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Zürich sucht: iranische Forscher

Wissenschaftler der Universität und der ETH Zürich sind besorgt über Trumps Politik. Forscher Adriano Aguzzi protestiert auf seine eigene Art.

Adriano Aguzzi sieht eine grosse Chance für die Schweiz. Foto: Dominique Meienberg
Adriano Aguzzi sieht eine grosse Chance für die Schweiz. Foto: Dominique Meienberg

Uniprofessor Adriano Aguzzi ist schockiert über die Einwanderungspolitik von US-Präsident Donald Trump und protestiert – auf seine Weise. Der Mediziner will junge Wissenschaftstalente aus dem Iran in die Schweiz holen. An seinem Institut in Zürich will er bis zu sechs Forscherinnen und Forscher aus dem muslimischen Land anstellen. Sie sollen als Mitglieder einer gut zehnköpfigen Forschertruppe den Ursachen von Alzheimer oder Parkinson auf den Grund gehen. Dass er Stellen schaffen kann, macht eine Spende von 7 Millionen Franken möglich. Ein verstorbener Arzt hat sie Aguzzi kürzlich vermacht. Zwar werden bei gleicher Qualifikation Schweizer Bewerberinnen und Bewerber bevorzugt, aber erfahrungsgemäss ist die Wissenschaft bei der Besetzung von Posten in der Spitzenforschung auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen.

Aguzzi verbreitet seine Stellenausschreibung nun über die sozialen Medien und verkündet zugleich seinen Unmut über US-Präsident Donald Trump. Aguzzi spricht von einer «Notsituation». Er meint den Einreisestopp, den Trump über Menschen aus sieben muslimischen Ländern verhängt hat. Es sind mehrheitlich Staaten im Mittleren Osten: Syrien, Libyen, Sudan, Jemen, Irak, Somalia und Iran. Mittlerweile haben die USA einige Bestimmungen zwar gelockert. Trotzdem hatten die neuen Regeln bereits verheerende Effekte: Wer sich unter Spitzenforschern der ETH und der Universität Zürich umhört, erfährt, dass die Stimmung in der Forschergemeinschaft sehr gedrückt ist. Einige verzichten gar darauf, für ein Studiensemester in die USA zu reisen.

Forscher klopfen bei Fehr an

Über seine Kontakte hört Aguzzi direkt von den Sorgen seiner Wissenschaftskollegen – genauso wie seine Arbeitskollegen. Der bekannte Ökonom Ernst Fehr sagt, die Forscher seien entsetzt über die Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA. Bei ihm haben sich in den letzten Tagen «unglaublich viele Topforscher gemeldet». Sie wollen bei ihm in Zürich arbeiten. Fehr leitete bis vor zwei Jahren das Institut für Volkswirtschaft der Universität Zürich. Dieses zieht wegen seines Rufs Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt in die Schweiz. Inzwischen ist Ökonom Fehr Direktor des UBS Centers, das vor einigen Jahren für Schlagzeilen sorgte: Die Grossbank sponsert das Zentrum mit 100 Millionen Franken. Deshalb konnte er mehrere Stellen für Professoren schaffen.

Fehr spürt wohl das, was Martin Vetterli den «Trump-Effekt» nennt. Vetterli ist Präsident der ETH Lausanne. Er erwartet, dass wegen Trump mehr gute Forscherinnen und Forscher in die Schweiz kommen werden. In einem Interview mit Redaktion Tamedia erzählte Vetterli Anfang Januar von einem Professor der New York University, der sich direkt nach Trumps Wahl bei ihm gemeldet habe – mit der Frage: «Hast du einen Job für mich?»

Laut der Zeitung «Le Temps» erhält die ETH Lausanne immer wieder Anfragen von Wissenschaftern, die in die Schweiz übersiedeln wollen. Die Zürcher Hochschulen ETH und Universität bestätigen diesen Trend von offizieller Seite jedoch nicht. ETH-Präsident Lino Guzzella sagt dazu, es sei zu früh, um von einem Trump-Effekt zu sprechen.

