Hardliner-Imam in Zürich wieder aktiv

Scheich Youssef Ibram befürwortet die Steinigung von Ehebrecherinnen. Nun predigt er in Volketswil.

Seit einem Jahr wirkt hier Scheich Youssef Ibram: Die Moschee in Volketswil. Foto: Urs Jaudas

Seit einem Jahr wirkt hier Scheich Youssef Ibram: Die Moschee in Volketswil. Foto: Urs Jaudas

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Hell, grosszügig, modern: Der Moscheebau in Volketswil ist das sichtbare Kontrastprogramm zu den Hinterhof­moscheen. Im Iman-Zentrum beten Muslime aus aller Herren Länder: Männer aus Marokko, Ägypten, Syrien und Saudiarabien ebenso wie aus Pakistan, Eritrea und Mazedonien. Räumlich getrennt sitzen im ersten Stock 50 verschleierte Frauen. Scheich Youssef Ibram predigt über den wahren Glauben – auf Arabisch, dann auf Deutsch: «Gläubig sind jene, die an Allah und seinen Gesandten glauben.»

Der Imam wirkt seit einem Jahr an der grössten Moschee im Kanton, ohne dass es die Öffentlichkeit bemerkt hätte. Der in Saudiarabien in wahhabitischer Theologie geschulte Marokkaner ist in Zürich kein Unbekannter: Seine mehrjährige Tätigkeit an der arabisch geprägten Zayed-Moschee an der Rötelstrasse hatte 2004 mit einem Skandal geendet.

Aussagen sorgten für Empörung

Gegenüber der welschen «Coop-Zeitung» sagte er damals, weil Teil der Scharia, könne er nicht gegen die Steinigung von Ehebrecherinnen sein. Sein Nachtrag, die Scharia gelte nicht in der Schweiz, vermochte die Wogen der Empörung nicht zu glätten. Im Kantons- und Gemeinderat kam es zu Interpellationen. Ibram verliess Zürich. Für Mahmoud El Guindi, Präsident der Vereinigung ­Islamischer Organisationen Zürich, ist Ibrams Aussage, obwohl akademisch gemeint, ein fataler Fehler gewesen. Der Imam fühle sich als Opfer der Medien.

Jedenfalls lehnt er es ab, nach dem Freitagsgebet in Volketswil mit dem «Tages-Anzeiger» zu reden und führt ihn zum Infobeauftragten. Daniel Ibrahim Kientzler, ein Konvertit, findet, die Aussage zur Steinigung sei verzerrt dargestellt worden. Wie seine Freitagspredigten zeigten, sei Ibram viel offener, als die Medien ihn darstellten. Kientzler hat Ibram 2014 in Lyon getroffen und gefragt, ob er die Stelle des Imam in Volketswil übernehmen wolle. Ibram habe gezögert, weil er befürchtete, dass in der Schweiz die Medien über ihn herfallen würden. «Für die Presse steht unser Imam nicht zur Verfügung», hatte darum Kientzler dem TA gemailt. «Das ist nicht verhandelbar.» Dass er weitere Anfragen ins Leere laufen liess, begründet er mit der Situation der muslimischen Gemeinschaften: Diese seien sehr verletzlich und müssten sich vor Medien schützen.

Scheich Youssef Ibram ist einer der bekanntesten Schweizer Imame, gerade im Ausland. Und einer der umstrittensten. Wo immer er tätig ist, sorgt er für Unruhe. Nach dem Eklat in Zürich wurde er Anfang 2005 Imam an der von Saudiarabien finanzierten Moschee in Genf. Dort war er alsbald in den Streit um die Ausrichtung der grössten Schweizer ­Moschee verwickelt. 2007 wurden vier leitende Moscheeangestellte entlassen, weil sie sich gegen die jahrzehntelange Kontrolle durch die mächtige saudische Ligue Islamique Mondiale gewehrt hatten. «Aus gesundheitlichen Gründen» demissionierte auch Youssef Ibram, blieb der Moschee aber verbunden.

«Angriff auf Hardliner-Imam» überschrieb «20 Minuten» im März 2011 einen von der Polizei beendeten Tumult in der Genfer Moschee. Beim Freitags­gebet skandierten Gläubige Ibrams ­Namen und forderten ihn auf, von der Tribüne zu steigen. Er sagte aus, ägyptische Gläubige hätten ihn angegriffen und sein Gewand zerrissen. Diese hatten im Sog der Revolution in Kairo versucht, die Genfer Moschee vom Einfluss der saudischen Wahhabiten zu befreien – «um endlich den Glauben in Freiheit zu leben». Der Imam ohne Schweizer Pass wirkte danach in Paris und Lyon. Der gefragte Redner nahm Stellung gegen Organspende, Masturbation oder die leichte Kleidung der Westler: «Wenn du deine Blicke nicht senkst, wirst du zum Anhänger von Satan», zitierte 2010 das welsche Fernsehen aus seiner Freitagspredigt.

