Gewaltorgien mit geistig Behinderten

In Zürich inszeniert Milo Rau sadistische Spiele. Was halten Behindertenorganisationen davon?

Umstritten: Behinderte und Nichtbehinderte spielen gemeinsam in «Die 120 Tage von Sodom». Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

Umstritten: Behinderte und Nichtbehinderte spielen gemeinsam in «Die 120 Tage von Sodom». Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

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Männerhände drücken den Kopf der Frau mit Downsyndrom nach unten. Sie schreit vor Schmerz. Dann wird ihr das rechte Auge ausgeschnitten. Brutal, die Szene aus «Die 120 Tage von Sodom», dem neuen Theaterstück von Milo Rau, das am Freitagabend im Schiffbau Premiere hat. Auch, weil Regisseur Rau die Gewaltopfer von Menschen mit geistiger Behinderung spielen lässt. Elf Schauspieler des Behindertentheaters Hora stehen mit vier Kollegen aus dem Schauspielhaus-Ensemble auf der Bühne.

Sadistische Spiele mit Behinderten auf der Bühne. Darf man das? Dass Milo Rau findet, man müsse sogar, ist bekannt. Er will damit auf die problematische Seite der Pränataldiagnostik aufmerksam machen. Neun von zehn potenziellen Horas würden abgetrieben, Menschen mit Behinderung seien in den Augen des normalen Schweizers nicht salonfähig, sagte er in der NZZ.

Die skandalöse Vorlage

Was aber sagen Behinderte und Behindertenorganisationen zur Inszenierung? Anruf bei Alex Oberholzer. Er ist Filmredaktor bei Radio 24 und sitzt wegen seiner körperlichen Behinderung «immer öfter» im Rollstuhl. Zudem ist er im Vorstand beim Behindertentheater Hora. Als er gehört habe, welches Stück Milo Rau mit dem Ensemble aufführen wollte, war er zuerst «entsetzt».

Grund für Oberholzers Entsetzen war der Film, der dem Theaterstück als Vorlage dient. «Salò oder Die 120 Tage von Sodom» von Pier Paolo Pasolini löst seit seinem Erscheinen 1975 Skandale aus. Der Film spielt in der Alpenrepublik Salò, dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung. Junge Männer und Frauen werden entführt und von vier Vertretern des Regimes gefangen gehalten. In sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht, erniedrigt und zu Tode gequält.

«Rau geht sensibel damit um»

Bilder von Menschen, die Fäkalien essen müssen, vergewaltigt oder gekreuzigt werden – das bringt manchen Zuschauer an seine Grenzen. Vor zehn Jahren verbot die Zürcher Stadtpolizei eine Aufführung des Films, weil sie ihn als gewaltverherrlichend und pornografisch einstufte. Christliche Kreise begrüssten das Verbot, denn der Film hätte in der Kirche St. Jakob gezeigt werden sollen. Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz hingegen reagierten aufgebracht, in Genf wurde eine alternative Aufführung des Films organisiert. Dann gestand die Polizei ein, den künstlerischen Wert des Films ungenügend gewichtet zu haben. Sie hob das Verbot wieder auf. «Schliesslich wollen wir eine moderne und fortschrittliche Polizei sein», sagte Sprecher Marco Cortesi damals. Alex Oberholzer besuchte die Uraufführung in Locarno als 22-jähriger Student. «Der Film hat mich völlig überfordert, ich konnte das Gesehene überhaupt nicht einordnen.» Danach sei er am Seeufer gehockt und habe ins Wasser gestarrt.

Wenn ein Regisseur die Geschichte des Films mit Behinderten nachspielt, berge das die Gefahr, dass die Behinderten instrumentalisiert würden, findet Oberholzer. Er nahm darum an einem Vorgespräch zwischen Regisseur Rau und dem Theater Hora teil. Dort wurden seine Zweifel zerstreut. «Milo Rau geht sensibel und reflektiert an das Thema heran», sagt er, «und er arbeitet ja nicht mit Laien, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen, sondern mit Profis.»

Wichtig ist der Umgang

Die angefragten Behindertenorganisationen haben ebenfalls kein Problem mit «120 Tage von Sodom». Im Gegenteil. Für Silvia Raemy, Sprecherin von Agile, ist es «gelebte Inklusion», wenn Milo Rau ein Stück mit Schauspielern des Theater Hora besetzt. «Wichtig ist für uns, wie der Regisseur mit den Schauspielern umgeht, wie er ihnen erklärt, was da inszeniert wird, wie er sie begleitet», sagt sie.

Die Horas könnten Theater spielen und seien mit ihren Stücken weltweit unterwegs, sagt Beatrice Zenzünen, Sprecherin von Insieme. Und Susanne Stahel, Kommunikationsverantwortliche bei Pro Infirmis, sagt, den Hora-Schauspielern sei aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung bewusst, dass der Inhalt mit ihrem eigenen Leben nicht direkt zu tun habe. «Eine Instrumentalisierung könnte allenfalls dann bejaht werden, wenn die Schauspieler gegen ihren Willen zu Szenen gezwungen werden», sagt Stahel.

«Schweigen zementiert»

Menschen mit Behinderung sollen ganz normal an der Gesellschaft teilhaben können. Dazu gehört konsequenterweise, dass sie in Gewaltorgien die Opfer spielen dürfen. Doch zementiert nicht gerade das die untergeordnete Stellung der Behinderten? Alex Oberholzer sagt: «Im Gegenteil. Schweigen zementiert. In diesem Stück wird etwas gezeigt, das sonst totgeschwiegen wird. Menschen mit Behinderung sind noch immer Opfer in unserer Gesellschaft.»

Tatsächlich wird viel von Inklusion geredet, aber Rollstuhlzugänglichkeit ist vielerorts ein Fremdwort. Und Behinderte sind in der Arbeitswelt längst nicht integriert. Bleibt die Frage, ob es «120 Tage von Sodom» gelingt, die Auseinandersetzung damit voranzutreiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2017, 22:29 Uhr

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