«USA machen sich unattraktiv»

Offenbar richten sich die Anfragen aus dem Ausland direkt an Forscherkollegen. Nebst Ernst Fehr hat auch ETH-Professor Reto Knutti per Mail Jobanfragen erhalten. Er gehört in der Klimaforschung international zu den bedeutenden Wissenschaftern und lebt zurzeit mit seiner Familie in den USA. Bei ihm hätten sich junge Forscher gemeldet, sagt er. «Sie sind sehr besorgt über ihre Zukunft in den USA.» Ihn selbst beunruhigt, dass die amerikanische Regierung unter Trump die Wissenschaft geradezu ablehne: «Zurzeit hört die Politik nicht mehr auf Fakten, sondern verbreitet Lügen als Fakten.» Gerade die Forschung zu Themen des Klimawandels gerate so unter enormen Druck.

«Junge Forscher sind sehr besorgt über ihre Zukunft in den USA.»

ETH-Klimaprofessor Reto Knutti

Klimaspezialist Knutti befürchtet, dass sich wegen Trumps Politik junge Talente von der Wissenschaft verabschieden oder von den USA wegziehen. Beides sei verheerend. Diese Entwicklung erwartet auch Dina Pomeranz. Die Ökonomin lehrte an der Universität Harvard. Zurzeit ist sie wieder an der Universität Zürich. Sie ist in Kontakt mit Arbeitskollegen aus Amerika und beschreibt, wie sich diese wegen der Einreisesperre bedroht fühlten. Einige muslimische Kolleginnen und Kollegen hätten auch Aufenthalte im Ausland abgesagt. Sie befürchteten, nachher nicht mehr in die USA einreisen zu können, sagt sie. Pomeranz ist überzeugt, dass Amerika als Forschungsplatz an Attraktivität einbüsst. Thomas Lüscher, Herzspezialist des Zürcher Universitätsspitals, erwartet diese Entwicklung ebenfalls. Er sagt selbst: «Ich habe zurzeit keine Lust, in die USA zu reisen.» Allerdings denkt er, das Land werde auch künftig für die Forschung von enormer Bedeutung bleiben, allein wegen seiner Spitzenuniversitäten.

Schulen pflegen Iran-Beziehung

Für Mauro Moruzzi ist es zurzeit noch zu früh, um von einem Trump-Effekt zu sprechen. Er arbeitet beim Bund und leitet die Abteilung Internationale Beziehungen. Er erinnert daran, dass vor gut 15 Jahren eine ähnliche Stimmung herrschte. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften die USA unter Präsident George W. Bush die Einreisebestimmungen für verschiedene Länder. Die Folgen seien spürbar gewesen, sagt Moruzzi. Forscher seien abgewandert oder hätten sich gar nicht erst in den USA niedergelassen. Ob Trump nun eine ähnliche Wirkung habe, werde sich in nächster Zeit zeigen. So oder so unterhielten die ETH Zürich und Lausanne gute Beziehungen mit einigen Universitäten im Iran, sagt er. «Dort hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass die Schweiz ein guter Ort ist, um zu studieren und zu forschen.» Rund 800 Leute aus dem Iran seien an hiesigen Hochschulen tätig. Unter den asiatischen Ländern steht der Iran somit nach China und Indien an dritter Stelle.

Aguzzi, der Medizinforscher, der Iraner in die Schweiz holen will, sieht in der Sperre der USA denn auch eine grosse Chance für die Schweiz: «Wenn die USA alles tun, um unattraktiv zu sein, haben wir die Möglichkeit, die besten Talente hierherzuholen.» Gerade im Iran gebe es sehr gute Forscherinnen und Forscher. Aguzzi wird diese noch so gern in Zürich beschäftigen. Seit über 25 Jahren setze er seine Teams international zusammen, sagt er. «So erhält man die besten Forschungsergebnisse.»

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