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Hermann Eschers revolutionärer Code

Die Bücher der Zentralbibliothek wurden hundert Jahre nach einem ausgeklügelten System geordnet. Jetzt ist damit Schluss.

Zwischen 4,3 Millionen Büchern: der ehemalige Chefbibliothekar Beat Wartmann der Zentralbibliothek Zürich. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

Vor 36 Jahren trat Beat Wartmann seine Stelle bei der Zentralbibliothek an. Zur Begrüssung drückte man ihm einen A4-grossen, rot gefassten, zusammengeklappten Karton in die Hand. Die darauf vermerkten Buchstaben und Zahlen schienen ihm vorerst kryptisch. Doch dann ging dem promovierten Zoologen ein Licht auf: Mit dem auf dem Karton verzeichneten Code liessen sich die verwirrlichen Buchstaben und Nummern entschlüsseln, die auf dem Rücken der ZB-Bücher vermerkt sind.

«Das ist der geradezu revolutionäre Code des Hermann Escher», sagt Wartmann. Er war bis vor kurzem Chefbibliothekar Medienbearbeitung der Zentralbibliothek Zürich und arbeitet heute in derselben Abteilung noch Teilzeit als Fachreferent für Biologie und Bibliothekswissenschaft. Und Hermann Escher (1857–1938) war treibende Kraft hinter dem Zusammenschluss der Stadt- und der Kantonsbibliothek zur Zentralbibliothek. Und ihr erster Direktor.

Escher hatte sich intensiv darüber Gedanken gemacht, wie die ständig wachsende Anzahl von Büchern und anderen Schriftstücken sinnvoll signiert werden könnte. Allseits bewährte Systeme gab es nicht, denn er besuchte Bibliotheken in ganz Europa und reiste sogar in die USA, um sich dort über die gängigen Konzepte zu informieren. Das Resultat steht in dem rot gefassten Karton, den Beat Wartmann jetzt aufklappt, um uns das System zu erläutern.

Militär und Sport vergessen

Das funktioniert so: Der erste Buchstabe der Signatur gibt an, in welchem Zeitraum das Buch erschienen ist: A bedeutet bis und mit 1880, B – 1881 bis 1915 und so weiter. Der zweite Buchstabe teilt in Fachgruppen ein. Zum Beispiel C: Recht, Staat, Politik, Soziologie, oder D: Volkswirtschaft, Statistik. Die Signaturentabelle weist einige handschriftliche Ergänzungen auf, die Rückschlüsse darauf zulassen, welche Bereiche der Historiker und Philologe Escher damals aufzunehmen vergessen hatte oder welche ihm vernachlässigbar erschienen.

Das eschersche Signatursystem: Es ist für Eingeweihte fast schon genial einfach.

So steht nach «V»: gedruckt «Varia», danach in krakeliger Handschrift als Zusatz: «Militär, Sport, Kochkunst». Interessant auch: Unter dem Buchstaben G wurden vorerst lediglich Philosophie und Pädagogik zusammengefasst. Dann kam Freud. Und mit ihm boomte Literatur über Psychologie. So wurde wiederum in schwarzen krakeligen Buchstaben beim G noch Psychologie vermerkt.

Allmählich eröffnet sich uns der Code. Es war also kein Zufall, dass wir Historiker während des Studiums fast immer Bücher mit N-Signaturen (Geschichte, Kulturgeschichte) oder O (Historische Hilfswissenschaften) heimschleppten. «Doch das wirklich Geniale kommt erst!», fährt Wartmann fort. Denn nun folgt noch eine Einteilung der rein praktischen Art. Er zeigt verschieden grosse Rechtecke, die auf dem Karton quer über die Signatureinteilungen eingezeichnet sind. Diese erlauben eine Einteilung nach der Höhe des Buchrückens. Damit kamen innerhalb der Fach- und Erscheinungsgruppen die etwa gleich hohen Bücher in vier Formatgruppen nebeneinander zu stehen. Mit dem Effekt, dass der Abstand der Tablare der Büchergestelle möglichst eng gehalten werden konnte.

