Eltern wollen ihre Kinder nicht auf der «Liste der Verräter»

Die einzige Gülen-Schule in Zürich schliesst. Ein tragischer Moment für die Schüler. Eltern fürchten eine Brandmarkung ihrer Kinder. Ein Besuch vor Ort.

Im Moment gehen hier noch 19 Kinder zur Schule, schon bald sind es keine mehr: In einem Klassenzimmer der Sera-Schule in Schwamendingen. Foto: Samuel Schalch

Im Moment gehen hier noch 19 Kinder zur Schule, schon bald sind es keine mehr: In einem Klassenzimmer der Sera-Schule in Schwamendingen. Foto: Samuel Schalch

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Die fröhliche Geige aus «Die fabelhafte Welt der Amélie» tanzt mit dem Akkordeon durch die Gänge und mischt sich mit dem Fischstäbchen-Duft in der Luft. Es ist Mittagszeit in der Sera-Schule. Und die Melodie, welche die letzte halbjährliche Schülerabstimmung über den Schulglockenklang gewonnen hat, wird bald für immer verstummen. Nach den Sommerferien kehrt niemand mehr an diese private Sekundarschule in Zürich-Schwamendingen zurück. Hier geht seit längerem die Angst um.

«Für die Schüler ist es schwer», sagt der Schulleiter in der Mittagspause. «Wir Lehrer haben die Schliessung der Schule mittlerweile akzeptiert.» Wehmütig wird er, wenn er von den jährlichen Kulturreisen mit den Schülern erzählt: «Paris, Berlin, Lissabon, Istanbul . . . Für Kinder von Migranten, gerade zur Mittelschulvorbereitung und Berufswahl, hat unsere Schule einen wichtigen Beitrag geleistet.» Seinen Namen will der Schulleiter unter keinen Umständen in der Zeitung lesen. Genauso wie viele weitere für diese Recherche kontaktierte Personen. Sie befürchten, auf die berüchtigte «Verräterliste» des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu kommen.

Integration dank Erfolg

Der Schulleiter hat die vom Zürcher Volksschulamt anerkannte private Tages-Sekundarschule Sera seit 2010 mitaufgebaut. «Es ist selten vorgekommen, dass Schüler sich abmeldeten», sagt er. Doch seit dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer sei alles anders. Die Schülerzahl schrumpfte innerhalb kurzer Zeit von 42 auf 19. «Aus Angst, dass Familienmitglieder in der Türkei verhaftet oder Eigentum konfisziert werden könnte, haben die Eltern ihre Kinder reihenweise von der Schule genommen», sagt er. «Die Eltern, darunter auch viele Erdogan-Anhänger, hatten Angst, dass ihre Kinder auf der Liste der Verräter landen könnten.» Das Foto einer ehemaligen Schülerin sei bereits in diesem Zusammenhang in Whatsapp-Chats kursiert. An einem Wochenende sei ein türkischer Journalist um die verschlossene Schule geschlichen. Die Lehrer hätten nicht am Pult direkt neben dem Fenster unterrichten wollen.

Der Schulleiter ist in der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen engagiert. Dieser lebt im Exil und wird vom türkischen Präsidenten für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Die Fetö (Fethullahistische Terrororganisation) ist gemäss Erdogan eine von Gülen angeführte Terrororganisation. Fakt ist, dass die Anhänger der Gülen-Bewegung seit je unter dem Leitspruch «Baut Schulen statt Moscheen» in der Türkei und europaweit führende Privatschulen aufgebaut haben.

«Wir fördern die Integration durch schulischen Erfolg», sagt der Leiter der Sera-Schule. «Die Religion spielt im Unterricht keine Rolle. Bis vor kurzem wussten unsere Schüler wohl nicht einmal, wer Gülen ist.» Die erste Drohung erhielt die Sera-Schule kurz nach dem Putsch im Juli 2016. Mit Foto und Adresse wurde die Schule auf Facebook ­publiziert: «Das ist eine Gülen-Schule in der Schweiz. Man sollte sie sofort schliessen. Wer hier seine Kinder in die Schule schickt, sollte sofort damit aufhören», stand im Posting. In einem anderen stand: «Wer möchte diese terroristischen Landesverräter denn nicht anzeigen?»Im Januar dieses Jahres tauchte dann ein interner Rapport des türkischen Botschafters in Bern an Erdogans AKP-Regierung auf. Mehrere Schweizer Institutionen mit angeblichem Gülen-Bezug werden darin gemeldet, darunter auch die Sera-Schule und andere Bildungsinstitute.

