Nashörner, Zebras und Giraffen für Zürich

Wie wird die neue Savannen-Anlage im Zoo Zürich eigentlich mit Tieren bevölkert? Damit die heikle Ansiedlung gelingt, braucht es eine minutiöse Vorbereitung.

So wird die neue Anlage etwa aussehen, die 2020 eröffnet werden soll: Eine simulierte Savanne für Wildtiere. Visualisierung: Gary Brown (Zoo Zürich)

So wird die neue Anlage etwa aussehen, die 2020 eröffnet werden soll: Eine simulierte Savanne für Wildtiere. Visualisierung: Gary Brown (Zoo Zürich)

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Bald hat Zürich auch eine Savanne. Auf über 40'000 Quadratmetern entsteht auf dem Zürichberg eine Anlage als Habitat für Breitmaulnashörner, Grevyzebras und Giraffen. In weniger als drei Jahren soll es so weit sein. Fehlen nur noch die Einwohner dieser grössten Anlage im Zoo Zürich. Da fragt man sich, wo all das Tiervolk herkommen soll.

Einer, der es wissen muss, wie die Zu­züger nach Zürich gelangen, ist Robert Zingg, Senior-Kurator des Zoos Zürich. «Die Idee ist natürlich nicht, dass wir Grosswildjäger ausschicken», sagt Zingg. Die Besiedlung der Savanne ist keine Safari, sondern eine logistische Aufgabe, die nach einem exakten Masterplan abläuft. Und die Tiere kommen über Zuchtprogramme aus anderen Zoos und nicht aus der freien Wildbahn.

Edukative Ziele

«Am Anfang war die Idee», sagt Zingg, auf dem Zürichberg eine Savanne einzurichten. Das vom Zoo unterstützte Naturschutzprojekt Lewa Wildlife Conservancy in Kenia nahm man dafür zum Vorbild. Aber die Frage war: «Welche Tiere, Lebensräume, Geschichten wollen wir zeigen? Der Zoo ist ja nicht einfach ein Vergnügungspark, er verfolgt edukative Ziele», so der Faunafachmann. Man darf sich also spannende ­Sitzungen vorstellen, in denen darüber diskutiert wurde, welche Tiere die neue Savanne bevölkern könnten.

Zuerst legte man sich auf die Leittierarten fest: Giraffen, Grevyzebras und Breitmaulnashörner. «Dann überlegten wir, mit welchen Arten diese vergesellschaftet werden könnten.» Strausse und Antilopen vielleicht? Bei den Kopje-Felsen liessen sich auch Hyänen integrieren, eventuell eine Echsenart. Zur Abrundung entschied sich das Team noch für einen Schwarm Graupapageien und Erdmännchen. All das will sorgsam durchdacht sein.

Ist man sich einig, gehts an die Grobplanung. «Bringen wir alles unter? Müssen wir Abstriche machen?» Alles Fragen, die geklärt werden müssen. Man macht sich kundig, welche Anlagen für welche Tiere gebraucht werden, um so den Tierbestand managen zu können. Dazu stehen den Zoobetreibern Manuals der Zuchtprogramme zur Verfügung, die genau festhalten, was aus Erfahrung für Mindestanforderungen für die entsprechenden Tiere notwendig sind. Da steht zum Beispiel beim Breitmaulnashorn, wie hoch der Zaun sein muss, wie viele Boxen es braucht. Die Planer machten sich Gedanken, wie ein Trinkgefäss aussehen könnte oder wo die Mistmulde zu stehen kommt. Und schliesslich ist zu prüfen, wie das alles mit den Ideen und Vorstellungen der Zoobetreiber zusammenpasst. «Man kann ja nicht einfach eine schöne Anlage bauen, die dann nicht funktioniert», sagt Zingg.

Kein Wunschprogramm

Landschaftsarchitekten entwickeln ein Gestaltungskonzept, berücksichtigen die Mindestanforderungen und das Wünschbare. Erst wenn alles steht und alle Vorgaben zusammengefasst sind, wird die Besiedlung konkret geplant. Völlig frei sind die Savannenschöpfer dabei jedoch nicht. Denn das Austauschprogramm ist kein Wunschprogramm.

«Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir noch nicht, woher und wie viele Tiere wir bekommen», sagt der Kurator. «Aber die Leitarten, Giraffen, Zebras und Breitmaulnashörner», verspricht Zingg, «werden auf jeden Fall da sein, wenn die Savanne eröffnet wird.»

