Grasgrüne 137-Meter-Türme für Zürich

Die Hochhäuser auf dem Hardturmareal sollten begrünt sein, findet ein Künstler. Die Vorbilder stehen in Mailand.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hochhäuser in Zürich provozieren. Auch die jüngsten Pläne dafür: Auf dem Hardturmareal sollen zwei 137 Meter hohe Türme zusammen mit dem neuen Fussballstadion künftig das westliche Einfallstor in die Stadt markieren. In Höngg formiert sich bereits Widerstand dagegen. Zu hoch seien die Häuser, monieren einige. Und würden die Türme gebaut, hätte das eine Signalwirkung. Andere Bauherren würden dann noch höher hinaus wollen, fürchtet man.

Südöstlich von Höngg, im Kreis 6, haben die ersten Bilder der beiden Hochhäuser ebenfalls provoziert – und zwar eine neue Idee. Der Zürcher Künstler Meaulnes Legler fühlte «ästhetisches Empfinden» von den Visualisierungen «erheblich gestört». «Es wundert mich nicht», kritisiert Legler, «dass das Projekt in dieser Form anstösst und bei einer Abstimmung nicht angenommen wird». Das Zürcher Stimmvolk habe bereits dem Swissmill-Turm zugestimmt und bereue dies heutzutage, wie er vernommen habe. «Um die Schwerfälligkeit dieses Monoliths abzuschwächen, kursieren nun Projekte mit Farbanstrichen und Kletterwänden.» Und jetzt sollen dem Hardturm-Stadion zwei ebenso «hässliche Wohn- und Business-Türme» beigestellt werden, sagt Legler. «Ganz in Grau und ästhetisch nicht ansprechend.»

Legler hat beim Hardturm vorgespurt und präsentiert bereits vor Baubeginn eine Alternative zum bisherigen Projekt: «Ich habe das Bild der Visualisierung bearbeitet, um sichtbar zu machen, wie die beiden Türme viel besser aussehen könnten – ästhetisch ansprechend, ökologisch vertretbar und vom Stadtvolk sicher eher akzeptiert.» Legler schweben grün bewachsene Türme vor. So wie die Bosco Verticale in Mailand, die begrünten Zwillingstürme des italienischen Architekten Stefano Boeri, die als Vorbilder gelten, wenn es ums Thema begrünte Hochhäuser geht. Boeri erhielt dafür den internationalen Hochhaus-Preis 2014.

Umfrage

Was halten Sie von den begrünten Hochhäusern?





In der Schweiz gibt es bereits ähnliche Projekte. In der Waadt ist das 117 Meter hohe «Les Terrasses des Cèdres» geplant –, in Rotkreuz in einem 70 Meter hohen Turm 85 Eigentumswohnungen, und in Wabern BE ist der 53 Meter hohe Garden-Tower bereits bewohnt.

Die Vorteile des Grüns

Neben der ungewöhnlichen Ästhetik bringen Fassadenbegrünungen ökologische Vorteile mit sich. Das weiss auch die Zürcher Stadtregierung. Sie spricht von sogenannten Vertikalbegrünungen. Und diese könnten «ein Puzzlestein für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung sein», antwortete der Stadtrat vor zwei Jahren auf eine schriftliche Anfrage zweier grüner Gemeinderäte. Sie verbesserten das Stadtklima (spenden Schatten und kühlen natürlich), die Lufthygiene (lokale Staub und Schadstofffilter), Freiraumqualität (sind einladender und reduzieren Lärm) sowie die Biodiversität (Nahrung, Nistplätze, Verstecke).

Der Stadtrat befürwortet ausdrücklich solche Begrünungsprojekte. Auf der Website von Grün Stadt Zürich gibt es eigens einen Abschnitt dazu. Den Grünen im Stadtparlament ist dieses Bekenntnis aber zu wenig. Im August haben zwei Gemeinderäte einen Vorstoss eingereicht. Sie regen an, der Stadtrat solle ein neues «Kompetenzzentrum Vertikalbegrünungen» schaffen, der die Aktivitäten in diesem Bericht bündelt und «als wichtiger Kernpunkt bei der weiteren baulichen Verdichtung priorisiert».

Teuer und kompliziert

Die Hardturm-Projektentwicklerin HRS fände begrünte Fassaden grundsätzlich gut, sagt HRS-Kommunikationsleiter Andreas Netzle. Das grosse Aber folgt jedoch prompt: Zu viele Gründe hätten gegen eine durchgängige Begrünung gesprochen, wie sie der Künstler vorschlage. Eine solche würde das Gewicht der Bauten deutlich erhöhen, was auf diesem Baugrund in der Gewässerschutzzone nicht zu bewältigen wäre. Die Architekten hätten bei den Hochhäusern zudem die Aussenräume wegen des Windes bewusst als verglaste Loggien ausgestaltet. «Bei auskragenden Pflanzen-Erkern würde sich die Silhouette verändern und im Widerspruch zur aktuellen Schlankheit der Türme stehen», sagt Netzle.

Aber damit nicht genug: «Die Thematik ist komplex», gibt der HRS-Sprecher zu bedenken. Die durchgängige Begrünung würde von der Gebäudeversicherung (GVZ) kaum bewilligt, da die Fassade eines Hochhauses «nichtbrennbar materialisiert» sein müsse. Schliesslich müsste auf die Jurierung des Wettbewerbs zurückgekommen werden, da es sich dabei um eine wesentliche Änderung des beurteilten Projekts handeln würde. Und zudem würden die Kosten des Projekts steigen, damit auch die Mieten, und die Bewohner müssten die Pflanzen bewirtschaften, was für viele Mieter nicht zumutbar gewesen wäre.

Im bernischen Wabern, wo das erste begrünte Hochhaus der Schweiz steht, wurde ein Teil dieser Probleme gelöst. Ein Bewässerungssystem wurde installiert, damit die Brandgefahr durch verdorrende Pflanzen nicht steigt. «Wegen der Brandschutzbestimmungen ist ein solches Projekt nicht ganz unkompliziert», sagte der Architekt der «Berner Zeitung» vor dem Erstbezug. Das sei auch mit ein Grund dafür, weshalb begrünte Fassaden in der Schweiz noch derart selten sind.

Bilder: Die höchsten Hochhäuser der Welt

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 15:32 Uhr

Artikel zum Thema

Zürichs «Höhenwahn» stösst an

137 Meter hoch sollen die Häuser beim künftigen Hardturm-Stadion werden. Und weitere Himmelsprojekte folgen in Zürich erst noch. Mehr...

Der letzte Anlauf

Die Stadt kommt den Investoren bei den Baurechtsverträgen für das neue Stadionprojekt auf dem Hardturmareal entgegen. In vier Jahren soll Fussball gespielt werden. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Die Eurozone bleibt instabil

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...