Vier Generationen ZB-Bibliothekarinnen und -Bibliothekare haben die Bücher gemäss dem escherschen System eingeteilt. Anfang letzten Jahres wurde diese Methode geändert. Heute werden die neuen Bücher jahreweise einfach durchnummeriert, die einzige Unterscheidung macht noch die Grösse. Die eschersche Zeit endet mit dem Buchstaben H: Erscheinungsjahr 2006 bis 2015.

Schluss mit Stöbern

Beat Wartmann klappt den Karton zusammen und sagt: «Ich nehme schweren Herzens davon Abschied.» Denn das bedeutet auch Schluss mit Stöbern. Beim alten System konnte ein an einem gewissen Fachgebiet Interessierter noch einfach unter der entsprechenden Signatur schauen gehen, was in letzter Zeit an Neuheiten hereingekommen ist.

Beat Wartmann steigt mit uns in den Untergrund der Zentralbibliothek hinunter. Einst durften diese heiligen Hallen, in denen die Bücher lagerten, nur von den Bibliothekaren betreten werden. Und von den «Chlüpplibenutzern». Das waren die ganz Studierten, welche die Sonderbewilligung bekamen, ihre Bücher selbst aus den Magazinen zu holen. Sie waren mit einer Wäscheklammer am Revers gekennzeichnet. Die übrigen ZB-Benutzer warteten dagegen oft mehr als eine Stunde, bis sie ihre Bücher geliefert bekamen. Nach und nach – und vermehrt seit der Eröffnung des Erweiterungsbaus 1994 – wurden allerdings auch für «Normalsterbliche» gewisse Signaturgruppen in einem Freihandbereich zugänglich gemacht.

Die Signatur erlaubt Rückschlüsse auf Erscheinungsjahr, Fachgebiet und Format.

4,3 Millionen Bücher und Zeitschriftenbände lagern hier unten, jedes Jahr kommen 40 000 dazu. Wer kann denn bei den Neuerscheinungen derart aus dem Vollen schöpfen? Beat Wartmann war über zwanzig Jahre lang Erwerbungsleiter und hatte eine Anzahl Fachreferenten unter sich, welche für die Neuanschaffungen ihres jeweiligen Gebietes zuständig waren. Mittlerweile ist er aus deren Reihe zurückgetreten, denn in eineinhalb Jahren steht seine Pensionierung an. Er arbeitet seit diesem Jahr nur noch fünfzig Prozent.

«Ich will nicht von hundert auf null zurückfahren», sagt Wartmann. «Ich bin ein Anhänger eines abgestuften Berufsausstiegs.» Zumal er in seiner Freizeit mehr als genug zu tun hat. Er ist Vizepräsident – und seit einigen Wochen Ehrenmitglied – von Birdlife Schweiz, und auf einer Weltkarte in seinem Büro sind mit Fähnchen all jene Länder verzeichnet, die er schon bereist hat. Es sind viele Fähnchen. Zudem hat er zusammen mit seiner Frau einen umfassenden Orchideenführer für die Schweiz herausgegeben – mit ausnahmslos selbst gemachten Fotografien.

Er kauft jährlich 1100 Bücher

Als Fachreferent kann er jährlich etwa 1100 Bücher anschaffen. Er stellt fest: Nicht nur die Anzahl der jährlich erscheinenden Bücher nimmt erheblich zu. «Fast die Hälfte wird heute in Englisch verfasst.» In Eschers Zeiten wurden englische Zeitschriften automatisch unter der Sondersignatur X abgelegt: schwach genutzte Zeitschriften.

Zurück ins Magazin: Wartmann führt uns zuerst in den Bereich, in dem die Bücher noch nach altem System aufgereiht sind: Wir stehen vor HQ. Alles dreht sich um Kunst und Archäologie. Dann kommen wir in den neuen Teil: Auf den Buchrücken steht «2016» für das Jahr, «A» für das kleinste der sechs Formatgruppen und eine laufende Nummer. Eine Abhandlung über Wasserfarben steht zwischen einer Kirchengeschichte und einer Studie über den Zungentumor. Kraut und Rüebli durcheinander. Doch alle Bücher sind in etwa gleich hoch. Eschers revolutionärer Code ist einem pragmatischen, nüchternen System gewichen.

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