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Grosses Ladensterben in Aussersihl

Der Veloladen von Sepp Fuchs, die Schreinerei Rundumholz, das Designgeschäft Hannibal: In den kommenden Monaten verliert der Kreis 4 wohl drei traditionelle Kleingewerbler.

Sepp Fuchs in seinem Radsportladen. (Bild: Sophie Steiger)
Sepp Fuchs in seinem Radsportladen. (Bild: Sophie Steiger)

«Da war das Herz, und da war der Verstand», sagt Sepp Fuchs. «Und am Schluss hat der Verstand gesiegt.» Es ist nicht die einzige Aussage des 60-jährigen Ex-Radprofis, die deutlich macht, wie schwer ihm der Abschied fällt. Es ist der Abschied von seinem Radsportfachgeschäft, es ist aber auch der Abschied von Aussersihl, dem multikulturellen Quartier, das ihm längst zur «zweiten Heimat» geworden ist und dessen Entwicklung und Wandel er fast 30 Jahre lang direkt von seinem Laden aus hat mitverfolgen können (die erste Heimat ist Einsiedeln, die Strecke nach Zürich legt er täglich im Zug zurück, «ausser im Sommer, da hab ich den Hinweg auch schon mit dem Velo gemacht»).

Nicht dass Fuchs aus Altersgründen aufhören würde, nein, nur schon sein kräftiger Händedruck und sein vifes Erzählen zeigen auf, wie gut der zweifache Familienvater noch «im Saft» ist. Da der Hausbesitzer aber aufstocken will, was bedingt, dass ein neues Fundament errichtet werden muss, bekam Fuchs im letzten Juni die Kündigung – per Ende Januar 2009. Nachdem er es im Quartier herumerzählt habe, seien einige Angebote für andere Ladenlokale eingegangen, «auch interessante», sagt Fuchs. Aber eben, der Verstand und die Vernunft, und seine Aktiv-Karriere habe er auch so beendet, ein Entschluss und fertig, was er nie bereut habe. Es sei einfach seine Art, Probleme zu lösen, und das sei gut so, und irgendwie fühle er sich nun erleichtert.

Der Vermieter war immer fair

Sein erstes Geschäft stand an der Bauhallengasse 7, übernommen hatte er es 1982 von einem «väterlichen Freund und Mentor». In den ersten Jahren, erzählt Fuchs, habe er noch selber Rennvelos gebaut, «einige davon sind heute noch unterwegs, ich glaube, die haben bald Kultcharakter.» Als dann vor etwa zehn Jahren die massiv billigeren Modelle aus Fernost aufkamen, hat Sepp Fuchs die Eigenproduktion eingestellt. Dafür ging er auf andere Art in die Offensive: Er dislozierte mit Rennrädern und Werkstatt in markant grössere Räumlichkeiten an der St.-Jakob-Strasse, und er erweiterte sein Sortiment um hochklassige Mountainbikes. Das Geschäft habe floriert und die Stammkundschaft sei merklich gewachsen, berichtet Fuchs, «wir haben uns hier richtig wohlgefühlt.» Gerade deshalb komme die Kündigung ein paar Jahre zu früh. «Mit 65 wollte ich sowieso aufhören. Aber jetzt ging alles sehr schnell, das hat mir schon zu schaffen gemacht», gesteht er. Dennoch sei für ihn ein Gesuch um Mieterstreckung kein Thema gewesen. «Mein Vermieter war über all die Jahre hinweg immer sehr fair, und Verträge sind schliesslich Verträge.»

Vor zwei Wochen hat Sepp Fuchs nun seine Kunden über die Schliessung informiert, um ihnen bei der Liquidation der Fahrräder, die jetzt im Gange ist, ein Vorkaufsrecht einzuräumen. «Bis am 18. Januar will ich alles verkauft haben, so hab ich genügend Zeit, um die Werkstatt zu räumen.» Auf die berufliche Zukunft angesprochen, sagt der ehemalige Sieger der Classique Lüttich–Bastogne–Lüttich, er werde fortan bei einem Radsportgeschäft in Samstagern als Mechaniker und Verkäufer arbeiten. Und was wäre mit einem eigenen Veloshop in Einsiedeln? Sepp Fuchs lacht, und er lacht verdächtig verschmitzt. «Das Werkzeug nehm ich auf jeden Fall mal mit nach Hause.»

Nur noch Coiffeure und Nailstudios?

In unmittelbarer Nähe von Fuchs Laden, an der Müllerstrasse 47, befindet sich die Schreinerei Rundumholz. Auch sie wird bald ein abgeschlossenes Kapitel Aussersihler Kleingewerbe-Geschichte sein, mindestens im jetzigen Ladenlokal. Christina Kundert und Claudia Furrer, die zwei Inhaberinnen des 10 Jahre alten Betriebs, haben per Ende März 2009 ebenfalls die Kündigung bekommen. «Das Haus wurde verkauft», erzählt Kundert. «Wir haben zwar mitgeboten, aber wir hatten keine Chance.» Das Gebäude wird im kommenden Jahr abgerissen, und die beiden leidenschaftlichen Schreinerinnen sind verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Werkstattraum. Wenn immer möglich wollen sie in der Umgebung bleiben, «denn irgendwie ist es hier wie in einer grossen, über mehrere Häuser und Strassen verteilten Familie, die Menschen sind füreinander da», so Kundert. Zudem, ergänzt Furrer, müsse man doch versuchen, das Kleingewerbe in dieser Ecke des Quartiers unbedingt am Leben zu erhalten. «Sonst gibt es hier in zehn Jahren nur noch Nailstudios, Coiffeursalons und Bars.»

Ebenfalls in dieser Ecke des Quartiers, vis–à-vis von Sepp Fuchs–Veloladen, befindet sich der Hannibal. Der aktuelle Mietvertrag des bekannten Secondhandmöbel- und -design-Geschäfts, das seit über 30 Jahren an der St.-Jakob-Strasse daheim ist und in dessen Schaufenster gar schon die Zürcher Kultband Frostschutz gerockt hatte, läuft noch bis ins Jahr 2010. «Kürzlich hat das Haus aber den Besitzer gewechselt», erklärt Hannibal-Mitarbeiterin Claudia Helbling, «und ob dieser Vertrag seine Gültigkeit behält, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir derzeit ein mulmiges Gefühl, wir sind nicht sicher, ob wir überhaupt bis 2010 bleiben können.»

Ob die Schliessungen bloss eine Momentaufnahme darstellen, oder ob sie einen tristen Trend einläuten, wird sich weisen. Klar aber ist, dass der Kreis 4 durch dieses «Lädelisterbe» einen Teil seines Charmes und Charakters verliert.

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