Zum Hauptinhalt springen

Gewalttätiger Neonazi wird verwahrt

Neonazi Sebastien N., der vor zwei Jahren im Niederdorf einen Mann angeschossen hat, wird wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Strafe von 12 Jahren verurteilt. Anschliessend wird er verwahrt.

Häftlingstransport ins Bezirksgericht Zürich: Der Schütze aus dem Niederdorf...
Häftlingstransport ins Bezirksgericht Zürich: Der Schütze aus dem Niederdorf...
Johannes Dietschi, newspictures
...muss sich vor den Richtern verantworten. Ihm drohen bis zu 20 Jahren Haft.
...muss sich vor den Richtern verantworten. Ihm drohen bis zu 20 Jahren Haft.
Johannes Dietschi, newspictures
Trat offen und offensiv auf: Sebastien N. wird verdächtigt, zur Terrorzelle Werwolf zu gehören.
Trat offen und offensiv auf: Sebastien N. wird verdächtigt, zur Terrorzelle Werwolf zu gehören.
André Aden/recherche-nord
1 / 8

Vor dem Bezirksgericht Zürich heute Mittwoch war Sebastien N. nicht mehr mit Glatze aufgetreten, sondern mit halblangen, nach hinten gekämmten Haaren. Auf seinem schwarzen T-Shirt stehen die Zahlen 1312. Auf die Frage des Vorsitzenden Roland Heimann, was dies bedeutet, meinte er «einfach Zahlen». In Tat und Wahrheit sind dies die Anfangsbuchstaben für den Slogan «All Cops Are Bastards». Arme und Hals sind voller Tätowierungen. Unter anderem mit dem Schriftzug C18 (Combat18) – einst der bewaffnete Arm des Neonazinetzwerks Blood and Honour, wobei die Zahlen der erste und der achte Buchstaben des Alphabets sind, die Initialen Adolf Hitlers. Früher veröffentlichte Bilder zeigen ihn mit einem Hitlerporträt auf der Brust und dem Hakenkreuz.

An der Gerichtsverhandlung sagte der Mann, der am Donnerstag 27 Jahre alt wird, dass er seit 2007 der rechtsextremen Szene abgeschworen habe. Bilder zeigen ihn aber noch Jahre später mit Gesinnungsgenossen in Deutschland. In Hamburg habe er bei seiner damaligen Freundin gelebt. Der in Pflegefamilien und Heimen aufgewachsene Mann hat keinen Beruf erlernt, sondern als Hilfsarbeiter auf dem Bau und zuletzt als Webdesigner in Baden gearbeitet. Einmal pro Woche sei er jeweils für ein, zwei Tage in die Schweiz gereist, um beim IT-Kleinbetrieb im Aargau die Arbeit zu besprechen und abzuholen.

«Ich habe im Schock geschossen»

Dies war auch in der Tatnacht, dem 5. Mai 2012, der Fall. Sebastien N. war an diesem Tag nach der Arbeit noch durch das Niederdorf gegangen und in einer Bar eingekehrt, als dort ein Bekannter aus der rechtsextremen Szene mit Kollegen auftauchte. Er habe am Blick an sofort gemerkt, dass es Ärger gebe. Die aggressive Stimmung habe sich verstärkt, als Sebastien N. auf die ehemalige Freundin des späteren Opfers zu reden kam und als dieser negativ über einen verstorbenen Freund von Sebastien N. sprach. Deshalb, so der Beschuldigte, sei er vor die Bar gegangen, um eins zu rauchen und sich zu beruhigen.

Als sein Kontrahent mit seinen Kollegen auch aus der Bar kam, sei der Streit eskaliert. «Ich hatte Angst, ich habe im Schock geschossen», sagte Sebastien N. dem Richter. Er wisse, zu was der andere fähig sei. Er habe nicht gezielt auf ihn geschossen, sondern nur aus der Hüfte und ihn nicht lebensgefährlich verletzen wollen. Dieser erlitt einen Lungendurchschuss und floh. Der Schütze feuerte noch einmal ab, verfehlte aber den Mann. Nach der Tat flüchtete der Neonazi und wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Er konnte in Hamburg verhaftet werden und wurde an die Schweiz ausgeliefert.