Primär sollen alle Tiere aus den 330 im europäischen Verband vereinten Zoos kommen, mit denen der Zürcher Zoo im Austausch steht. Tiere sind aber nicht einfach so zu haben. «Es gibt Anbieter, die zuerst unsere Baupläne sehen wollen, bevor sie uns Tiere geben», weiss Zingg. Man tauscht sein Know-how gegenseitig aus und prüft, ob die Bedingungen am neuen Ort artgerecht sind.

Im Moment sei, was den exakten Tierbestand betreffe, noch nichts entschieden. Erst rund ein Jahr vor der Eröffnung würden die Verhandlungen mit den Zuchtbuchkoordinatoren intensiviert. «Die Zuchtbuchführer wissen, dass wir eine Anlage bauen, und zu gegebener Zeit werden wir unser konkretes Interesse zeigen.»

Es gibt aber auch Tierarten, wie das Stachelschwein, die nicht im Europäischen Zuchtprogramm zu finden sind. Um solche Tiere zu finden, klopft der Zürcher Zoo nebst Angebotslisten eine weltumspannende Tierdatenbank ab. Darin sind rund 800 Zoos erfasst. Wenn ein Tierpark einen grösseren Bestand hat, sind manche gerne bereit, Tiere abzugeben. «Die Tiere selbst kosten uns nichts, wir müssen nur die Transportkosten zahlen, so sind die Vorgaben des Zuchtprogramms.» Das sei aber immer noch genug, «der Transport der Tiere wird den Zoo sicher ein paar 10'000 Franken kosten», schätzt Zingg.

Schwierige Transporte

Sobald klar ist, wer nach Zürich umziehen darf, geht es darum, die benötigten Einfuhrpapiere zu beschaffen und den Transport zu organisieren. Keine leichte Aufgabe. «Giraffen kann man ja schlecht in einem Kombi transportieren», so Zingg. Der Zoo arbeitet deshalb mit Tiertransportfirmen aus Deutschland und Holland zusammen. Diese haben auch ein besonderes Gefährt für die gewünschten Langhälse. Falls der Weg unter einer Brücke hindurch ­führen sollte, kann der obere Teil leicht abgesenkt werden. Die reisende Giraffe muss dafür kurz den Kopf etwas ein­ziehen.

Auch die Ankunft der Tiere in der Schweiz will generalstabsmässig vorbereitet sein. «Bis zur Zebragrösse geht alles über die klassische Quarantänestation, die hermetisch abgeschlossen ist und im Betriebsgelände steht», erklärt der Tierfachmann. Nashörner und Giraffen erhalten in der neuen Anlage eine eigene Quarantänestation. Der Aufenthalt dauert in der Regel 30 Tage. Das Tiermanagement für einen Zoo sei extrem aufwendig und eine «immense logistische Leistung», sagt der Kurator, denn jährlich gebe es auch viele Transporte zu organisieren für Tiere, die aus Zürich in einen andern Zoo abreisten.

Erstmals wieder Giraffen

Trotz aller Herausforderungen sind sämtliche Arbeiten auf Kurs. Bei den ­Giraffen sei noch offen, ob der Zürcher Zoo mit einer reinen Bullengruppe beginne oder ob es eine Zuchtgruppe mit Weibchen sein werde. Aber zum Glück gehören Genderfragen und Quotenregelungen in den Zoos noch nicht zum Pflichtprogramm. «Und uns», sagt Zingg, «kommt es nicht so drauf an. Wir wollen einfach nach 64 Jahren wieder Giraffen zeigen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2017, 11:52 Uhr

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Zoo Zürich

Drittes Schlüsselprojekt

Die Lewa-Savanne entsteht im Rahmen des 1991 definierten Masterplans des Zoos Zürich als drittes Schlüsselprojekt nach dem Masoala-Regenwald und dem Kaeng-Krachan-Elefantenpark. Die insgesamt über vier Hektaren grosse Anlage wird Giraffen, die stark bedrohten Breitmaulnashörner und Grevy­zebras, Antilopen, Strausse und weitere afrikanische Savannentiere beheimaten. Die Eröffnung ist für 2020 vorgesehen. Die Finanzierung soll wie bei allen Projekten für Tieranlagen im Zoo Zürich durch Spenden erfolgen. Die Kosten bewegen sich zwischen 50 und 60 Millionen Franken.

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