«Häuser 4, 6, 8, 10 werden abgerissen»

Wie wirkt sich der Rosengartentunnel auf die betroffenen Quartiere aus? Eine «Tatortbegehung» mit Befürwortern und Gegnern vor Ort.

Wie wird sich das Quartier mit einem Rosengartentunnel verändern? Eine Frage, die in Wipkingen interessiert.

Wie wird sich das Quartier mit einem Rosengartentunnel verändern? Eine Frage, die in Wipkingen interessiert. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Samstagnachmittag, der Verkehr braust um den Albisriederplatz. Trams rattern vorbei. Markus Knauss versucht sich Gehör zu verschaffen. «Der Platz wird komplett anders aussehen», ruft er der etwa 20-köpfigen Gruppe zu, die sich um ihn drängt. «In der Mitte wird es keine Tramhaltestelle mehr geben. Und dort drüben, das Haus an der Ecke der Badenerstrasse, wird abgerissen.»

Es geht um das Projekt Rosengartentunnel, über das am 9. Februar abgestimmt wird. Die Quartiervereine (QV) der Kreise 4 und 5 haben zu einer «Tatortbegehung» eingeladen, wie Hannes Lindenmeyer vom QV4 es nennt. Vor Ort soll Interessenten gezeigt werden, welche konkreten Auswirkungen der Bau des Tunnels und der damit verbundenen neuen Tramlinien haben wird. Es geht um die Faktenlage, nicht um eine Abstimmungsempfehlung. Beide Vereine bleiben neutral, wollen eine offene, breite Diskussion fördern.

Zeigt die Veränderungen auf, die es im Quartier geben wird: der Grüne Gemeinderat Markus Knauss. Bild: Reto Oeschger

Knauss sitzt für die Grünen im Gemeinderat und ist Co-Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Verkehrsclubs der Schweiz VCS, der das Projekt Rosengartentunnel ablehnt. Als Vertreterin der Gegner begleitet auch SP-Gemeinderätin Simone Brander die Gruppe. Die Befürworter der Tunnellösung vertritt Stephan Iten von der SVP, auch er Gemeinderat.

«Der Verkehr muss fliessen»

«Der Verkehr muss fliessen», betont Iten an diesem Nachmittag immer wieder. Sonst drohten endlose Staus zwischen Wipkingen und Albisrieden. Für genaue Angaben zum Albisriederplatz sei es noch zu früh, meint er. «Man kann noch nicht sagen, wie es später aussehen wird.»

Auch wenn der Verkehr in Zukunft durch den Tunnel fliessen sollte, am Albisriederplatz kommen genauso viele Fahrzeuge wie heute an. Kommen noch zwei Tramgleise dazu, wird es auf dem Platz eng. «Ziel ist es, möglichst viel Verkehr auf dem Platz unterzubringen», kritisiert Knauss. Fussgänger und Velofahrer würden verdrängt, die Anforderungen des Autoverkehrs hätten Vorrang.

Wird die Lebensqualität im Quartier mit einem Rosengartentunnel besser oder nicht? Darüber scheiden sich die Geister. Bild: Urs Jaudas

Der Tunnel wird vom Albisriederplatz weit entfernt sein. Doch die beiden neuen Tramgleise, die von der Rosengartenstrasse über die Hardbrücke führen sollen, werden hier mit dem bestehenden Tramnetz verbunden. Das erfordert auch starke Anpassungen in der Hardstrasse. «Für die neuen Tramgleise braucht es mehr Platz», ruft Knauss an der nächsten Ecke. Hier muss er sich gegen die Autos auf der Hardstrasse behaupten. Alle Bäume sollen gefällt, Trottoirs schmaler werden, die Vorgärten der Häuser werden verschwinden.

56'000 Fahrzeuge benutzen derzeit jeden Tag die Rosengartenstrasse. «Der Verkehr wird in Zukunft nicht abnehmen», sagt Iten. Zürich rechne mittelfristig mit bis zu 100'000 zusätzlichen Bewohnern. «Selbst wenn die mit Elektro- oder Wasserstoffautos unterwegs sein sollten – das braucht Platz.»

