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Giftanschlag auf Wanderfalken: Taubenzüchter kommt vor Gericht

Ein Taubenzüchter aus Kosovo soll mit einer vergifteten «Kamikazetaube» versucht haben, streng geschützte Wanderfalken zu töten.

Im Kanton Zürich hat der Wanderfalke viele Freunde – aber offenbar auch Feinde. Foto: Getty Images
Im Kanton Zürich hat der Wanderfalke viele Freunde – aber offenbar auch Feinde. Foto: Getty Images

In den letzten Jahren sind in der Stadt und im Kanton Zürich wiederholt Wanderfalken vergiftet worden. Die Kadaver der streng geschützten Greifvögel wurden oft an ihren Brutplätzen entdeckt. In einem Fall dokumentierte eine Webcam das Falkendrama: Auf dem Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse im Kreis 5 ist ein Nistkasten installiert, der regelmässig von einem Falkenpaar benutzt wurde. Am Morgen des 9. Mai 2011 landete das Falkenweibchen mit einer toten Taube auf dem Vorplatz des Nistkastens und begann die Beute zu rupfen. Kurze Zeit später fing das Tier an zu schwanken und stürzte vornüber, aufmerksam beobachtet von den drei Jungvögeln. Die Untersuchung des verendeten Vogels ergab: vergiftet mit einem Pflanzenschutzmittel.

Kamikazetauben eingesetzt

Jemand hatte das Gift auf das Gefieder einer lebenden Taube gestrichen. Die Tauben werden als Köder in die Luft geschickt und vom Wanderfalken geschlagen. Beim Rupfen der Federn vergiften sich die Falken. Die Fachleute sprechen von sogenannten Kamikazetauben. Der Begriff Kamikaze stammt von den japanischen Kampfpiloten, die sich im Zweiten Weltkrieg mit ihren Flugzeugen auf amerikanische Kriegsschiffe stürzten und dabei ums Leben kamen.

Nach intensiven Ermittlungen haben die Behörden einen solchen Falkenhasser ermittelt: einen 36-jährigen Kosovaren und Hobbytaubenzüchter aus dem Zürcher Unterland. Der Mann muss sich demnächst vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Es handelt sich landesweit um den zweiten bekannten Fall eines Falkenhassers, der eruiert werden konnte.

Die Staatsanwältin wirft dem Mann vor, im März 2016 einer Taube ein hoch toxisches Pflanzenschutzmittel auf den Nacken- und Schulterbereich aufgetragen zu haben. Danach liess er die Taube fliegen und hoffte, dass ein Greifvogel sie schlagen würde. Laut Anklageschrift konnte die Taube aber eingefangen werden, bevor sie Beute eines Wanderfalken, Habichts oder Sperbers wurde. Damit die Ködertaube nicht wieder in den Taubenschlag zurückkehrte, hatte der Beschuldigte den Ein- und Ausflugsschaft des Taubenschlags verschlossen.

Die Staatsanwältin verlangt für den Kosovaren wegen Tierquälerei eine bedingte Freiheitsstrafe von elf Monaten. Zudem soll er eine Busse von 1500 Franken und die Untersuchungskosten von 8000 Franken bezahlen. Sie wirft ihm zusätzlich vor, in seinem Taubenschlag in einem Schrebergartenareal neun Tiere mehr als die zulässigen 63 Tauben gehalten zu haben. Auch seien Brutpaare und Jungtiere in geschlossenen, zu kleinen Boxen auf Gitterrost und ohne Sitzstangen gehalten worden.

Im vergangenen Juli war vom Bezirksgericht Dielsdorf bereits ein 42-jähriger eingebürgerter Mazedonier aus dem Zürcher Unterland wegen Tierquälerei zu einer bedingten Strafe von elf Monaten und einer Busse von 4000 Franken verurteilt worden.

Züchter aus dem Balkan

Die beiden Taubenzüchter gehören zu einer speziellen Gruppe. Diese Männer, meist Leute aus dem Balkan, züchten nicht Brieftauben, sondern Flugtippler oder Hochflieger. Das sind Ausdauerflieger, die nicht weite Distanzen fliegen, sondern in Sichtweite ihres ­heimatlichen Taubenschlages in der Luft bleiben. Die Züchter schliessen Wetten auf die Tiere ab: Die Taube, die am längsten in der Luft bleibt, gewinnt. Der Weltrekord soll 22 Stunden be­tragen. Im Fall des verurteilten Züchters war seine Taube, eine Serbische Hochfliegertaube, nach neuneinhalb Stunden von einem Greifvogel geschlagen worden.

In einschlägigen Internetforen von Züchtern und Haltern von Serbischen Hochfliegern wird unverhohlen zum «Krieg zur Ausrottung» der Greifvögel aufgerufen.

«Situation ist gravierend»

Laut Angaben der Kantonspolizei sind auf Zürcher Kantonsgebiet im Jahr 2015 sechs Greifvögel tot aufgefunden worden, die sicher oder vermutlich vergiftet wurden. Auch letztes Jahr gab es wieder Opfer. Im Februar, so Kapo-Sprecher Stefan Oberlin, ist im Glattzentrum in Wallisellen ein toter Wanderfalke neben einer ebenfalls toten Taube aufgefunden worden, vermutlich vergiftet.

Im September 2016 hat ein Passant einen toten Wanderfalken beim Maag-Areal im Zürcher Kreis 5 entdeckt, diesmal ohne Taube. Ob der Vogel vergiftet wurde oder in eine Scheibe geprallt war, ist nicht bekannt.

Gemäss Grün Stadt Zürich sind die beiden städtischen Wanderfalken-Nistkästen auf den Kehrrichtverbrennungsanlagen Josefstrasse im Kreis 5 und Hagenholz im Kreis 11 verwaist. Einzelne Wanderfalken seien gesichtet worden, sagt Sprecher Marc Werlen.

Werner Müller, Geschäftsführer des Schweizer Vogelschutzes, beurteilt die Situation als nach wie vor gravierend. Dass die beiden Stadtzürcher Brutplätze nicht besetzt seien, deute entweder auf eine lange Nachwirkung hin oder darauf, dass die Vergiftungen weitergehen würden. Auch in anderen Gegenden der Schweiz seien langjährige Brutplätze plötzlich aufgegeben worden.

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