«Gutes Einvernehmen»

In der zweitgrössten Moschee der Schweiz betont man das gute Einvernehmen mit Behörden und Polizei. Die Fachstelle Brückenbauer der Kantonspolizei bestätigt, mit den Verantwortungsträgern des Iman-Zentrums in Kontakt zu sein, auch mit Youssef Ibram. «Wie pflegen sowohl zu umstrittenen wie zu nicht umstrittenen Exponenten den Kontakt.» Das Iman-Zentrum ist laut Sprecher Kientzler über eine eigene Stiftung allein mit Spenden finanziert. Es gebe keine staatlichen Zuschüsse oder Gelder von ausländischen Staaten, auch nicht von Saudiarabien. Der Imam verzichte auf jegliche politische Stellungnahmen. Generell dürfe man in der ­Moschee nicht für politische Positionen oder extremistische Ansichten Stellung nehmen. Auch gebe es keinerlei Verbindung zum Islamischen Zentralrat.

2004 allerdings hatte die «Rundschau» unter dem Titel «Glaubenskrieg» einen Beitrag ausgestrahlt, der Youssef Ibram als Redner einer vom nachmaligen Zentralrats-Vorstand Patric Illi organisierten Demonstration auf dem Zürcher Helvetiaplatz zeigte: Gemeinsam empörten sie sich über die Tötung von Hamas-Führer Scheich Yassin durch den «Mörder Sharon». Ausserdem beklagten Gläubige eine zunehmende Radikalisierung der Zürcher Zayed-Moschee unter Ibram. Nach der Sendung reichte dieser Beschwerde beim Ombudsmann DRS ein. Der wies sie als unbegründet ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2016, 06:18 Uhr

«Darf eine Jungfrau Velo fahren?»

Youssef Ibram gehört als einziger Schweizer Imam zum europäischen Fatwa-Rat.

Muslime in Europa müssen sich mit Fragen wie dieser auseinandersetzen: «Darf eine Frau, ein jungfräuliches Mädchen zumal, Velo fahren?» Sie darf. «Besteht aber das Risiko, dass das Mädchen seine Jungfräulichkeit verliert, muss man die Frage studieren und den Grad des Risikos kennen.» Weiter: «Muss die Frau die Erlaubnis ihres Gatten einholen, wenn sie ihre Haare kürzen will?» Nein, wenn sie sie regelmässig und für den Gatten unmerklich kürzt. «Wenn sie aber mit dem Haarschnitt ihr Aussehen verändert … braucht es eine vorausgehende Absprache der Eheleute.» Oder: «Darf eine Frau beim Spielen mit ihren Kindern Tanzbewegungen machen?» Nur, wenn diese die Instinkte fremder Männer nicht reizen.

All diese juristischen Ratschläge, ­Fatwas genannt, gehören zum 2002 erschienenen Leitfaden des europäischen Fatwa-Rats. Er gibt für die in Europa ­lebende muslimische Minderheit verbindliche Antworten zu den heikelsten Fragen des Alltags – zu rituellen Praktiken, Speisen, zu familiären, sozialen und ökonomischen Fragen. Die Fatwas sollen den hiesigen Muslimen helfen, «in der Fremde ihre Identität zu bewahren».

Erarbeitet wurde die Fatwa-Sammlung von den rund 30 religiösen Gelehrten des Fatwa-Rats – einziger Schweizer Imam ist Ibram. Betreffend Apostasie hält der Rat daran fest, dass ein vom Glauben Abgefallener in islamischen Staaten hingerichtet werden kann. «Die Entscheidung über Todesurteile steht ­allein der islamischen Regierung zu», nicht aber anderen islamischen Institutionen. Da der Abtrünnige Aufruhr und Zwietracht in die Gemeinschaft trage, helfe die Todesstrafe, Religion und Gesellschaft vor Schaden zu schützen.

Im Kontrast zum transportierten Frauenbild postuliert die Fatwa-Sammlung, dass der Islam wie keine andere Religion die Frau hochschätze. Offenbar soll der Leitfaden das Scharia-Korsett für die europäische Muslima erträglich ­machen. So wird ihr finanzielle Autonomie zugebilligt. Sie darf ein eigenes Konto haben und durch Arbeit zum Haushaltsbudget beitragen, aber nicht mehr als ein Drittel: «Weil der Mann bei Erbschaften das Doppelte erhält, ist es nur normal, dass er auch das Doppelte zu den Haushaltskosten beiträgt.»

Zwar verordnet der Rat keinen Kopftuchzwang. Dennoch müsse man die Muslima überzeugen, den Kopf zu be­decken, weil es ein religiöses Gebot sei: «Gott hat diese schamhafte Kleidung für die Muslima vorgeschrieben», damit man sie von der Nicht-Muslima unterscheiden kann. «So gibt sie durch ihre Kleidung das Bild einer seriösen und ehrlichen Frau, die weder verführt noch versucht, und nichts Schlechtes tut ­weder durch Worte noch durch Be­wegungen ihres Körpers.»

Nimmt Youssef Ibram die Fatwa-Sammlung zur Richtschnur, wenn er an der moscheeeigenen Schule in Volketswil Kinder unterrichtet? Der Imam predige keine Fatwas, so Sprecher Daniel Kientzler. Der Fatwa-Rat sei heute ohnehin fast inexistent und nicht spürbar. Michael Meier

(Tages-Anzeiger)

Scheich Youssef Ibram, Imam.

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