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Geschichtsträchtig, aber unpraktisch

Stadtrat und Schauspielhaus wollen den Pfauen umbauen. Heimatschützer und manche Politiker sind dagegen.

Alexandra Kedves
Längst nicht jeder sieht und hört hier alles: Die Pfauenbühne ist weder fürs Publikum noch für die Künstler ein perfekter Ort. Foto: Juliet Haller
Längst nicht jeder sieht und hört hier alles: Die Pfauenbühne ist weder fürs Publikum noch für die Künstler ein perfekter Ort. Foto: Juliet Haller

Im Parkett, in der Mitte: Das ist zurzeit der beste Platz, um alles mitzukriegen, was vorn auf der Pfauenbühne läuft. Denn diese wird von einem nicht sehr breiten Portal eingerahmt und öffnet sich eher nach hinten als zum Publikum hin. So machen die Sichtlinien einen Platz an den Seitenrändern oder oben auf dem Balkon zum eingeschränkten Theatervergnügen, wie jeder weiss, der schon mal von dort aus eine Aufführung zu verfolgen versuchte. Auch die Akustik lässt an den Seiten, hinten und oben zu wünschen übrig. Sitzt man hingegen in einer der ersten Reihen, ragt die Rampe vor einem auf, und man lugt hinauf wie ein Knirps über die Ladentheke; ein Nackenkrampf droht.

In der Pause dann wird die Verpflegung zur grösseren Aktion: Im Foyer ist es furchtbar eng, die Sitzgelegenheiten sind Mangelware, Abstellplätzchen für Gläser ebenfalls; Tische dürfen erst nach der kompletten Räumung des Theatersaals im Foyer verteilt werden, schliesslich gilt das Foyer als der Fluchtweg aus dem Saal. Definitiv eine suboptimale Situation für die Besucher – und auch für die Menschen auf und hinter der Bühne, wie der Technische Direktor des Schauspielhauses Zürich, Dirk Wauschkuhn, betont.

Heimatschutz ist dagegen

Städtische Gebäude werden rund alle 50 Jahre instand gesetzt, der Pfauen ist da schon länger ein Wunschobjekt. Im letzten Sommer gab das Präsidialdepartement den Plan für eine umfassende Modernisierung bekannt. Dieser bedeutet auch einen Verzicht auf die Unterschutzstellung: Der Stadtrat beschloss, das Pfauen-Gebäude aus dem Inventar der Denkmalpflege teilweise zu entlassen, falls Gemeinderat und Stimmvolk der Modernisierung zustimmen. Dagegen hat der Heimatschutz Rekurs ergriffen.

Gestern Abend wurde im Gemeinderat über eine Motion diskutiert, mit der sich SVP und AL für einen «weitgehenden Erhalt des Theatersaals» starkmachen – während Stadt und Schauspielhaus für einen Ersatz des Saals plädieren: für eine Innenhofüberbauung mit neuem Zuschauersaal und neuem Bühnenhaus. Dadurch entstünde auch ein grosszügigeres Foyer. Die prägende Blockrand-Fassade soll bleiben, aber durch die Erhöhung des Bühnenhauses – der Zuschauerraum käme über Strassenniveau zu liegen – gewänne das Theater an Prägnanz und verbände sich städtebaulich mit dem Kunsthaus zum kulturellen Brennpunkt.

«Einheitsbühnenbild»

Genauso sehen es die Macher am Schauspielhaus. Gemäss Dirk Wauschkuhn passen die tiefe, sogenannte deutsche Bühne und der quer angelegte französische Zuschauerraum zueinander wie die Faust aufs Auge. Und für die Logistik sei die Architektur rund um die Bühne sehr diffizil: Es fehlten Lagerräume, um ruckzuck Bühnenbilder auszutauschen. «Das führt dazu, dass unser Repertoire im Vergleich zu anderen Bühnen klein ist: ein klarer Nachteil für ein grosses Haus in einer wachsenden Stadt mit hohem kulturellem Anspruch. Mehr als vier Stücke kann man nicht gleichzeitig im Haus haben. Am Theater Basel etwa gibt es eine Bühne, eine Seitenbühne, eine Hinterbühne und eine Bereitstellungszone: Da sind die Bühnenbilder wie in einem Karussell schnell austauschbar. In Zürich gibt es pro Aufführung nur ein Einheitsbühnenbild», bedauert der Technische Direktor.

Manche interessanten Regisseure würden durch diese künstlerische Einschränkung abgeschreckt. Der neue Projektentwurf sieht eine Hinter- und zwei Nebenbühnen vor.

Mehr Relevanz für den Kulturraum am Heimplatz?

55 Quadratmeter Lagerraum pro Stück seien sehr wenig; und wenn man zum Beispiel den Publikumserfolg «Die Physiker» für einen Abend ansetze, sei der Folgetag verloren für Proben oder eine andere Aufführung: Die Demontage und die Auslagerung seien derart aufwendig, und es gebe keinen Raum zum Ausweichen. Diese Situation heize den Produktionsdruck an: Lieber werde Neues vielfach gespielt, als dass man geschickt zwischen Produktionen jongliere und die Laufzeit einer hervorragenden Arbeit dadurch verlängere. Mit dem Umbau wolle man das Haus für einen klassischen Repertoirebetrieb mit traditioneller Guckkastenbühne stärken.

