Machtspiele und Misstrauen im Reich der Genossenschaften

In den grossen Stadtzürcher Gemeinschaftssiedlungen rumort es doppelt. Die traditionelle Linke verliert Einfluss an Immobilienprofis.

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Die Zürcher Wohnbaugenossenschaften sehen sich gerne als bessere Unternehmen: als Wertegemeinschaften. Sie sind aber auch beachtliche Reiche. Elf verfügen über Wohnungen in vierstelliger Zahl, die grösste beherbergt 11'000 Bewohner. Und wo ein Reich ist, ist Macht; wo Macht ist, ist Misstrauen. Was sich dort abspielt, klingt oft mehr nach Machiavelli und Hofintrige als nach Utopia.

Aktuellstes Beispiel ist die Familienheim-Genossenschaft (FGZ). Als Präsident Alfons Sonderegger gerade nach über zwanzig Jahren abtrat, geriet vieles in Bewegung. Das fing an mit dem Vorstand, der mögliche Nachfolger filterte und dann mit Karin Schulte eine Kandidatin aus den eigenen Reihen empfahl. Was ein Komitee auf den Plan rief, das Flugblätter in alle 2300 Wohnungen verteilte und zum basisdemokratischen ­Widerstand aufrief. Gefolgt von einem SP-Komitee um Alt-Stadträtin Esther Maurer, das für mehr sozialpolitische Verantwortung plädierte. Worauf wiederum der scheidende Präsident warnte, die SP wolle nur eigene Leute in den Vorstand drücken – obwohl er selbst SP-Mitglied ist. Es gab Gerüchte und Gereiztheit. Das ging so weit, dass Maurer an der Generalversammlung vor Hunderten Leuten persönlich attackiert wurde.

Solche Kontroversen zeigen exemplarisch die Folgen der Umbrüche in den Zürcher Genossenschaften. Langjährige Führungsriegen gehen. Die innerstädtische Verdichtung zwingt zu folgenreichen Bauentscheiden. Generationen mit unterschiedlichem Selbstverständnis von Gemeinschaft kollidieren.

Verlustängste bei der SP

Das Gift in der FGZ-Debatte mag zu einem guten Teil auf persönliche Konflikte zurückzuführen sein, die nicht von öffentlichem Interesse sind. Aber auch in anderen Genossenschaften rumort es an der Basis. Was ist da nur los? Warum exponiert sich eine Frau wie Maurer, die als Zürcher Polizeivorsteherin genug Kritik für zwei Leben einstecken musste? Die Antworten hängen zusammen.

Esther Maurer ist ein Kind der FGZ: Dort geboren in den Fünfzigerjahren, als die Genossenschaften noch klar sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Projekte waren. Maurers Vater war nicht nur SP-Stadtrat und als solcher ein Fürsprecher der Genossenschaften, sondern viele Jahre auch FGZ-Präsident. Diese Verwurzelung und dieses Engagement sehen Maurer und Gleichgesinnte bedroht. Der Vorstand verliere schleichend Mitglieder mit sozialpolitischem Profil. Jene, die übrig blieben, seien bei wichtigen Entscheiden isoliert.

Weil der FGZ das halbe Friesenbergquartier gehört, müsse sie auch quartierpolitisch agieren, findet Maurer. «Wir sind das Quartier mit dem tiefsten Ausländeranteil der ganzen Stadt. Warum? Warum integrieren wir zum Beispiel keine Asylsuchenden?» Früher habe man für Menschen in einer Notlage eine Wohnung organisiert, mit gesundem Menschenverstand. Heute laufe die Vergabe über ein computerbasiertes System, das absolute Gerechtigkeit garantiere und alle gleich behandle – auch wenn die Umstände nicht gleich seien.

Von der Gegenseite hört man, solche Systeme seien nötig geworden, um Willkürentscheide zu verhindern, wie es sie bisher aufgrund alter Seilschaften gegeben habe. Kritiker des Vorstandes wiederum kontern, dieser sei dominiert von Technokraten. Die inhaltliche Kritik traditioneller Genossenschafterinnen wie Esther Maurer verbindet sich in solchen Voten mit der Kritik einer jüngeren Generation an der Art und Weise, wie man solche Gemeinschaftswerke lenken soll.

Konflikte werden von engagierten Bewohnern ausgelöst, die mehr als bloss Mieter sein wollen.

