1. August in Zürich – so bieder wie ein Musikantenstadl

Jodler, Alphorn, Trachten – am 1. August lockt die Stadt Zürich mit Folklore. Sogar das Sechseläuten ist zeitgemässer.

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Trachtenfrauen spazierten vor der sechs Meter hohen Leuchtreklame des Modegeschäfts PKZ an der Bahnhofstrasse vorbei, auf der im ewigen Umlauf riesige Leuchtfiguren dahergehen. Die Trachtenfrauen schlenderten gemütlich zum Werdmühleplatz, wo sie sich für den 1.-August-Umzug besammelten. Die trendigen Reklamefiguren eilten geschäftig hinter ihnen durch. Ein Bild, zwei Welten.

Pünktlich um 10.20 Uhr startete gestern am Werdemühleplatz mit einem Böllerschuss der viertelstündige Umzug der städtischen Bundesfeier, der durch die Bahnhofstrasse über den Paradeplatz bis zur Stadthausanlage beim Bürkliplatz führte. Alphornbläser, Jodler, Trachtengruppen, Soldaten der Schweizer Armee und Fahnendelegationen der Zünfte und anderer traditioneller Vereine marschierten vorbei an internationalen Modegeschäften, Banken – und Baustellen.

In der Stadthausanlage sang der Chorverband Zürich-See eine «Hymne an die Schweiz», die vor einem Jahr an der Bundesfeier der Stadt Zürich uraufgeführt wurde. Ein neues Stück Musik also, das mit den Worten endet: «. . . gemeinsam für dich, Patria, wohlgesinnt, Helvetia.» All das stimmte auf die Festansprache von Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ein. Mauch, wohl das urbanste Stadtoberhaupt des Landes, war Festrednerin in der sicher urbansten Stadt des Landes. Danach folgten die Landeshymne und der Bundesrat-Gnägi-Marsch.

Es war ein «schönes und würdiges» Fest, wie es sich SP-Stadtrat Raphael Golta, der Präsident des Bundesfeierkomitees, in seiner Begrüssung gewünscht hatte. Bei Prachtswetter. Ein wunderbares Fest für Touristen und für Menschen, die Folklore mögen. Doch sind das die typischen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt, für die das Fest eigentlich ausgerichtet werden sollte? Das Rahmenprogramm der Zürcher Bundesfeier verwandelte die Innenstadt in einen Musikantenstadel – da ist ja das Sechseläuten urbaner! Immerhin beruft sich dieses auf die historischen Zürcher Zünfte, die diese Stadt einst prägten und ihr damit Identität geben.

Engagierte Reden

Die Bundesfeier sollte mehr als alte Zeiten und Legenden beschwören. In den Reden geschah das auch: Der 17-jährige Lehrling Jonas Plath und die gleichaltrige Kantonsschülerin Floren-tina Walser riefen zum Mut auf, Vorurteile abzubauen. Und Corine Mauch sprach von einer selbstbewussten Stadt Zürich, welche die Vielfalt lebt und bereit ist, das Fremde nicht als Bedrohung zu empfinden. «Das Andere darf anders sein. Das heisst nicht, dass ich auch anders sein muss. Zusammen sind wir die Schweiz.»

Doch dann folgte der Festbetrieb mit volkstümlichen Darbietungen unter der Moderation von Monika Fasnacht. Mit dem Alphorntrio Bärgfriedä und der Jodlergruppe Schlierätal. Der Stilbruch zum urbanen Umfeld könnte kaum grösser sein. Und so blieben die Adressaten dieser Reden, die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher, grossmehrheitlich weg. Am Umzug war locker noch ein Platz in der ersten Reihe zu finden; die Stadthausanlage war zwar gut gefüllt, doch die oben beschworene Vielfalt fehlte, was Alter und Herkunft betraf.

Es gibt jeweils ein Alternativprogramm zur klassischen Bundesfeier, das jeweils am Vorabend im Plaza an der Ankerstrasse über die Bühne geht: Sein Name ist Programm: exTELLent. The Suspenders und DJs Si Disco & Louis de Fumer dort, das Trio Bärgfriedä da. Dazwischen liegen Welten. Doch wäre gerade der 1. August ein guter Anlass für die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher, über die Generationen, die ideologischen Grenzen und Nationalitäten hinaus zusammenzusitzen, über den Zustand von Stadt und Schweiz zu diskutieren, die eigene Rolle darin zu reflektieren – und auch sich selbst ein bisschen zu feiern.

Frischer Wind für Tell gesucht

Patriotismus ist nichts Anrüchiges, hat aber auch nicht nur mit Folklore zu tun. Wer Fahnen schwingt und Alphorn bläst, ist nicht unbedingt volksnah, und Tells Geschoss trifft schon lange nicht mehr den Zeitgeist. In der Stadt Zürich, wo wohl mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner in der Primarschule nicht mit dem Rütlischwur geimpft wurden, laufen solche Traditionen und Mythen ins Leere. Es braucht neue Bande, die zusammenschweissen.

Verzicht auf Feierlichkeiten

Dass die 1.-August-Feiern immer mehr die breite Verankerung im Volk verlieren, zeichnet sich auch in der Agglomeration ab. So ist es nicht von ungefähr, dass ausgerechnet in Rifferswil heuer keine 1.-August-Feier mehr stattgefunden hat. Rifferswil fällt bei Abstimmungen immer wieder dadurch auf, dass es, mitten im ländlich geprägten Säuliamt gelegen, progressiv und urban tickt. Ein Aufruf im Rifferswiler Dorfblatt unter dem sinnigen Titel «Wilhelm Tell braucht etwas frischen Wind» blieb wirkungslos.

Wie könnte denn so ein frischer Wind aussehen? Man nehme ein bisschen Tradition vom Sechseläuten-Umzug, mische etwas 1.-Mai-Kampfgeist und einen guten Schuss Ausgelassenheit der Street-Parade dazu, etwas Caliente und durchaus einige Takte Bundesrat-Gnägi-Marsch. Zum Schluss wird die Helvetia auf den Sockel gehoben – statt der Böögg verbrannt. Oder experimenteller: Man fordere all die kreativen Köpfe dieser Stadt, die Studierenden der ZHDK und der beiden Hochschulen etwa, die Werber und Gewerbler, die Pfadis und Cevis, die Parteien und Gewerkschaften, auf, ihre Wünsche und Visionen für die Stadt und die Schweiz für eine 1.-August-Parade umzusetzen.

Natürlich funktionieren solch handgestrickte Rezepte nicht: Doch hat es das Festkomitee geschafft, eine schöne und würdige Feier auf die Beine zu stellen. Vielleicht wird daraus in Zukunft sogar eine schöne, würdige und zeitgemässe Feier. Die Stadt und unser Land sind es wert, dass man nicht nur die Vergangenheit hochhält, sondern auch auf die Gegenwart anstösst und über Visionen für die Zukunft diskutiert. Sonst droht der Nationalfeiertag ein Auslaufmodell zu werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 07:17 Uhr

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