Hausarzt ist glaubwürdiger als Psychiater

Ein Allgemeinpraktiker schreibt eine Sekretärin arbeitsunfähig. Ihr Arbeitgeber reagiert mit einem Spezialisten, der zu einem anderen Schluss kommt. Der Fall landet vor Gericht.

Blick vom Pult der Richter in den Saal des Zürcher Arbeitsgerichts, das zwei Ärzte zur Arbeitsunfähigkeit einer Sekretärin unter Strafandrohung befragt hatte.

Blick vom Pult der Richter in den Saal des Zürcher Arbeitsgerichts, das zwei Ärzte zur Arbeitsunfähigkeit einer Sekretärin unter Strafandrohung befragt hatte. Bild: Andrea Zahler

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Eine Sekretärin fürchtet die Entlassung. Noch ist sie Assistentin der Geschäftsleitung einer Zürcher Firma, aber dort plant man ohne sie, wie sie erfahren hat. Wenige Tage später lässt sie sich krankschreiben. Ihr Hausarzt diagnostiziert einen psychosomatischen Ausnahmezustand in Begleitung einer reaktiven Depression. Er verschreibt ihr Medikamente gegen Durchfall und Beruhigungsmittel – und schreibt sie nach mehreren Arztbesuchen insgesamt fünfmal krank.

Die Sekretärin hätte aufgrund ihres Dienstalters im Krankheitsfall einen Kündigungsschutz von 90 Tagen. Trotzdem kündigt ihr der Arbeitgeber zwei Wochen nachdem ihr Hausarzt sie das erste Mal krankgeschrieben hatte. Man misstraut dem Arztzeugnis und verlangt von der Frau, dass sie sich von einem Vertrauensarzt der Firma untersuchen lässt.

Dieser Arzt befindet sich allerdings noch in den Ferien. Trotzdem besteht der Arbeitgeber auf diesem einen Fachmann, einem diplomierten Psychiater. Die Sekretärin wehrt sich nicht dagegen, entbindet ihren Hausarzt vom Arztgeheimnis und lässt sich eineinhalb Monate nach ihrem ersten Arbeitsunfähigkeitszeugnis vom Facharzt untersuchen.

Psychiater widerspricht dem Hausarzt

Nun kommt der Psychiater zum Schluss: Bei der Sekretärin habe «nach ‹genuin› medizinischen Kriterien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nie eine Arbeitsunfähigkeit bestanden». Dies geht aus dem Entscheid hervor, den das Zürcher Arbeitsgericht kürzlich in einer Broschüre veröffentlicht hat. Das Gericht musste sich im Juli 2018 mit dem Fall auseinandersetzen, weil die Sekretärin ihre Kündigung angefochten hatte.

In dem Verfahren hörte das Gericht beide Ärzte an. Beide legten ihre Sicht der Dinge dar. Dabei drohte ihnen eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren, falls sie einer Falschaussage überführt würden. Der Psychiater warf dem Hausarzt vor, dieser habe sich bei der Diagnose bloss auf subjektive Schilderungen verlassen. Und er stellte sich auf den Standpunkt, beim Resultat der Diagnose handle es sich nicht um eine psychische Krankheit im Sinne des internationalen Klassifikationssystems ICD-10.

Gericht glaubt Hausarzt mehr

Das Arbeitsgericht hielt zwar fest, auf ein offensichtlich qualifizierteres Zeugnis eines Facharztes, also eines Psychiaters, sei grundsätzlich mehr abzustellen als auf jenes eines Allgemeinpraktikers. Dennoch schenkte es dem Hausarzt in diesem konkreten Fall mehr Glauben. Der Hausarzt habe die Sekretärin über einen längeren Zeitraum mehrfach untersucht. Zudem könne eine diagnostizierte Krankheit auch dann zur Arbeitsunfähigkeit führen, wenn sie nach dem ICD-10 keine Krankheit ist.

Ausserdem fand es das Gericht kaum nachvollziehbar, dass der Arbeitgeber darauf bestand, der eine bestimmte Vertrauensarzt müsse die Frau nach seinen Ferien untersuchen, wenn doch ein anderer Arzt dies früherer hätte erledigen können. In seinem Urteil gab das Arbeitsgericht schliesslich der Sekretärin recht und hielt fest, es gäbe keinen Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit.

Erstellt: 02.08.2019, 12:20 Uhr

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