Das ist jener Punkt, der den Konflikten in den Zürcher Genossenschaften gemein ist: Sie werden von engagierten Bewohnern ausgelöst, die mehr als bloss Mieter sein wollen und Mitbestimmung einfordern. Nicht nur in der Kompostgruppe, sondern in allen richtungsweisenden Fragen. Und die sich dabei vom Vorstand nicht ernst genommen fühlen. Das beginnt mit der Auswahl des Führungspersonals. Es ist Usus, dass der Vorstand bei Vakanzen selbst vorschlägt, wer die Lücke füllen soll – was oft Widerstand von der Basis provoziert. So auch bei der Allgemeinen Baugenossenschaft (ABZ), der grössten des Landes. Dort gelang es vor ein paar Jahren einem Sprengkandidaten, die offizielle Konkurrenz auszustechen. Worauf es prompt zum Zerwürfnis im Vorstand kam.

Karin Schulte, die neue FGZ-Präsidentin, sagt, eine Wahlempfehlung sei notwendig, da es einer Generalversammlung sonst kaum möglich sei, sich ein Bild zu machen, ob ein Kandidat geeignet sei. Hintergrund ist nicht zuletzt die finanzielle Verantwortung angesichts der gewaltigen Liegenschaftenvermögen der Genossenschaften; bei der Spitzenreiterin ABZ beträgt der Wert rund eine Milliarde Franken.

Die Genossenschaft Sunnige Hof ging «angesichts der heutigen Anforderung an die Professionalität» so weit, ihren Vorstand zum Verwaltungsrat umzutaufen und sich selbst zum «Unternehmen». Sie überraschte wilde Kandidaten für dieses Amt damit, dass erst ein einjähriger Evaluationsprozess nötig sei. Ergänzungen des «obersten Führungsorgans» müssten sorgfältig vorbereitet werden.

Solche Tendenzen stossen auf Widerstand in den Genossenschaften: Man sei eben kein normales Unternehmen. Leitendes Organ sei die Generalversammlung, und die habe sehr wohl ein Gespür, wer fähig sei für einen Job. Ein langjähriges Vorstandsmitglied, das nicht genannt sein will, weiss aus Erfahrung, dass man mit Managerjargon aneckt. «So zu kommunizieren, ist ungeschickt, weil es anonym tönt. Die Genossenschafter wollen eine Familie sein.»

Abnicken oder schweigen

Auf Konfliktkurs mit diesem Selbstverständnis gehen diverse Vorstände auch, indem sie bei Bauprojekten einsame Vorentscheide fällen. Darauf angesprochen, verweisen sie zwar durchs Band auf ­Informationsveranstaltungen und Mitwirkungsverfahren und die oft enttäuschende Beteiligung daran. Aber aus all diesen Genossenschaften kommt auch der vielstimmige Vorwurf: Das, worüber die Generalversammlung entscheiden dürfe, sei oft ein so weit ausgereiftes Projekt, dass man es nur brav abnicken oder alles verwerfen könne. Und so destruktiv wollen selbst aufmüpfige Genossenschafter nicht sein. In einer FGZ-Umfrage sagte ein Fünftel der ansonsten zufriedenen Genossenschafter, sie fühlten sich bei der Mitgestaltung nicht ernst genommen. Hier wie andernorts ärgern sie sich, weil im Vorstand diverse Entscheide unter den Schutz des Sitzungs­geheimnisses fallen. Das fördere die freie Meinungsäusserung, heisst es. «Intransparent», erwidern die Kritiker.

Besonders, wenn später rauskommt, dass der Ex-Präsident der Genossenschaft jenem Architekturbüro vorsteht, das ohne Wettbewerb den Zuschlag für ein Bauvorhaben erhalten hat – so geschehen im Sunnige Hof. Die Verantwortlichen rechtfertigen das damit, dass man bei einem Wettbewerb «vieles bereits in einem sehr frühen Stadium definieren» müsse. Bei diesem Pionierprojekt sei das nicht möglich gewesen. Deshalb habe man ein bewährtes Büro gewählt, mit dem man schon gearbeitet habe, bevor der Ex-Präsident dort dazugestossen sei.

Mangelnde Kommunikation

Generell räumt der Verwaltungsrat des Sunnige Hof aber ein, man sei zuletzt sehr schnell gewachsen und habe «manchmal zu wenig kommuniziert». Um die aufgerissenen Gräben wieder zu schliessen, sollen Kritiker neu in einen Mitwirkungsprozess eingebunden werden. Ähnlich hat die ABZ auf Proteste der Basis reagiert: mehr offene Diskussionen, weniger autoritäre Entscheide.

