«Grosse Kunst kommt nie aus der Mode»

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss hält morgen anlässlich der Ausstellung zu «Thomas Mann in Amerika» eine Rede. Wir haben ihn vorab zu Mann befragt.

Für Lukas Bärfuss ist «Der Zauberberg» Manns bestes Werk. Foto: Dominique Meienberg

Für Lukas Bärfuss ist «Der Zauberberg» Manns bestes Werk. Foto: Dominique Meienberg

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Herr Bärfuss, welches ist Ihr liebstes Mann-Werk?
Ganz eindeutig «Der Zauberberg». Warum? Gar nicht so einfach zu sagen, warum man gewisse Bücher liebt. Hier sind es wohl die unvergesslichen Figuren – Settembrini, Naphta, Peeperkorn – die sich in diesem ­Höhenrausch wiederfinden, am Vorabend der ersten grossen Katastrophe, des Ersten Weltkriegs, in einem lethargischen, angefaulten Geisteszustand.

Die Ausstellung im Strauhof befasst sich mit Manns Exil in den USA. Bei der Ankunft in New York 1939 fragte man ihn, wie das sei, die Heimat hinter sich zu lassen. Er sagte: «Es ist schwer zu ertragen. Aber was es einfacher macht, ist die Vergegenwärtigung der vergifteten Atmosphäre, die in Deutschland herrscht.» Können Sie das nachfühlen? Was brauchte es, damit Sie aus der Schweiz emigrierten?
Das kann ich wohl nachfühlen, wahrscheinlich ist diese Ambivalenz die einzig mögliche Haltung – jetzt einmal abgesehen von der Tatsache, dass Mann dies natürlich unter dem Eindruck der Machtübernahme durch die Nazis sagt, der Judenverfolgung, der Kriegstreiberei. Und man muss dazu sagen, dass die Formulierung «Thomas Mann emigrierte» irreführend ist. Er wurde ausgesperrt, konnte nach einer Vortragsreise nicht mehr zurück nach München, ohne die eigene Freiheit, Gesundheit und wohl auch das Leben zu riskieren. In einem solchen Fall wird einem die Entscheidung abgenommen, und ich gehe jetzt einmal davon aus, dass ich in meiner Lebenszeit nicht mit solchen Umständen konfrontiert werde.

Mann war immer auch politisch. Muss gute Literatur politisch sein?
Thomas Mann verstand sich die meiste Zeit seines Lebens nicht politisch, ganz im Gegenteil, sein überlanger Essay «Betrachtungen eines Unpolitischen» zeugt von einer Haltung, die sich im «Geistigen» verwurzelt sieht. Er hat dann schmerzlich begreifen müssen, dass sich das eine vom anderen nicht trennen lässt. So schreibt er 1939, im Exil, in einem Essay mit dem Titel «Zwang zur Politik», dass das Politische und das Soziale ein Teilgebiet des Menschlichen ausmache und die Kultur eine gefährliche Lücke aufweise, wenn es ihr an diesem, dem sozialen, politischen Elemente gebreche. Und ich würde ihm da voll und ganz zustimmen.

Das beste Zitat von Thomas Mann war . . .
Ach, ich bin nicht so der Zitatensammler, und mit Aphorismen kann man mich jagen. Aber gewiss sind manche seiner Sätze so herrlich gespreizt und umständlich, dass man nie sicher ist, wie der Autor das nun gemeint haben könnte. Als Beispiel etwa der Satz, mit dem sein Roman «Doktor Faustus» beginnt: «Mit aller Bestimmtheit will ich ver­sichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiss sehr vorläufigen Biografie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und geniales Musikers einige Worte über mich selbst und meine Bewandtnisse vorausschicke.»

Mann kommt nicht aus der Mode. Wie erklären Sie sich das?
Grosse Kunst kommt nie aus der Mode, und er ist gewiss einer der hervorragendsten Vertreter des bürgerlichen Romans, ja, er hat das bürgerliche Ideal des Schriftstellers in allem, gerade auch in der Lebensführung, zur Vollendung gebracht, im Guten wie im Perversen, und wer Thomas Mann liest, der sieht seine eigene Sehnsucht nach dieser äusserst reizvollen, weil bequemen, und auch sehr bizarren, weil entfremdeten Existenzform gespiegelt.

Mann hat 1929 den Nobelpreis gewonnen. Wäre er mit den neuen beiden Preisträgern, die vor wenigen Tagen verkündet wurden, zufrieden? Sind Sie es?
Ob er den beiden Nobelpreisträgern die Auszeichnung gegönnt hätte? Wer kann das wissen? Ja, ich persönlich freue mich für die beiden Laureaten, keine Frage, obwohl ich zugeben muss, nur mit dem Werk von Peter Handke vertraut zu sein. Aber das ist ja das Schöne an diesen Preisen: Sie bringen einem auch immer wieder Werke zur Kenntnis. 1996 war das diese Poesie der Wislawa Szymborska, der letzten Nobelpreisträgerin aus Polen. So freue ich mich also auf die Lektüre der Bücher von Olga Tokarczuk.

Erstellt: 22.10.2019, 11:05 Uhr

Ausstellung über Mann

Ab dem 24. Oktober zeigt das Literaturmuseum Strauhof in Zürich eine Ausstellung zum Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann mit dem Titel: «Thomas Mann in Amerika». Mann flüchtete 1938 ins Exil, wo zentrale Werke wie «Doktor Faustus» entstanden. 1955 starb er 80-jährig im Zürcher Kantonsspital. Die Ausstellung zeigt, wie der Schriftsteller für die Demokratie kämpft, sich für Frieden und Humanität einsetzt – und wie er in der Krise zu einer neuen, politischen Poetik findet.Anlässlich der Ausstellung im Strauhof spricht der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss am Mittwoch, 23. Oktober, in der Kirche St. Peter über Thomas Mann und dessen Exil.23.10., ab 18.30 Uhr, Kirche St. Peter, St.-Peter-Hofstatt 6, 8001 Zürich, Eintritt frei.

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