So läufts in den Münsterhof-Läden ohne Parkplätze

Bleiben die Kunden aus? Sinkt der Umsatz? Zürcher Ladenbesitzer erzählen, was passiert, wenn Parkfelder in der Innenstadt verschwinden.

Verkaufen ohne Verkehr: Manuel Wiesendanger vom Sibler-Shop. Foto: Urs Jaudas

Verkaufen ohne Verkehr: Manuel Wiesendanger vom Sibler-Shop. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Zürich kursieren zwei martialische Glaubenssätze. Je nachdem, welcher sich durchsetzt, sieht die Zukunft dieser Stadt ganz unterschiedlich aus. Der eine lautet: «Nur ein toter Parkplatz ist ein guter Parkplatz.» Der andere: «Tote Parkplätze bedeuten tote Lädeli.» Der erste hat gerade Oberhand, seit der Stadtrat letzte Woche bekannt gegeben hat, in der Innenstadt etwa 770 Parkplätze abzubauen. Darum ist auch der zweite wieder zu hören.

Die SVP sagt, dass jeder Parkplatz in der City eine halbe Million Franken Umsatz im Jahr bringe. Der Hauseigentümerverband doppelt nach, dass Kunden nicht mehr in der Stadt einkaufen, wenn sie keine Parkplätze finden. Will heissen: Wenn der Stadtrat wie geplant Parkplätze streicht, entgehen den Geschäften in der City fast 400 Millionen Franken Umsatz. Aber stimmt diese Rechnung?

Fragt man bei jenen Zürcher Ladenbesitzern nach, die Erfahrung mit Parkplatzabbau haben, ist das Bild differenzierter. Einige sind zwar fest von einem negativen Effekt überzeugt, aber dieser schlägt sich nur zum Teil eindeutig im Geschäftsgang nieder. Andere halten dagegen, ihr Umsatz sei unverändert.

Wer sich anpasst, verdient

Das zeigt sich etwa am Münsterhof, wo vor drei Jahren 55 Parkplätze direkt vor den Ladentüren verschwunden sind. Das negativste Beispiel kommt von Daniel Dätwyler, der vor kurzem das Traditionsgeschäft Chäs Vreneli aufgeben musste. Er sagt, dass der Verkauf nach dem Umbau um ein Fünftel eingebrochen sei.Allerdings habe der Niedergang schon Jahre zuvor mit der Finanzkrise eingesetzt.

Manuel Wiesendanger vom Haushaltwarengeschäft Sibler spricht ebenfalls von einer anhaltenden Krise, die mit der Eurokrise vor über zehn Jahren begonnen habe. Auch er ist überzeugt, dass der Parkplatzabbau zu den Problemen beiträgt. Diese hätten sich nach dem Umbau des Münsterhofs akzentuiert – in der Filiale in den Viaduktbögen im Kreis 5 laufe es besser.

Es sei offensichtlich, dass die kaufkräftige Kundschaft vom Zürichberg, die früher gerne auf dem Münsterhof parkiert habe, zurückgegangen sei.

«Der Stadtrat killt die Innenstadt, wenn er seinen grünen Kurs jetzt einfach durchsetzt», sagt Wiesendanger. Er weist aber darauf hin, dass Verbesserungen auch ohne Parkplätze möglich wären. So habe der Umsatz während temporärer Kunstinstallationen um über 10 Prozent angezogen. Leider sperre sich die Stadt gegen eine dauerhafte Verbesserung der Aufenthaltsqualität auf dem Platz. Alle befragten Ladenbesitzer klagen, dieser sei öd und zu oft verwaist.

Apotheker Lorenz Schmid ist da keine Ausnahme – aber wirtschaftlich läuft es bei ihm besser. Sein Umsatz sei nicht zurückgegangen, sagt er, im Gegenteil: Er habe das Geschäft teilweise neu ausgerichtet auf internationale Touristen, der positive Effekt überlagere alles andere. Schmid gibt aber zu bedenken, dass andere Läden aufgrund ihres Sortiments weniger anpassungsfähig seien. Es sei offensichtlich, dass die kaufkräftige Kundschaft vom Zürichberg und aus den Seegemeinden, die früher gerne auf dem Münsterhof parkiert habe, zurückgegangen sei. Wer auf diese Kunden angewiesen ist, hat es schwer. Das sagt auch ein Ladenbesitzer, der anonym bleiben will. Bei ihm sei der Umsatz stabil, doch er wünschte sich ein paar Halteplätze für ältere Kunden, die schlecht zu Fuss sind und nicht Tram fahren mögen.