Trotzdem dürfte sich das Rumoren in den Siedlungen so schnell nicht legen. Nicht nur wegen vieler Neubauten, die Diskussionen auslösen. Auch, weil sich die Genossenschaften im doppelten Umbruch befinden. Den ersten hat die ABZ in einem Artikel zum «Wertewandel» beschrieben: vom Gemeinschaftssinn der Nachkriegsgeneration zu den später Geborenen, die nur günstig und selbstbestimmt wohnen wollen. Und die einen Vorstand schätzen, der sie als Kunden behandelt nach Vorgaben des New Public Management, wäre anzufügen.

Die neue Anspruchshaltung

Gleichzeitig tritt aber auch eine neue Generation auf den Plan, die von progressiven Genossenschaften wie der Kalkbreite inspiriert ist. Esther Maurer glaubt, dass diese Jungen einen anderen Genossenschaftsgedanken leben als ihre Generation. Früher sei man vermehrt für die Nachbarn da gewesen, ging für­einander einkaufen und half, wenn jemand erkrankte. «Die jungen Mitglieder wollen aber vor allem viel mehr mitreden, mitgestalten.» Das sei auch gut so, findet sie. Aber es ist ein Anspruch, mit dem sie die Vorstände herausfordern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 20:38 Uhr

ABZ

4700 Wohnungen

Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ist mit über 11'000 Bewohnern die grösste der Schweiz. Arbeiter haben sie 1916 begründet, als in der Stadt Zürich Wohnungsnot herrschte. Die erste Siedlung baute sie 1920 im Industrievorort Oerlikon. Inzwischen sind es 60 mit rund 4700 Wohnungen, die meisten davon über die Stadt Zürich verteilt, manche auch im Glattal und am linken Seeufer. Die ABZ ist in jüngster Zeit intensiv am Bauen, seien es Ersatzbauten oder der Neubau im Glattpark an der Stadtgrenze bei Opfikon. Sie befindet sich in einem Umbruch, weil Präsident Peter Schmid nach 26 Jahren im Vorstand aufgehört hat. (hub)

Asig

2500 Wohnungen

Die Arbeiter-Siedlungsgenossenschaft ist wegen Wohnungsknappheit im Zweiten Weltkrieg von Mitgliedern der Bauarbeiter-Gewerkschaft gegründet worden. 1945 standen dann die ersten Siedlungen in Schwamendingen, bewohnt von Bauarbeitern, Beamten, Trämlern und Polizisten. Heute verfügt die Asig über 2500 Wohnungen in 12 Siedlungen am Zürcher Stadtrand und 7 weiteren in der Agglomeration. In Schwamendingen, einer Hochburg der SVP, setzt die Asig derzeit das grösste Projekt ihrer Geschichte um: Die Reihenhäuser aus den Fünfzigern werden ersetzt durch deutlich grössere Neubauten. (hub)

FGZ

2300 Wohnungen

Die Familienheim-Genossenschaft ist 1924 gegründet worden. Eltern kinderreicher Familien bauten am Fuss des Uetlibergs eine Gartenstadt nach englischem Vorbild, um der Enge der Arbeiterquartiere zu entkommen. Von 24 Siedlungen, die über die Jahrzehnte entstanden, befindet sich nur eine nicht im Friesenberg-Quartier. Dadurch hat sich ein Genossenschaftsteppich gebildet, der landesweit einzigartig ist: Mehr als die Hälfte der 11'000 Friesenberg-Bewohner ist bei der FGZ zu Hause. Diese baut derzeit auch ein neues Quartierzentrum. Der geplante Abriss und Ersatz der ältesten Siedlungen stösst auf Widerstand beim Heimatschutz. (hub)

Gewobag

2000 Wohnungen

Die Gewerkschaftliche Wohn- und Baugenossenschaft ist 1943 entstanden, im gleichen Jahr wie die Asig. Hier waren die Gewerkschafter der Metall- und Uhrenarbeiter die Initianten. Der Schwerpunkt ihrer Siedlungen liegt in den Zürcher Quartieren Albisrieden und Altstetten. Dort also, wo ein grosser Teil der Verdichtung Zürichs aufgefangen werden soll. Der Erneuerungsprozess der Siedlungen ist weit gediehen. Mehrere Bauprojekte sind im Gang, andere schon abgeschlossen. Für Aufsehen gesorgt hat die Gewobag mit der Lösung, Mieter vorübergehend in Containern einzuquartieren, damit sie trotz Umbau in ihrer Siedlung bleiben können. (hub)

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