Hecke und Bäume am Seeufer müssen Velos weichen

Trotz Kritik von allen Seiten hält das Tiefbauamt der Stadt Zürich am Veloweg Utoquai fest. Doch dort hat es kaum Platz.

Dem geplanten Veloweg muss die Hecke links im Bild weichen. Falls diese Route kommt, sind Velos auf der Fussgängerpromenade verboten. Foto: Urs Jaudas

Dem geplanten Veloweg muss die Hecke links im Bild weichen. Falls diese Route kommt, sind Velos auf der Fussgängerpromenade verboten. Foto: Urs Jaudas

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Hält man den Spatzen vom Bellevue in der einen Hand eine Brotkrume entgegen und in der anderen den Masterplan Velo, stürzen sich alle aufs Brot. Das ist verständlich, aber vom Gehalt her falsch. Denn die städtische Velostrategie wird die Lebensqualität der Spatzen nachhaltig verschlechtern. Genauer: das Prestigestück der Veloförderung, die Route am Seebecken, das «Leuchtturmprojekt» von Velo Zürich.

Für diese Route wurde die Quaibrücke verbreitert und werden am Seefeldquai Parkplätze entfernt. Dazwischen hat es eigentlich keinen Platz für einen breiten Veloweg – ausser man würgt, minimiert und rodet. Genau das will das Tiefbauamt tun. Die 500 Meter lange und bis zu drei Meter tiefe Hecke zwischen Badeanstalt Utoquai und Bellevue wird entfernt, ebenfalls eine Reihe von Bäumen. So entsteht, eingezwängt zwischen dem vierspurigen Utoquai und der Seepromenade, Platz für einen 3,5 Meter breiten Veloweg, der in beide Richtungen befahren wird. Neben der Pumpstation mit ihrem Gastrobetrieb verengt sich der Veloweg auf 2,5 Meter. Zur Strasse hin gibt es noch einen Sicherheitsbereich von einem halben Meter und einen niedrigen Zaun.

Viel zu schmal

Gegen dieses Projekt konnte die Bevölkerung Ende letzten Jahres Einwendungen machen; jetzt liegt der Bericht zu den Einwendungen öffentlich auf. Kritisiert wird von Bewohnern und Verbänden zur Hauptsache Folgendes:

  • Der Veloweg ist zu schmal, um – wie versprochen – als Haupt- und Komfortroute zu gelten. Statt einer Verbesserung schafft er neue Gefahrenquellen, zusätzlich verschärft durch die steigende Zahl von schnell fahrenden Elektrovelos.

  • Die Eingriffe in die Seeanlage sind zu gross. Zwar werden die 26 gefällten Bäume an neuer Lage ersetzt, doch da sie nahe der bestehenden mittleren Baumreihe wachsen werden, erreichen sie nicht die Höhe und Stärke der gefällten Bäume. Auch darf die Hecke nicht gerodet werden, weil sie den Fussgängern als optische und psychologische Barriere gegen den starken Verkehr auf dem Utoquai dient und den Spatzen und anderen Kleintieren als Biotop.

  • Der neue Veloweg hätte zur Folge, dass auf der Seepromenade nicht mehr Velo gefahren werden darf. Dort aber unter den Bäumen sind viele Velofahrerinnen und -fahrer gern unterwegs.

Diese – nicht verbindlichen – Einwendungen werden von Stadtingenieur Vilmar Krähenbühl kommentiert und in den wesentlichen Punkten alle abgelehnt. Er führt aus, dass der Mischverkehr in der Seeanlage nicht den Standards des Masterplans Velo entspricht, in dem die Trennung von Fuss- und Veloverkehr erklärtes Ziel ist. Zwar fänden heute weniger schwere, dafür umso öfter Konflikte zwischen Fussgängern und Velofahrern statt, vor allem im Bereich der Pumpstation. «Dass beispielsweise Touristinnen und Touristen oder Kinder, die im Schritttempo unterwegs sind, im Mischverkehr besser aufgehoben sind, ist nicht auszuschliessen. Mit dem geplanten Veloweg wird jedoch für den grössten Teil der Nutzenden die beste Lösung angeboten.»

Grundsätzlich seien die Baumfällungen bedauerlich, räumt der Direktor des Tiefbauamtes ein, doch würden ja 42 Bäume neu gepflanzt. «In der Seeanlage werden immer wieder Bäume neu gepflanzt, da bestehende Bäume aus baumpflegerischen Gründen gefällt werden müssen. Dies stellt einen normalen Vorgang in einer bestehenden Parkanlage dar.» Dass die geplante Rodung der Hecke einen Eingriff in die heutige Anlage und in den Lebensraum der Spatzen bedeutet, bestreitet Krähenbühl nicht. Aber: «Letztlich ist die geplante Rodung der Hecke das Ergebnis einer Interessenabwägung zugunsten der Einrichtung eines Velowegs, welche durch den Gesamtstadtrat so entschieden wurde.»

Geschwindigkeit anpassen

Als Interessenabwägung schildert er auch die Breite des Velowegs mit 3,5 Metern: ein Kompromiss zwischen der historischen Quaianlage und den Erfordernissen an die Komfort- und Hauptroute. Mit angepasster Geschwindigkeit sei konfliktfreies Kreuzen möglich, auch bei der Pumpstation. Kurz: «Umtriebe und Kosten sind die notwendige Kon­sequenz einer möglichst verträglichen Lösung an diesem Ort.»

Mit diesem Satz steht das von Filippo Leutenegger (FDP) politisch geführte Tiefbauamt mittlerweile ziemlich allein da. Der Quartierverein Riesbach will diese Route nicht, da die Nachteile die Vorteile bei weitem überwiegen würden. Dann lieber beim bisherigen Mischverkehr auf der Seepromenade bleiben. Gleich wie die SP und die Grünen möchte der Quartierverein die Bellerivestrasse und das Utoquai im Zuge der anstehenden Sanierung von vier auf zwei Fahrbahnen reduzieren und die frei werdenden Spuren fürs Velo nutzen. Dies in Kombination mit Tempo 30. Doch einen solch massiven Eingriff ins Verkehrsystem hält der Stadtrat – auch seine linken Mitglieder – für unmöglich.

Wann und ob der Veloweg Utoquai gebaut wird, ist noch offen. Am Geld jedenfalls scheitert das Vorhaben nicht: Im Juni 2015 hat das Stimmvolk 120 Millionen Franken für die Veloförderung bewilligt. Bis 2025 will die Stadt Zürich ihren Veloverkehr verdoppeln.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2017, 20:28 Uhr

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