Handy löst automatisch das günstigste Ticket

Der ZVV und die SBB wetteifern, wer die Satellitennavigation geschickter für das Ticketangebot einsetzen kann.

Beim Check-in-Ticket checkt man sich über die ZVV-Ticket-App beim Einsteigen ein und beim Aussteigen wieder aus. Foto: Thomas Egli

Beim Check-in-Ticket checkt man sich über die ZVV-Ticket-App beim Einsteigen ein und beim Aussteigen wieder aus. Foto: Thomas Egli

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Am Automaten ein Ticket auf den Uetliberg lösen, mit dem Tram quer durch Zürich kurven und am Abend noch eine Fahrt auf dem Zürichsee: Um im Zürcher Tarif- und Zonendschungel den Durchblick zu haben, braucht es fast einen Doktortitel in Informatik. Erst recht, wenn noch die Seilbahn in Adliswil, Postautos, Stadtbus Winterthur oder der Nachtzuschlag hinzukommen. Weil das alles so kompliziert ist, hat eine neue Funktion in der App des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) grossen Erfolg. Check-in-Ticket heisst diese. Sie berechnet dank der GPS-Funktion des Handys immer den ­richtigen Preis. Und der Kunde bezahlt nie mehr als für eine ­Tageskarte.

Und so geht es: An der Haltestelle oder auf dem Bahnperron wird in der ZVV-Ticket-App der blaue Startschalter mit dem Finger nach rechts gewischt. Wichtig: Man muss vor dem Einsteigen einchecken – genau gleich wie ein SBB-E-Ticket auch vor der Abfahrt gelöst werden muss –, sonst gibt es Probleme mit dem Kontrolleur. Der Swisspass sowie ein Zahlungsmittel müssen einmalig mit der App verknüpft werden.

Die App registriert dank GPS die Haltestelle und erfasst anhand der Ortungsdienste und Fahrplandaten die gefahrene Strecke. Beim Aussteigen wird der Schalter wieder nach links gewischt. Wer das vergisst, wird von der App nach einer Viertelstunde daran erinnert. Das Handy merkt in der Regel, wenn man zu Fuss geht, statt mit Tram oder Bus zu fahren.

Die App verrechnet sogar den Nachtfünfliber

Später können weitere Fahrten auf x-beliebigen Verkehrsmitteln des öffentlichen Verkehrs im Verbundgebiet und in der ganzen Schweiz dazukommen. Abgerechnet wird erst am nächsten Tag über das hinterlegte Zahlungsmittel. Wer spätnachts vergisst, sich auszuchecken, wird schlimmstenfalls mit einer Tageskarte belastet. Auch der Nachtfünfliber am Wochenende wird automatisch dazu addiert.

Eingecheckt: Das E-Ticket des ZVV berechnet nur die tatsächlich gefahrene Strecke. Foto: PD

Fährt der Inhaber eines Stadtzürcher Abos beispielsweise nach Stäfa, muss er erst ab der Stadtgrenze bezahlen. Bei spontanen Zusatzfahrten verrechnet die App statt Einzelbillette immer die günstigere Tageskarte. Das Zürcher System ist vom Datenschützer abgesegnet. Die Verkehrsdaten werden vom ZVV ein Jahr lang aufbewahrt, damit der Kundendienst bei Reklamationen wegen falscher Abrechnungen reagieren kann.

Eine Eigenheit des Zürcher Verkehrsverbunds checkt die App hingegen nicht: die Tageskarten, die 24 Stunden gültig sind – beispielsweise von 16 Uhr bis 16 Uhr. Die App rechnet, wie auch die SBB, in Kalendertagen. Als Kompensation ist die Kalender-Tageskarte auf der App 10 Prozent günstiger als die ZVV-24-Stunden-Karte. Grund für diese Eigenheit: Das Check-in-System soll von Anfang an mit dem übrigen Tarifsystem in der Schweiz kompatibel sein.

Seit April letzten Jahres ist die «Check-in-Funktion» in der ­bestehenden ZVV-Ticket-App freigeschaltet. Ein Markttest dauert bis Ende Jahr, ab 2020 könnte das System definitiv eingeführt ­werden. Die Zahlen sind laut ZVV-Mediensprecher Caspar Frey ermutigend: 266'000 Kunden haben die ZVV-App runtergeladen, fast jeder Zehnte hat das Check-in-System aktiviert. Regelmässig benutzt wird es von 7250 Benutzern. Diese absolvieren 54'000 Reisen pro Monat, wie Mediensprecher Frey sagt. Der Anteil der Check-in-Tickets an der Gesamtzahl aller mit der ZVV-Ticket-App verkauften Tickets beträgt bereits knapp 20 Prozent.

