Goldgrube der guten Ideen

Wäre die Welt in den Händen junger Kreativer, wäre sie ein besserer Ort. Diesen Eindruck erhält man an der Diplomausstellung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

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Bis am 19. Juni zeigen 200 Studentinnen und Studenten an der Diplomausstellung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ihre Abschlussprojekte. Die Arbeiten sind ein Abbild davon, was junge Menschen heute beschäftigt: Nachhaltigkeit, Migration oder die perfekte Kaffeeröstung. Lifestyle steht hier selbstverständlich neben Politik. Die Ausstellung ist aber mehr als ein Trendbarometer. Sie macht deutlich: Das Toni-Areal ist eine Goldgrube der guten Ideen. Wir stellen vier Projekte vor, welche die Kommunikation verbessern.

Ein Baukasten für Bohrer

Auf dem Präsentationstisch im Ausstellungsraum «Industrial Design» liegt ein Gerät, das aussieht wie eine Spielzeugpistole, daneben ein ausgepolsterter Koffer. Werden an der Kunsthochschule Waffen entworfen? Nein. Es ist ein Knochenbohrer. Die Studentin Christa Tresch, 24, hat als Bachelorarbeit einen Baukasten entwickelt, mit dem die Bauteile eines Knochenbohrers unkompliziert in verschiedenen Varianten zusammengesetzt werden können. Das Werkzeug «Work It» vereinfacht die Kommunikation zwischen Ingenieuren und ihren Auftraggebern aus der Medizinbranche, weil es anschaulicher ist als eine dreidimensionale Computer-Animation oder eine Skizze. Auf die Idee gebracht hat die Studentin ein Briefing durch die Medizintechnikfirma Helbling, mit der sie derzeit über die Umsetzung ihrer Idee verhandelt.

Ein Baukasten, der Ingenieure und ihre Auftraggeber glücklich machen soll. Bild: Raisa Durandi

Eine Anleitung zum gepflegten Gespräch

Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Thema. Für eine Gesprächsrunde in der Öffentlichkeit braucht es nicht viel. Aber wie bringt man Wildfremde zum anhalten, absitzen, mitdiskutieren? Die Studentinnen Mona Neubauer, 33, und Nora Gailer, 25, wissen es. Sie studieren «Interaction Design» und haben sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit damit befasst, wie man Menschen unterschiedlicher Gesinnung zum spontanen Debattieren über politische Themen bringen kann. Auf dem Sechseläutenplatz und anderswo haben sie ausprobiert, wie ein «Pop-up Forum» am besten funktioniert. Das Resultat ist ein pinkes Büchlein mit allerlei Tipps: Ortsfremde Objekte wie ein aufblasbares Swimming Pool erregen Aufmerksamkeit, Kreidespuren am Boden ebenso, einer Einladung zu einer Tasse Tee folgen die Leute gern, eine Moderatorin sorgt für Struktur. Die Studentinnen möchten zum Nachmachen anregen. «Sei mutig, sei neugierig und mache dein eigenes Pop-Up Forum!», sagen sie. Die Anleitug zum Download gibt es hier.

Die spontanen Gesprächsrunden sind auf dem Sechseläutenplatz erprobt worden. Bild: Kollektiv Warum/Facebook

Eine Erklärungshilfe für Schleudertrauma-Patienten

Ein Schleudertrauma kann Schmerzen, Übelkeit oder Schwindel auslösen. Dem zugrunde liegen unter anderem feinste Verletzungen der Nerven im Nackenbereich, die von den gängigen bildgebenden Verfahren nicht dargestellt werden können. Betroffenen fällt es daher oft schwer zu verstehen, was in ihrem Körper ihre Symptome verursacht. Die Bachelorarbeit von Sarah Stangl, 24, will das ändern. Die «Scientific Visualization»-Studentin hat den Prototypen einer Website entworfen, die bei Gesprächen zwischen Patienten und Therapeuten als Anschauungsmaterial zum Einsatz kommen soll. Illustrationen aus feinen Bleistiftstrichen und kräftigen Farben helfen dabei, die Vielschichtigkeit des hochempfindlichen Kopf-Hals-Bereichs zu begreifen. Stangl hat dafür bewusst eine sanfte Bildsprache gewählt. Aus eigener Erfahrung weiss sie, dass Menschen mit Schleudertrauma dafür dankbar sind. Sobald die Website fertig programmiert ist, möchte Stangl ihre Arbeit öffentlich machen.

Die sanfte Bildsprache soll Schleudertrauma-Betroffenen beim Verstehen helfen. Bild: Sarah Stangl

Eine Schrift, die Gefühle ausdrücken kann

Wer ein SMS schreibt und sich nervt, kann seinem Ärger mit Worten oder mit Emojiis Luft machen. Wenn es nach Ruben Brändli geht, kommt in der Zukunft auch noch die Schrift dazu. Der 26-Jährige hat für seine Bachelorarbeit in Visueller Kommunikation eine Smartphone-Schrift erfunden, die in Echtzeit auf ihren Nutzer reagiert. An seinem Präsentationsstand zeigen kurze SMS-Dialoge, was seine Schrift «What you do is what you get» alles kann. Auf die Frage «Hey, kommst du auch noch auf ein Bier?» antwortet ein offensichtlich Betrunkener mit einem undeutlichen «Ja, wo seid ihr?». Die Schrift zeigt an, dass er die Buchstaben beim Tippen nicht mehr präzise trifft. In einem zweiten Beispiel spiegelt sich der wütende Fingerdruck des SMS-Schreibers in extradicken Lettern: «Hey, hast du heute wieder mein Fahrrad genommen?» - «Ja, dachte, es wäre okay weil du schon weg warst», antwortet der Angesprochene mit zaghaften, blassen Buchstaben. Das würde man gerne bald selbst ausprobieren!

Wird das Handy beim Schreiben geschüttelt, übertagen sich die Bewegungen auf die Schrift. Bild: Ruben Brändli

Erstellt: 10.06.2016, 12:40 Uhr

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