Gesucht: Hortleiterin, 32-Prozent-Pensum an vier Tagen

Die Stadt will zunehmend Mini-Pensen auf mehrere Arbeitstage verteilen. Das gehe nicht, sagt die Gewerkschaft.

An die Ausbildung und die Fähigkeiten von Hortleiterinnen oder Hortleitern werden häufig hohe Ansprüche gestellt – und an ihre zeitliche Flexibilität. Foto: Keystone

An die Ausbildung und die Fähigkeiten von Hortleiterinnen oder Hortleitern werden häufig hohe Ansprüche gestellt – und an ihre zeitliche Flexibilität. Foto: Keystone

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Motiviert, lebensfroh, herzlich, zuverlässig und belastbar soll die Hortleitung sein, die der Schulkreis Zürich-Glattal sucht. Flexibilität und Besonnenheit bei Unvorhergesehenem sind zwei weitere Voraussetzungen für ­ Bewerberinnen und Bewerber, steht im Stelleninserat. Sie soll gute Team- und Kommunikationsfähigkeiten mitbringen und bereit sein, sich bei der Schulentwicklung einzubringen.
Der Haken bei dieser Stelle: Das Pensum beträgt 32 Prozent, die auf vier Tage von 10 bis 14 Uhr verteilt sind. So sieht es der Schulkreis für die «Hortleitung für Oberstufen-Mittagshort» vor. Die Bewerberin oder der Bewerber muss zudem eine Ausbildung als Sozialarbeiterin oder Sozialpädagoge, Lehrer oder Kindergärtnerin vorweisen oder einen Uniabschluss in Sozialpädagogik, Pädagogik oder Erziehungswissenschaften besitzen.

Nicht akzeptabel sind solche Anstellungsbedingungen für den Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Die Gewerkschaft beobachtet, dass genau solche Anforderungen immer häufiger gestellt werden – vor allem in Berufen der Kinder- und Jugendlichenbetreuung in Krippen, Horten und Tagesschulen.

«Mitarbeitende mit so kleinen Pensen kommen nicht einmal auf das Existenzminimum.»Katharina Prelicz-Huber, Grüne Gemeinderätin Zürich und VPOD-Präsidentin

«Wir bearbeiten momentan mehrere Fälle von Frauen aus der Stadt Zürich, die genau aus diesen Gründen an uns gelangt sind», sagt Florian Thalmann vom VPOD Region Zürich. So würden beispielsweise Pensen von 60 Prozent, die jahrelang auf drei Tage verteilt gewesen seien, bereits auf vier Tage verteilt.

Das sei vor allem für Frauen äusserst problematisch, die finanziell auf einen zweiten Job angewiesen wären, unter diesen Umständen aber keine zweite Stelle finden. Aber auch für jene, die für die Betreuung für das eigene Kind einen zusätzlichen Tag organisieren müssen.

Beim Frauenstreik bewusst in Vordergrund gestellt

Die Stadt macht da andere ­Erfahrungen: «Es gibt viele, die wollen Teilzeit arbeiten», sagt Regina Kesselring vom Schulamt, das dem Zürcher Schuldepartement von Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) angehört. Aktuell würden 1230 Personen – ein Viertel davon sind Männer – in der Betreuung arbeiten, davon gut 75 Prozent in einem Pensum über 50 Prozent. Viele Personen mit Teilzeitpensum würden ­während der Schulwochen in einem höheren Pensum arbeiten, um Mehrstunden während der 13 Wochen Schulferien zu kompensieren. «Das ist insbesondere für Mütter und Väter von Schulkindern interessant.» Zudem würden viele aus persönlichen Gründen in Teilzeitpensen arbeiten, weil sie parallel eine Aus- oder Weiterbildung absolvieren oder weil das Pensum zum Familienmodell passe. «In der Betreuung sind auch viele ­ältere Mitarbeitende tätig, die nur wenige Stunden pro Tag arbeiten wollen.» Bei Stellen­besetzungen erfahre man die ­Bedingungen ja im Inserat.

Ausgeschrieben seien momentan vier Stellen für Hortleitungen und drei für Fachpersonen Betreuung (FaBe) sowie drei Stellen für Hortleitungen oder FaBe. Die kleine Anzahl offener Stellen gegenüber der Gesamtzahl zeige, dass die Fluktuation relativ gering sei, sagt Kesselring. Die Löhne bei den Hortleitenden liegen laut Schulamt zwischen 81'400 und knapp 122'000 Franken (Bruttojahresgehalt auf 100 Prozent), die Löhne der FaBe zwischen 61'700 und 92'400 Franken und damit deutlich höher als bei FaBes in den Kitas.

Am Frauenstreik habe der VPOD die Kinderbetreuung zu einem der drei Schwerpunkt­themen gemacht, sagt Katharina Prelicz-Huber, Gemeinderätin der Grünen und VPOD-Präsidentin. Dabei hätten sie die Anstellungsbedingungen bei den Kitas und den Horten in den Vordergrund gestellt. Von einem solchen Teilzeiteinkommen in Kitas und Horten könne niemand leben, die Löhne in den Kitas seien grundsätzlich viel zu tief. «Mitarbeitende mit so kleinen Pensen kommen nicht einmal auf das Existenzminimum.»

Stadt sollte Vorbild sein

Prelicz-Huber sagt, dass Zürich tatsächlich bessere Löhne zahle als andere Gemeinden. Für eine Hortleitung verlange sie richtigerweise einen Uni- oder Fachhochschulabschluss. Und auch bei guter Bezahlung: Bei einem 32-Prozent-Pensum, das auf vier Tage verteilt sei, sei der aus­bezahlte Lohn gering. «Zudem kann eine Person, auch wenn sie wollte, kaum zu 100 Prozent in der Betreuung arbeiten, da die Belastung zu hoch ist.»

VPOD-Gewerkschafter Thalmann betont die Rolle der Stadt: «Wir sind der Ansicht, dass Gemeinden wie Zürich in der Verantwortung stehen. Sie werden dieser aber aus personalrecht­licher Sicht nicht gerecht, da die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie festgeschrieben ist. Zudem bezeichnet die Stadt diese selber als Schlüsselthema der Gleichstellung.»

Der VPOD befürchtet, dass solch unattraktive Arbeitsbedingungen massiv zunehmen werden. In der Stadt Zürich ist das Projekt Tagesschule 2025 beschlossen: Bis 2025 will die Stadt die Tagesschulen flächendeckend einführen. Momentan sind sechs Schulen am Versuch beteiligt. Nach den Sommerferien steigen weitere 13 Schulen in das Projekt ein. Die Stadt sagt, in den Tagesschulen sei es explizit das Ziel, das Betreuungspersonal in den Unterrichtsbereich (Klassenassistenz, Aufgabenstunden) einzubeziehen, um damit ein erweitertes Betätigungsfeld bieten zu können.

Erstellt: 01.07.2019, 22:18 Uhr

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