«Millionen unter dem Zürichsee»

Diesen ist es nicht besser ergangen. Der Leiter eines Nachhilfeinstituts in Winterthur erklärt auf Anfrage, dass er nichts mit der Diskussion zu tun haben will. «Wir sind neutral, und unsere Schüler kommen aus unterschiedlichsten Kulturen», sagt er, selber Gülenist. Das Institut sei privatisiert. Beim Säntis-Bildungsinstitut in St. Gallen tönt es ähnlich: «Unsere Schülerzahlen sind stark gesunken, die Leute haben Angst», sagt ein Leiter. Die Schule werde im Sommer geschlossen und möglicherweise unter neuer Leitung weitergeführt.

Die Stiftung Lernforum hat ihre ­Filiale in Aarau bereits geschlossen. Auf Ende Schuljahr im Sommer schliesst auch jene in Olten. «Wir haben sehr viele Schüler verloren», bestätigt der Vizepräsident des Stiftungsrats. Auch er bittet um Anonymität: «Die Drohungen gehen an die Eltern und weniger an unsere Schule. Die Schule wird dafür in diversen Medien beschimpft und mit Lügen bedacht, als Teil einer Terrororganisation dargestellt», erklärt er. In einer Gratismonatszeitung, die an türkische Haushalte in der Schweiz verschickt wird, sei vor einiger Zeit gestanden, die Gülen-Bewegung würde Millionen verdienen und das Geld unter dem Zürichsee lagern. Ramazan Özgü vom Dialog-Institut Zürich ist der Einzige, der sich namentlich zitieren lässt. «Viele Familienmitglieder haben sich deswegen bereits von mir distanziert», sagt der Jurist. Auch er ist ein Gülen-Anhänger. «Durch die Denunziations-Taktik Erdogans fühlen sich viele Erdogan-Angänger auch in der Schweiz verpflichtet, potenzielle ‹Verräter› zu melden», erklärt er. «Die Angst ist gross.» Erst kürzlich zum grossen Fest am Ende des Ramadans habe Erdogan die Menschen wieder aufgerufen, Gülen-Anhänger zu denunzieren.

Die «Sabah», eine der grössten und auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen, druckte vorletzte Woche einen grossflächigen Aufruf: «Meldet uns die in Europa lebenden Türken, die euch belästigen. Fetö-Verräter, glaubt nicht, dass wir euch vergessen haben!» Dazu Telefonnummer und E-Mail-Adresse. «Denunzierte Personen können in der Türkei nicht mit einem fairen Verfahren rechnen», erklärt Özgü. «Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr.» Von den geschlossenen Nachhilfeschulen hätten zudem nicht nur Türken, sondern auch Schüler aus Somalia, Eritrea oder Sri Lanka profitiert.

Polizei hatte Kontakt zur Schule

Das Volksschulamt des Kantons Zürich ist über die Schliessung der Sera-Schule informiert. «Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler ist es sicher ein tragischer Moment, er wurde aber von der Schule gut vorbereitet», sagt Amtschefin Marion Völger. Die Volksschule verfüge ebenfalls seit Generationen über eine immense Integrationswirkung für die ganze Bevölkerung.

Auch die Stadtpolizei Zürich hatte mit der Schule Kontakt: «Die Fachstelle Brückenbauer der Stadtpolizei Zürich hat direkt nach dem Putschversuch Kontakt mit diversen in der Stadt Zürich beheimateten türkischen Institutionen aufgenommen, darunter auch mit der Sera-Schule», sagt Sprecher Marco Cortesi. «Sie hat der Schulleitung Unterstützung angeboten. Neben diversen Gesprächen wurde unter anderem eine polizeiliche Sicherheitsberatung zusammen mit der Kriminalprävention an der Schule durchgeführt.» Das EDA hat Kenntnis von einer Person mit schweizerisch-türkischer Staatsangehörigkeit, die seit dem Putsch verhaftet wurde.

Der Leiter der Sera-Schule fühlt sich in der Schweiz gut geschützt. Die Angst vieler Türken sei für Aussenstehende schwer zu verstehen. Seine Eltern bitten ihn seit langem, von der Schule Abstand zu nehmen. Sie möchten wieder einmal in die Türkei reisen. Der baldige Ex-Schulleiter wird eine Stelle in einer öffentlichen Schule antreten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 00:09 Uhr

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