Ein Viertel hängt am Auto

Die Parkplätze ums Fraumünster sind jene, die für die Geschäfte in der Innenstadt am lukrativsten sind: jeder generiert fast 700'000 Franken Umsatz im Jahr, wie eine aufwendige Erhebung der Stadt 2011 ergab. Die Zahlen der SVP sind also nicht aus der Luft gegriffen. Bei einem Durchschnittsparkplatz in der Innenstadt sinkt der Wert allerdings auf rund 330'000 Franken, in den Parkhäusern sogar auf unter 170'000 Franken. Die motorisierten Einkäufer geben gemäss der Erhebung in den Geschäften der City am meisten Geld aus, aber da sie zahlenmässig unter 20 Prozent ausmachen, tragen sie nur gut ein Viertel zum Gesamtumsatz bei.

Am Rennweg weiss man seit längerem, was es heisst, wenn solche Kunden wegfallen. 2004 wurden dort die Parkplätze aufgehoben. Drei Jahre danach zeigte sich bei einer Umfrage der Stadt: Der Anteil Kunden mit Auto war leicht gesunken, und jeder fünfte Geschäftsinhaber klagte über einen Rückgang an Kunden. Betroffen war vor allem der Detailhandel.

Lukas Kindlimann vom Schuhhaus Schulthess. Foto: Urs Jaudas

Seither hat sich am Rennweg vieles verändert, nur eine Handvoll Traditionsgeschäfte hält sich. Marcel Zumstein von der gleichnamigen Papeterie sagt heute, der Umsatz sei seit dem Umbau des Rennwegs nicht spürbar zurückgegangen. «Früher war diese Strasse weder Fisch noch Vogel. Jetzt, wo sie eine Fussgängerzone ist, zieht sie mehr Leute an.» Lukas Kindlimann vom Schuhhaus Schult­hess äussert sich ebenfalls positiv. Er verzeichnet zwar einen leichten Umsatzrückgang. «Aber sicher nicht wegen der Parkplätze, sondern wegen des Onlinehandels und des Einkaufstourismus im Euroausland.»

Tradition geht, Apple kommt

Kritischer ist ein anderer, der nicht mit Namen hinsteht: «Der Umbau war gut fürs Auge, aber nicht fürs Geschäft.» Die Stadt nehme keine Rücksicht auf Betriebe mit traditioneller Kundschaft, und wenn etwas mal kaputt sei, sei es kaum mehr zu reparieren. Aber er wolle nicht klönen, es entstehe auch wieder Neues – und er deutet auf den Apple-Store, wo früher Franz Carl Weber war.

Am Münsterhof wie am Rennweg wich ein Teil der Kunden auf nahe Tiefgaragen und andere Parkplätze aus. Etwas weiss daher keiner: was die Folgen sind, wenn in der City Hunderte Parkplätze ohne jeden Ersatz gestrichen werden, wie es der Stadtrat nun vorhat. Denn das gab es in den letzten dreissig Jahren nie.

Erstellt: 13.11.2019, 10:44 Uhr

Artikel zum Thema

Der teuerste Parkplatz der Welt hat einen neuen Besitzer

Ein Haus kostet weniger: Wie ein Millionen-Parkplatz zum absurden Ausdruck der Raumknappheit in Hongkong wird. Mehr...

Zürich baut Hunderte Parkplätze ab

Mit der linksgrünen Ratsmehrheit im Rücken macht der Stadtrat einen brisanten Vorschlag. Die Zahl der oberirdischen Parkplätze soll sinken – ersatzlos. Mehr...

Die Rückeroberung hat begonnen

Kommentar Die Stadt hebt 770 Parkplätze auf. Sie muss sich aber auch um einen guten Transportersatz kümmern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...