«Die Schiffbauhalle ist toll für Regisseure, die den Raum dort komplett frei nutzen können. Doch eine Stadt wie Zürich mit einem grossen, diversen Publikum braucht auch eine gute Repertoirespielstätte», sagt Wauschkuhn. Der Guckkasten werde durch den geplanten Umbau breiter und höher und das Foyer viel gastlicher. Zudem gebe es in der Schweiz wunderbare Architekten. Wauschkuhn rechnet fest mit einer städtebaulichen Glanzlösung, die dem Schauspielhaus mit höherem Dach eine grössere Sichtbarkeit und dem kulturellen Gesamtkomplex am Heimplatz optisch mehr Relevanz verleiht.

Sanierung genügt nicht

Saniert werden muss ohnehin. Und dass dabei grössere Veränderungen anfallen, um den Anforderungen an feuerpolizeiliche Vorschriften und behindertengerechte Zugänglichkeit gerecht zu werden, steht fest. Jetzt wird das Schauspielhaus also für den Zeitraum von etwa 2030 bis 2080 definiert.

Lucas Bally von der Medienstelle des Hochbaudepartements resümiert: «Mit einer blossen Sanierung nähme man die ganzen Defizite in die Zukunft mit.» Und Wauschkuhn, der seit 2001 am Haus arbeitet und der Aura des Orts verfallen ist, meint, dass gerade, wenn man wolle, dass das Theater weiterlebt, man nicht am Samt von 1926 hängen dürfe und nicht am Stuhl, auf dem Brecht sass. Man müsse sich vielmehr bemühen, Brechts Stücke unter den bestmöglichen Bedingungen auf die Bühne zu bringen.

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Der Pfauensaal, die Rütliwiese Zürichs

Die Dramaturgie war gestern im Gemeinderat nicht die spannendste, obwohl verschiedenste Meinungen zur Sanierung des Schauspielhauses am Pfauen aufeinanderprallten und die Debatte eineinhalb Stunden dauerte. Zu bald war das Resultat klar. Mit Ausnahme der SVP war sich das Parlament einig: Der Stadtrat darf bei der Sanierung weiterplanen, muss aber zumindest zusätzliche Informationen liefern. Und vielleicht muss er vom Vorhaben, einen grossen Teil des Theaters abzureissen und neu zu erstellen, noch abkommen.

Der Gemeinderat hat nämlich eine Motion überwiesen, mit der er sich bereits jetzt politisch einmischte in die Sanierungspläne – was die beiden verantwortlichen Regierungsmitglieder Corine Mauch und André Odermatt nicht vorgesehen hatten. Dass das Theater dringend saniert werden muss, darüber waren sich alle einig. Doch das Vorgehen, über das der Stadtrat im Sommer informierte, sorgte für Aufregung. Mit einer Motion wollten Eduard Guggenheim (AL) und Stefan Urech (SVP) den Stadtrat zurückbinden. Sie verlangten, den alten Zuschauersaal möglichst zu erhalten. Guggenheim nannte die Pläne des Stadtrats ein «Kulturverbrechen erster Güte». «Die Pfauenbühne war während der Nazizeit die einzig freie und kritische Bühne im gesamten deutschen Sprachraum.» Für ihn ist sie gleichbedeutend mit der Rütliwiese, sie dürfe nicht aus einer momentanen Laune heraus abgerissen werden. Urech und andere SVP-Gemeinderäte betonten ebenfalls die geschichtliche Bedeutung des Saals. Urech erwähnte, dass sich die SP 1977 für eine Renovation des Schauspielhauses und gegen einen Neubau ausgesprochen hatte.

SP in ungemütlicher Lage

Die Motion brachte vorab die SP in eine ungemütliche Situation. Ein Teil der Fraktion will den Theatersaal ebenfalls erhalten, andere sind für den Neubau. Jean-Daniel Strub schlug deshalb einen Textänderung in der Motion vor. Der Stadtrat muss nun innerhalb von zwei Jahren eine Vorlage mit einem Projektierungskredit vorlegen. Diese soll aufzeigen, wie der Pfauen entweder unter weitgehender Erhaltung des denkmalgeschützten Theatersaals saniert werden kann oder mit teilweisem oder ganzem Rückbau.

Strubs Kompromiss überzeugte fast alle: Guggenheim, weil er befürchtete, dass sein Anliegen sonst vom Parlament abgewiesen würde. Und den Stadtrat, weil er so kein «Denkverbot» erhält, wie Stadtpräsidentin Mauch die ursprüngliche Fassung nannte. Nur die SVP befürchtet, dass die beiden SP-Regierungsmitglieder sich über die Entweder-oder-Formulierung freuen könnten, denn damit könnten sie die von ihnen favorisierte Variante vorantreiben.

Mauch versprach indessen, dass der Stadtrat die Vor- und Nachteile der Varianten aufzeigen werde. Odermatt ergänzte, der Stadtrat habe eng mit dem Schauspielhaus geplant. Der Gemeinderat werde nun aber in die Güterabwägung einbezogen. Die Motion wurde mit 99 zu 16 Stimmen überwiesen.

Thomas Zemp

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