Die Ticketautomaten bleiben – vorerst

Kehrseite dieser Entwicklung: 2016 wurden erstmals mehr Tickets digital verkauft als am Schalter. Absatzkanal Nummer eins bleibt aber mit grossem Abstand der Ticketautomat, auch wenn dieser konstant Absatz­anteile verliert. 2013 stammten noch 67 Prozent aller Tickets aus dem Automaten, 2017 nur noch 59. Die E-Tickets nahmen im gleichen Zeitraum von 7 auf fast 22 Prozent zu.

Droht nun nach den Schaltern auch ein Abbau von Billettautomaten? Caspar Frey vom ZVV sagt: «Im Moment ist weder ein Abbau noch ein Ausbau des ZVV-Automatenbestands geplant.»


Video: Acht Apps für den ÖV


Gemäss dem ZVV-Sprecher hat sich die Check-in-Funktion bisher gut bewährt. Das System sei gemäss Fahrgastbefragung «sehr einfach zu bedienen». Voraussetzung für die schnelle Verbreitung sei der Fakt, dass viele Handybesitzer ein Flatrate-Abo besitzen und immer und überall Internetzugang haben. Das Check-in-System laufe stabil, nur in Einzelfällen müssten Ticketabrechnungen durch den Kundendienst nachträglich korrigiert werden. Zum Beispiel funktioniert die App im neuen unter­irdischen Durchgangsbahnhof am Hauptbahnhof nicht richtig, weil der GPS-Empfang für die Ortung nicht ausreicht.

Am Ende dürfte es eine Einigung geben

Der ZVV setzt mit seiner App auf den Anbieter Lezzgo der BLS und hat damit die Nase vorn. Die SBB zogen im letzten Oktober mit Easy-Ride ihres Technologiepartners Fairtiq nach. Auch die SBB führen bis Ende 2019 einen Markttest über ihre Preview-App durch. Mit Preview testen die SBB neue Funktionen mit dem Ziel, diese später in die bekannte rote SBB-Mobile-App zu integrieren. Aktuell zählen die SBB 6000 aktive Easy-Ride-Nutzer, die 18'000 Fahrten pro Monat buchen.

SBB, ZVV und weitere Verkehrsbetriebe liefern sich also mit verschiedenen Partnern ein Wettrennen um das E-Ticket der Zukunft. «Wettbewerb ist gut», sagte ZVV-Direktor Franz Kagerbauer anlässlich der Lancierung, «solange am Ende die Preis­maschine im Hintergrund die gleiche ist.» Wahrscheinlich ist, dass BLS, SBB, ZVV und andere Verkehrsverbünde sich nach der Versuchsphase auf eine zentrale Preismaschine einigen. Wichtig für den Kunden: Das Ticket von Lufingen ins Lötschental muss auf allen Apps gleich viel kosten. Heute sind beide Systeme in der Handhabung ähnlich bequem.

Später vielleicht gar eine Alternative fürs GA

Auch beim ÖV-Branchenverband CH-Direct glaubt SBB-Sprecher Stephan Wehrle, der auch die Kommunikation der Branchenprojekte koordiniert, an die Zukunft von Easy-Ride oder Check-in-Ticket: «Die Technologie wird sich durchsetzen, weil sie kostengünstig ist und sich leicht weiterentwickeln lässt. Bis 2016 setzten die SBB noch auf ein Bibo-System – be in, be out. Sensoren in den Zugtüren registrieren bei diesem System, wenn jemand ein- oder aussteigt, wie heute beim Skilift. Das jedoch bedingt teure Installationen in jedem Wagen.

Die Vorteile des Geotracking-Systems mit dem Handy sind offensichtlich. Über Updates lässt sich die Technologie laufend anpassen. So dürfte ein nächster Schritt sein, dass die Wischgeste beim Aussteigen wegfallen soll. Schliesslich registriert ein modernes Smartphone jede Bewegung. Und wer im Voraus nicht sicher ist, dass er sein GA herausfährt, löst seine Tickets in Zukunft besser über Easy-Ride. Wie bei der Tageskarte könnte die App, wenn die SBB das wollen, maximal die Kosten für ein Jahres-GA in Rechnung stellen. Doch diese Funktionen sind noch Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2019, 22:53 Uhr

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