Sechs statt vier Fahrspuren

Am Wipkingerplatz, der als solcher schon seit Jahrzehnten kaum zu erkennen ist, soll das Tunnelportal entstehen, wo jetzt die Hardbrücke in die Rosengartenstrasse mündet. Simone Brander, die in Wipkingen wohnt, erklärt, wie mächtig der Neubau an dieser Stelle sein soll.

Vom Escher-Wyss-Platz beschleunigen die Autos die Anhöhe hinauf in die Rosengartenstrasse, von der Hardbrücke kommt ein ständiges Dröhnen. «Statt vier wird es sechs Fahrspuren geben», verdeutlicht Brander anhand einer Illustration. Vier Spuren für den Tunnel, je eine auf beiden Seiten als Zu- und Abfahrt der Rosengartenstrasse. Auch hier ist mehr Platz notwendig. «Da drüben, das Haus an der Rosengartenstrasse 4 wird abgerissen. Und dahinter die Häuser 6, 8 und 10 auch.»

Politische Gegner, auch im Rosengartenstreit: SVP-Gemeinderat Stephan Iten (l.) und SP-Gemeinderätin Simone Brander (r.). Bild: Reto Oeschger

Iten hingegen verteidigt das Konzept. Die Rosengartenstrasse werde entlastet, mit Tramlinien aufgewertet, es ergebe sich ein tragbarer Mix zwischen öffentlichem Verkehr und Individualverkehr. «Wenn wir den Individualverkehr einschränken, läuft gar nichts mehr», warnt der SVP-Politiker. Wenige Schritte weiter, auf der Rosengartenbrücke, lobt er die Vorzüge des neuen Systems – auch wenn er anmerkt, dass er in dieser Gruppe wohl wenig Zustimmung findet. «Sehr viel weniger Fahrzeuge werden die Strasse benutzen», sagt er. «Das Projekt legt den Grundstein für ein besseres Quartier.»

Zehn Jahre Baulärm und Umleitungen

Brander widerspricht. «Selbst bei Tempo 30 auf der Rosengartenstrasse ist dieser Weg immer noch kürzer, als der mehr als zwei Kilometer lange Umweg bei Tempo 50 durch den Tunnel», sagt sie. «Und die Lärmschutzwerte werden immer noch nicht eingehalten werden.» Zudem müssten Anwohner etwa zehn Jahren lang mit Baulärm und Umleitungen rechnen. Und Wohnungsmieten würden noch weiter steigen.

Am Röschibachplatz, dem Herzen von Wipkingen, ist es ruhig, eine Handvoll Marktstände wartet auf Kundschaft. Über diesen Platz soll der Verkehr umgeleitet werden, wenn der Tunnel gebaut wird.

Eine Anwohnerin, die den Politikern zwei Stunden lang zugehört hat, schüttelt den Kopf. «Man plant schon seit Jahrzehnten, aber weniger Verkehr wird es nicht geben», sagt sie. «Am Ende werden 700 Meter Rosengartenstrasse beruhigt – und sind dann immer noch vergleichbar mit einer Badenerstrasse. Das ist eine geringe Ausbeute bei diesen Kosten.»

Auch eine Frau aus dem Kreis 4 ist nicht überzeugt. «Hier soll eine Bausünde durch eine weitere Bausünde korrigiert werden», sagt sie. «Wir brauchen weniger Verkehr, stattdessen landet immer noch mehr Verkehr im Kreis 4. Für die Lebensqualität in der Stadt bringt das nichts.»

Kontradiktorisches Podium zum Rosengartentunnel, Dienstag, 14. Januar, 19 Uhr, Kirchgemeindehaus am Bullingerplatz, veranstaltet von den Quartiervereinen

Erstellt: 12.01.2020, 16:29 Uhr

Artikel zum Thema

Die sechs Knackpunkte des Zürcher Milliardenbaus

Infografik Wie bohrt man unter einem Quartier hindurch? Eine Übersicht zur Megabaustelle des Rosengartentunnels. Mehr...

Dichtung und Wahrheit – wie uns Bauprojekte verkauft werden

Visualisierungen von Bauvorhaben werden immer professioneller. Aber sind die Bilder realistisch oder beschönigt? Zehn Zürcher Beispiele im Pinocchio-Test. Mehr...

Diese Häuser stehen im Weg

Dem Rosengartenprojekt müssen bis zu zwölf Bauten weichen. «Quartierzerstörung» oder lohnendes Opfer? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...