Mit einer Voodoo-Puppe den Zürcher Lärm messen

Rund 80 Personen programmieren und basteln im Auftrag der Stadt Zürich – mit ausgefallenen Ideen.

Löten für eine smartere Stadt: Ein Hackathon-Teilnehmer bereitet sich vor. Foto: Reto Oeschger

Löten für eine smartere Stadt: Ein Hackathon-Teilnehmer bereitet sich vor. Foto: Reto Oeschger

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Effizienter, fortschrittlicher, vernetzter: Zürich soll zur Smart-City werden. Dazu wurde im Herbst eigens ein Smart-City-Beauftragter ernannt. Während dieser für die Stadt eine Gesamtstrategie erarbeitet, tüfteln rund 80 Personen bereits an kleinen Projekten. Seit diesem Wochenende läuft das erste «Make Zurich», ein Anlass, der am kommenden Wochenende in einem Hackathon endet – einem Programmiermarathon von Freitag 9 Uhr bis Samstag 16 Uhr. Während dieser 31 Stunden sollen die Programmierer und Bastler eine Reihe konkreter Aufgaben aus der Stadtverwaltung und dem Stadtleben lösen. Die kommenden Tage bis Freitag sollen der Vorbereitung dienen. Die Aufgaben:

  • Das EWZ will wissen, wie der Grundwasserspiegel überall in der Stadt gemessen werden kann. Relevant ist das für die Wärmepumpensysteme.
  • Das Sicherheitsdepartement möchte herausfinden, wie laut das Zürcher Nachtleben in den Quartieren ist.
  • Das Tiefbauamt würde gerne erfahren, wie viele Velos wann durch die Stadt fahren, um so den Verkehr effizienter zu gestalten.
  • Die Migros-Tochter M-Way sucht nach besseren Lösungen, um gestohlene E-Bikes wiederzufinden.
  • Grün Stadt Zürich will mehr über das Pflanzenwachstum erfahren – in der Sukkulentensammlung oder auf anderen Grünflächen in der Stadt.
  • Und der Umwelt- und Gesundheitsschutz hätte gerne neue Möglichkeiten, um die Zürcher Luftqualität zu messen.

Die Wut messen

Thomas Amberg, «mein Spitzname in der Community ist Tamberg», ist einer der rund 80 Teilnehmer. Blonde Haare, Bart, Softwareentwickler. Er sitzt zusammen mit vier weiteren Männern am Sonntagabend im Mech Art Lab unweit der Bäckeranlage, einer Werkstatt der Schweizerischen Gesellschaft für Mechatronische Kunst. Sie steht den Teilnehmern bis am Donnerstag jeweils von 16 bis 22 Uhr offen. Amberg lötet gerade eine Platine und erklärt seine Idee für den Hackathon: Eine Voodoo-Puppe soll es werden.

Die zweite Herausforderung, der Lärm im Nachtleben, habe ihn direkt angesprochen. Die Zuständige des Sicherheitsdepartements zitierte bei der Präsentation der Aufgaben Kurt Tucholsky: «Lärm ist das Geräusch der anderen.» Da kam ihm die Idee: Entscheidend sei nicht, ob es laut sei, sondern ob der Lärm störe. «Deshalb will ich die Wut messen.» Und so soll das funktionieren: Sticht jemand mit einer Nadel in den speziellen, leitfähigen Stoff der Puppe, sendet diese ein Signal ab, das anschliessend von einem Programm ausgewertet wird. Eine Lärmklage light sozusagen.

Eine Art Do-it-yourself-Internet

Die Impulse der Puppe und die Daten der anderen Projekte werden aber nicht über ein herkömmliches Funknetzwerk übermittelt, sondern über das sogenannte «Long Range Wide Area Network», kurz Lora. Das ist eine Art Do-it-yourself-Internet, das wenig Strom verbraucht, eine grosse Reichweite hat und das Mobilfunknetz nicht tangiert. Gonzalo Casas ist Softwareentwickler und Initiant des Zürcher Ablegers von «The Things Network», einem internationalen Netzwerk, das in Städten solche Lora-Netze aufbaut: «Zürich hat mittlerweile die grösste Community, und die Netzabdeckung in der Stadt ist ziemlich gut», sagt er. Je mehr Personen sich an dem Projekt beteiligen und selbst gebastelte Basistationen bei sich zu Hause aufstellen, umso besser ist das Netz.

Bisher hätte die Community in Zürich viele kleinere Spielereien für sich programmiert und gebastelt, doch die relevanten Anwendungen seien ausgeblieben. Anlässe wie «Make Zurich» könnten dies ändern, so Casas. Deshalb organisiert «The Things Network» den Hack­athon zusammen mit der Stadt.

«Die Lösungen werden weit weg von den ursprünglichen Vorstellungen sein.»Gonzalo Casas, Softwareentwickler

Die Stadt hingegen will aktiv am Thema Internet der Dinge dranbleiben. Die neue Technologie ermöglicht, dass passive Gegenstände zu kommunizierenden Objekten werden. Konkret könnten in Zukunft zum Beispiel Parkplätze Informationen zu ihrer aktuellen Belegung übermitteln, Strassenbeleuchtungen nur bei tatsächlichem Bedarf mit voller Leistung leuchten und öffentliche Abfalleimer selbstständig informieren, wann sie geleert werden müssen: «Das Ziel ist es, mit höherer Effizienz und weniger Energie bessere Services für alle anzubieten», schreibt die Stadt Zürich in ihrem Open-Data-Blog zum Make-Zurich-Hackathon.

Am nächsten Samstag endet der Anlass im Impact Hub Viadukt im Kreis 5. Für Prognosen bezüglich der Lösungsansätze sei es zu früh, sagt Casas. «Sicher ist nur: Sie werden weit entfernt von den ursprünglichen Vorstellungen der Auftraggeber sein – wie die Puppe von Thomas.»

Erstellt: 29.01.2017, 22:51 Uhr

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