Genossenschaften bauen Zürcher Bevölkerung um

Die Menschen in der Stadt werden reicher und gebildeter. Dazu tragen auch die Genossenschaften bei, sagt der Mieterverband. Weil sie zu viele Häuser durch neue ersetzen.

Eines von vielen Beispielen für Ersatzneubauten: Die Siedlung Triemli der Baugenossenschaft Sonnengarten von 1945 wurde 2011 durch eine Wohnburg ersetzt.(Bewegen Sie den Regler, um zwischen den Bildern zu wechseln.)


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Einmal eine Kleinstadt zerstören und dann neu aufbauen: So ­ungefähr muss man sich vorstellen, was die Zürcher Genossenschaften seit Jahren machen. 4821 Wohnungen haben sie ­zwischen 2005 und diesen Juni abgerissen. An ihre Stelle setzten sie 5714 neue, viele ­davon grösser als die bisherigen. Das zeigen neuste Zahlen von Statistik Stadt Zürich. Kritiker sagen: Mit dem Austausch der Häuser wechsle man auch die Bevölkerung aus.

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Ersetzt werden vor allem Siedlungen aus den 20er- bis 40er-Jahren. Nach einem Abriss könne man dichter und höher bauen, heisst es bei den Genossenschaften. Die alten Wohnungen entsprächen nicht mehr den heutigen Vorstellungen, zu klein seien sie, zu ringhörig, schlecht isoliert, der Lift fehle. In neuen Siedlungen liessen sich grössere, ökologischere und mehr Wohnungen unterbringen.

Einen Nachteil aber haben die Ersatzneubauten: Durch sie ­verschwinden Unterkünfte, die ihres Alters wegen konkurrenzlos ­wenig kosten, zum Beispiel 700 Franken für drei Zimmer. Die Nachfolgemieten fallen oft doppelt so teuer aus, auch wenn sie im Vergleich zum Zürcher Durchschnitt günstig bleiben.

In Albisrieden ersetzte die Genossenschaft Sunnige Hof die Siedlung Else Züblin.

Der Verlust der billigen Wohnung kann Mieterinnen unter Druck setzen: Sie finden nichts ähnlich Erschwingliches, müssen aus Zürich wegziehen oder staatliche Hilfe beantragen. ­Dieses Szenario wird bei zwei Siedlungen im Kreis 4 befürchtet, welche die gemeinnützige Stephan-A-Porta-Stiftung abbrechen möchte.

Die Zürcher Genossenschaften versuchen, solche Nebenwirkung abzumildern. «Ersatzneubauten haben normalerweise eine sehr lange Vorlaufzeit, bis zu zehn Jahre», sagt Stefan Weber-Aich vom Regionalverband der Zürcher Genossenschaften. Oft werde die Erneuerung gestaffelt durchgeführt. So bleibe den Genossenschaften genug Zeit, um den Betroffenen intern andere Lösungen anzubieten. «Ausserdem unterstützen einige Genossenschaften Mitglieder, die zu wenig Geld haben, mit Beiträgen aus einem Solidaritätsfonds», sagt Weber. Viele Genossenschaften bieten auch subventionierte Wohnungen an.

Die Idee: Weniger Abbruch

Für Walter Angst, AL-Gemeinderat und Sprecher des Mieterverbandes, reicht das nicht: «Der Preisunterschied bleibt hoch. ­Ersatzneubauten führen in der Regel zu einer Auswechslung der Bevölkerung.» Wer durch eine Genossenschaftssiedlung aus den 50er-Jahren spaziere und sich darauf die neuen Projekte ansehe, spüre sofort: «Das hat einen anderen Geruch, da wohnen andere Leute.»

Die Genossenschaft Sunnige Hof ersetzte auch die Siedlung Mattenhof in Schwamendingen.

Verdrängt würden Menschen mit wenig Ressourcen, ärmere, ältere oder wenig integrierte ausländische Bewohner. «Sie fühlen sich nicht wohl in den neuen Siedlungen.» An ihrer Stelle würden gebildete, reichere und in Zürich heimische Haushalte die Neubauprojekte beziehen.

Angst: «Es braucht ein Umdenken»

Laut Walter Angst tragen also auch Genossenschaften dazu bei, dass sich die städtische Bevölkerung verändert – und nicht nur private Liegenschaftenbesitzer. Bürgerliche Parteien kritisieren die Genossenschaften schon länger dafür, dass sie sich zu stark auf den Mittelstand ausrichteten. «Diese Vorwürfe sind überzogen, aber nicht ganz aus der Luft gegriffen», sagt Angst. Der Anspruch an die staatlich geförderten Genossenschaften sei hoch. Und das Problem verschärfe sich, weil der Druck zum Verdichten gestiegen sei. «Es braucht ein Umdenken.»

Die Familienheim Genossenschaft wurde für den Neubau der Siedlung Grünmatt im Friesenberg ausgezeichnet.

Für Angst heisst das: weniger Abreissen. Bei grossen Projekten sollten Genossenschaften einen Teil der Liegenschaften stehen lassen und einfach modernisieren. Um mehr Wohnraum zu schaffen, könnten bisherige Gebäude ergänzt und neue Häuser dazugestellt werden. «Es braucht fantasievolle Lösungen. An anderen Orten gelingt dies auch.»

Die Mieten bleiben günstig

Dieser Ansatz funktioniere oft nicht, heisst es bei den Zürcher Genossenschaften. «Mit Aufstockungen und ein paar Häusern mehr können wir nicht so viel zusätzlichen Wohnraum schaffen wie mit Ersatzneubauten», sagt Reto Betschart, Geschäftsführer der Asig, der zweitgrössten Zürcher Genossenschaft. Genossenschaften seien jedoch dazu verpflichtet, ihren Boden möglichst gut zu nutzen. Der politische Konsens in Zürich fordere das. Die Asig hat während der letzten Jahre in Zürich-Nord mehrere Siedlungen «rückgebaut» und ersetzt. «Wir konnten den Betroffenen eine neue Wohnung vermitteln, in einigen Fällen auch bei anderen Genossenschaften», sagt Betschart.

Auch ersetzt: Die Triemli-Siedlung der Genossenschaft Rotach.

Die neuen Mieten seien immer noch sehr niedrig, etwa 1740 Franken für vier Zimmer. «Auch dank der Hilfe unserer Sozialberaterin finden fast alle einen Weg, den höheren Betrag zu bezahlen.»

Ersatzneubauten würden nicht zu einem Austausch der Bevölkerung führen, findet Betschart. Eine Verjüngung bewirkten sie allerdings. «Einige ältere Bewohner nutzten die Gelegenheit, um ins Altersheim oder in Alterswohnungen umzuziehen.»


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Auch andere Genossenschaften verneinen, dass durch Ersatzneubauten eine «Gentrifizierung» stattfinde. Man achte darauf, die soziale Durchmischung zu erhalten, und reisse keineswegs alle alten Siedlungen ab.

Angst hält auch die Stadt für mitverantwortlich am «Bevölkerungsaustausch». Man rede dort gerne von einer «sozialverträglichen Innenentwicklung». «In der Praxis lässt sich die Planung zu oft vom 2000-Watt-Fetisch und dem Dogma der Standortförderung leiten.»

Stimmt nicht, sagt Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung. Wenn Genossenschaften auf städtischem Land bauten, achte diese darauf, dass sich das Mietzinsgefüge nicht zu stark verändere. Bei privaten Eigentümern setze man auf Kooperation und Gespräche.

Erstellt: 22.07.2018, 21:47 Uhr

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