Gut fürs Gewissen, gut fürs Geschäft

Einen Bioboom wie im Zürcher Niederdorf könnte man sich anderswo kaum leisten.

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Das Gute liegt so nah. Im Falle von Zürich im Niederdorf. Dort, an bester Lage in der Altstadt, gibt es alle paar Meter einen «guten» Laden. Zwischen Hirschenplatz und Grossmünster boomt das Geschäft mit Bio, Fair Trade und der Nachhaltigkeit. Eröffneten bis ­anhin vor allem Textilketten neue Filialen, ziehen heute vermehrt Anbieter in die Lokale, die mit dem Argument der Nachhaltigkeit für ihre Ware werben. In den letzten Jahren und Monaten ist so in der Zürcher Altstadt eine richtige Bio-Meile entstanden: In Gehdistanz finden sich zahlreiche Lebensmittel- und Kleiderläden, Restaurants und Burgergrills.

Das Angebot wächst weiter. So wünscht sich etwa die Stadt Zürich als Nachfolgemieter für den Starbucks am Rindermarkt etwas Nachhaltiges. Stichworte aus dem Inserat: gesunde Ernährung, frische, natürliche Produkte, Regionalität, Saisonalität. Die Innenstadt ist ideal für Läden mit diesem Profil. Hier haben die Menschen genügend Geld, um sich den teuren Lifestyle zu leisten – denn jedes Label, jedes Zertifikat hat seinen Preis. Positiver Nebeneffekt für die Konsumenten: Der Aufpreis ist gut für das Gewissen.

Die Idealvorstellung von einem guten Leben

Im Niederdorf lassen sich die Ladenbesitzer grob in drei Gruppen aufteilen. Erstens die Biohipster, die einen angesagten Lifestyle in ihr Geschäftsmodell übersetzen. Zweitens grosse Ketten, die in der Schweiz Fuss fassen oder ihr Filialnetz erweitern ­wollen. Drittens die Pioniere, die schon lange Bio im Niederdorf anbieten: Sie profitieren nun vom Boom mit und haben ihr Sandalenimage abgelegt. Allen gemeinsam ist: Sie haben das Geschäft mit der ­Nachhaltigkeit entdeckt. Es rentiert offensichtlich. An dieser überdurchschnittlichen Lage sind auch die Mieten überdurchschnittlich.

Der Zeitgeist will es, dass wir Städter uns ­regionale Produkte wünschen, nachhaltig und fair produzierte Ware. Wir haben eine Idealvorstellung von einem guten Leben, die meist im Widerspruch zu unserem Verhalten im Alltag steht. Das Gute liegt so nah – doch es liegt an uns, zu schauen, wo Nachhaltiges wirklich nachhaltig ist. Und wo einfach Marketing im Spiel ist.

Erstellt: 08.05.2016, 21:17 Uhr

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