Todesrate an Zürcher Spitälern nimmt ab

Die Mortalität in der Herzchirurgie ist am Unispital und am Triemli tiefer als erwartet. Aus welchen Fehlern die Ärzteschaft gelernt hat.

Damit bei einer Herzoperation alles gut geht, braucht es eine Qualitätssicherung. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Damit bei einer Herzoperation alles gut geht, braucht es eine Qualitätssicherung. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Im Unispital beträgt die Mortalität bei den herzchirurgischen Patientinnen und Patienten im laufenden Jahr 5,15 Prozent, das sind rund 1,5 Prozent weniger, als angesichts des Krankheitszustandes der Patienten zu erwarten wäre. Das Triemli meldet auf Anfrage eine Mortalität von 2,5 Prozent, bei einem erwarteten Wert von 4 Prozent. In den vergangenen zwei Jahren hatte die tatsächliche Mortalität die erwartete jeweils überstiegen.

Sehr gut sind die aktuellen Resultate bei den zwei häufigsten Eingriffen, dem Bypass und der konventionellen Aortenklappenoperation. Im Triemli gab es da bis Ende September noch keinen Todesfall. Im Unispital sind 6 von 269 Bypasspatienten und 2 von 109 Klappenpatienten verstorben; die Mortalitätswerte liegen damit rund halb so hoch wie erwartet.

Man kann also sagen: Die Herzchirurgen arbeiten heute sorgfältiger. Ein Grund für die Verbesserung mag die Publizität sein, die der TA herstellte, als er im März die unerwartet hohen Todeszahlen veröffentlichte. In der Folge liessen sich merklich weniger Herzpatienten im Unispital und im Triemli operieren – und die Chirurgen strengten sich mehr an, um bestmögliche Resultate zu erzielen.

Schlechte Betriebskultur, mangelhafte Organisation

Doch auch unabhängig von den Presseschlagzeilen haben die Verantwortlichen gehandelt. Aufgeschreckt durch die schlechten Zahlen, hatten die beiden Herzchirurgie-Chefs Francesco Maisano und Michele Genoni schon Anfang Jahr eine Unter­suchung durch externe Fachleute angeregt. Darauf besuchte eine hochkarätige dreiköpfige Expertengruppe die Zürcher Uni-Herzklinik: der ärztliche Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg, der frühere Präsident der Europäischen Gesellschaft für Herzchirurgie und der Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Herzchirurgie.

Bei ihrem Audit stellten sie fest, dass die Klinik zwar eine hohe nationale und internationale Reputation geniesse, dass aber die Betriebskultur schlecht sei und die Organisation mangelhaft. Als Sofortmassnahme gleich nach dem Audit verfügten die Zürcher Herzchirurgie-Chefs, dass mehrere Chirurgen nicht mehr allein operieren durften.

Ein «richtiges Führungsteam»

Nun haben Genoni und Maisano Tagesanzeiger.ch/Newsnet die detaillierten Resultate des Audits im Unispital und die inzwischen getroffenen Massnahmen erläutert. In der Herzchirurgie im Triemli steht der Besuch der Auditoren noch bevor. Diese werden dort allerdings nicht die ganze Klinik prüfen, sondern lediglich schwierige Fälle diskutieren.

Michele Genoni hat Ende ­August die Chefarztstelle im Triemli an seinen Stellvertreter Omer Dzemali abgegeben und ist seither voll im Universitätsspital angestellt als Co-Leiter der Herzklinik. Zuvor war er im Rahmen der Herzallianz Zürich, welche die öffentliche Herzchirurgie stärken sollte, einige Jahre an beiden Spitälern tätig, was nicht ideal war. Einen Tag pro Woche unterstützte er Maisano in organisatorischen Fragen.

«Jetzt sind wir ein richtiges Führungsteam», sagt Francesco Maisano, «wir besprechen zusammen die Fälle und operieren beide.» Michele Genoni gilt als Bypass-Spezialist, während Maisano vor allem Herzklappen rekonstruiert und ein Pionier der Kathetertechnik bei Mitralklappen-Operationen ist.

Wenig schmeichelhaftes Urteil der Experten

Doch ein Klinikdirektor hat eben noch andere Aufgaben als das Operieren. Er muss auch den Nachwuchs ausbilden und sein Personal führen. Und da haperte es in der Vergangenheit. Seit der Pensionierung von Marko Turina 2004 hat es in der Uni-Herzklinik mehrere Führungswechsel gegeben. Jeder Chefarzt brachte neue Leute und neue Methoden mit. Die Folge waren unklare Strukturen und eine Einzelkämpfermentalität.

Die Auditoren stellten fest, dass sowohl die Ausbildung der Studierenden als auch die Weiterbildung der Assistenzärzte wenig strukturiert war, und dass die Kaderärzte Kongresse besuchten, ohne ihr Wissen nachher mit dem Team zu teilen. Die Mitarbeitenden seien unzufrieden und unsicher gewesen. Es habe eine wertschätzende Personalführung gefehlt und damit auch die nötige Vertrauensbasis für eine gute Fehlerkultur. So lautete das wenig schmeichelhafte Urteil der Auditoren.

Todesfälle werden jetzt im Team diskutiert

Inzwischen haben Genoni und Maisano einiges unternommen, um die Situation zu verbessern. Es wurden Lehrvideos gedreht, damit alle dieselben Methoden anwenden. Zum Beispiel wenn es darum geht, das Brustbein zu öffnen oder die Instrumente für eine OP vorzubereiten. Regelmässig halten die Herzchirurgen sogenannte Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen ab. Dort diskutieren sie komplexe Fälle und unvorhergesehene Todesfälle, um daraus zu lernen. Maisano: «Wir haben mit einem Coach gearbeitet, um unsere Fehlerkultur zu verbessern. Dass man zugeben kann, einen Fehler gemacht zu haben, ohne dass die anderen mit dem Finger auf einen zeigen.»

Weitere wichtige Schritte zur Qualitätssicherung waren laut Genoni ein einheitliches Aufklärungsprotokoll, ein Hygienekonzept und Standards für die postoperative Behandlung. Alle drei Massnahmen wurden sowohl im Unispital als auch im Triemli eingeführt. Die zwei Spitäler bilden zusammen einen Weiterbildungsverbund, dem Ende Jahr auch das Kinderspital und das Cardiocentro im Tessin beitreten sollen. Michele Genoni und die Kollegen im Triemli treffen sich monatlich für Besprechungen. Die Herzallianz zwischen Unispital und Triemli beziehungsweise zwischen Kanton und Stadt werde weitergeführt, betonen beide Seiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2018, 18:23 Uhr

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Herzzentrums-Leiter Francesco Maisano. Foto: PD

Triemli-Chefarzt Omer Dzemali. Foto: Dominique Meienberg

Michele Genoni, Co-Leiter der Herzklinik im Unispital. Foto: PD

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