Sebastien N. ist kein unbeschriebenes Blatt. Der in Zürich geborene Mann verbrachte seine Kindheit vorwiegend in Pflegefamilien und Heimen. Er war schon früh mit Rechtsextremen in Kontakt gekommen und ist schon sechsmal vorbestraft; unter anderem wegen Gewaltdelikten und Rassismus. Das Solothurner Obergericht hatte ihn im Januar 2012 in zweiter Instanz wegen einschlägiger Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 39 Monaten verurteilt. Weil er das Urteil ans Bundesgericht gezogen hatte, befand er sich zur Tatzeit auf freiem Fuss.

«Verrat ist nicht verzeihbar»

Staatsanwältin Claudia Kasper wertete die Tat als versuchte vorsätzliche Tötung. Der Beschuldigte habe gezielt und bewusst geschossen. Kasper fordert eine Strafe von 15 Jahren und anschliessende Verwahrung. Der Mann habe aus Wut, Rache und Hass geschossen; unter anderem weil sein Kontrahent aus der Naziszene ausgestiegen sei. Sie verwies auf eine Whatsapp-Nachricht, die der Beschuldigte nach der Tat verschickt hatte: «Verrat ist nicht verzeihbar, deshalb das.» Auch die Zeugen in der Bar, unter anderem eine Polterabendgruppe, hätten von der angeblich aggressiven und drohenden Stimmung des Opfers und seiner Begleiter nichts mitbekommen.

Das psychiatrische Gutachten prognostiziert beim Beschuldigten eine hohe Rückfallgefahr. Er leide unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und habe eine eingeschränkte Impulskontrolle. Seit seiner Jugend würden sich seine Gedanken um Gewalt drehen. Zudem habe er einen Hass auf Staat und Justiz. Reue oder Einsicht seien nie erkennbar gewesen . Da der Mann eine stationäre Therapie in einem Gefängnis ablehne, müsse er verwahrt werden, sagte Kasper.

Für seinen Anwalt war es Notwehrexzess

Der Rechtsvertreter des Opfers verlangte gar eine Verurteilung wegen versuchten Mordes. Der um zwei Jahre ältere Maurer war früher ebenfalls Mitglied der rechtsextremen Szene gewesen. Der Schweizer aus dem Kanton Aargau habe der Nazigesinnung aber abgeschworen. Sebastien N. habe sich dafür rächen wollen. Der Anwalt zitierte ein weiteres SMS, das der Beschuldigte vor der Tat verschickt hatte: «Am 1. Mai wirds heiss für Verräter.» Er forderte für seinen Mandanten eine Genugtuung von 45’000 Franken.

Der Anwalt von Sebastien N. verlangte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, dies wegen eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung, sowie eine ambulante Therapie. Sein Mandant habe in einem Notwehrexzess gehandelt.

Bereits als Jugendlicher auf Freundin geschossen

Am Mittwochabend verkündete das Gericht das Urteil: 12 Jahre Freiheitsentzug wegen versuchter vorsätzlicher Tötung mit anschliessender Verwahrung. Während des Strafvollzugs soll er ambulant behandelt werden. Der Gerichtsvorsitzende Roland Heimann begründete die Verwahrung damit, dass Sebastien N. sich gegen eine stationäre Massnahme gewehrt habe und sagte, dass er da nicht mitmachen würde. «Sie haben die Weichen selber so gestellt», sagte Heimann.

Für das Gericht war es kein Notwehrexzess, sondern eine vorsätzliche Tötung. Dass es eine Racheakt unter Gesinnungsgenossen war, glaubte das Gericht nicht. Sebastien N. habe vielmehr aus einer früher erlebten Kränkung die Waffe mit sich geführt und sie wegen eine banalen Schubserei eingesetzt.

Der Vorsitzende erinnerte daran, dass Sebastien N. schon vor elf Jahren mit einem Gewehr durch die geschlossene Türe auf seine damalige Freundin geschossen hat, sie aber nicht verletzte. Nachher setzte er die Waffe an ihren Kopf und drückte ab, die junge Frau überlebte nur, weil das Gewehr klemmte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch