei erfahren, wie ungemein entspannend so ein Museumsbesuch am Feierabend ist.

Nächste «Lakritz»: 4. April mit Beat Schlatter, Martin Eichenberger, Hannes Hug, Team Klaus. www.lakritz.landesmuseum.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.03.2019, 22:44 Uhr

Noch Luft nach oben

Am 2. Februar wurde im Landesmuseum die Dauerausstellung «Einfach Zürich» eröffnet. In den ersten vier Wochen haben sie rund 4300 Personen besucht. «Wir hoffen, dass sich diese Zahl in den nächsten Monaten noch verbessert», sagt Alexander Rechsteiner, Kommunikationsbeauftragter des Landesmuseums. In den Vorjahren, wo zur gleichen Zeit die Wechselausstellungen «Montreux. Jazz seit 1986» (2018) und «du – seit 1941» (2017) eröffnet wurden, seien die Besucherzahlen nach den ersten vier Wochen besser gewesen. (net)

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