Herzrasen, Albträume – nur kein Schlaf

Immer mehr Menschen in Zürich sind wegen Schlafstörungen in Behandlung. Warum? Die Fachleute sind sich uneins.

Die Naturheilpraktikerin Michelle Wagner schläft nach der Abschirmung ihres Hauses wieder tief und wacht am Morgen erholt auf. Foto: Doris Fanconi

Die Naturheilpraktikerin Michelle Wagner schläft nach der Abschirmung ihres Hauses wieder tief und wacht am Morgen erholt auf. Foto: Doris Fanconi

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Die Zürcher Naturheilpraktikerin Michelle Wagner aus Seuzach fühlte sich morgens nach dem Aufstehen nicht ausgeruht, so, als habe sie zu wenig geschlafen. Oft hatte sie Albträume und starkes Herzklopfen im Bett. Tagsüber konnte sie sich kaum erholen, war müde bis ­erschöpft und oft nervös. Mit der Zeit belastete das ihr Gemüt. Auch die Tatsache, dass ihre Verspannungen in Nacken und Schultern trotz Therapie nicht nachliessen, machte sie nachdenklich. Sie entschloss sich, ihre Wohnung ausmessen zu lassen.

Die Messung des Geopathologen ermittelte eine Erdstrahlung – eine solche kann durch eine Wasserader oder eine Störung im natürlichen Erdmagnetfeld verursacht werden. Zudem wurde in der Wohnung Elektrosmog festgestellt. Auf Empfehlung des Geopathologen platzierte das Ehepaar seine Betten an eine andere Wand und liess die Erd- und ­Mobilfunkstrahlung abschirmen.

Zwei Wochen lang hatte die Familie an einer Erstverschlimmerung zu leiden, doch dann verbesserte sich die Situation von Tag zu Tag. Nach circa vier Monaten fühlte sich Michelle Wagner jeden Morgen ausgeruht. Das Herzklopfen und die Albträume hörten auf, und ihr Gemüt war wieder stabil. Nach dem Abschirmen half auch die Therapie gegen ihre Nacken- und Schulterverspannungen.

100 neue Kunden pro Monat

Die Naturärztin und Geopathologin ­Petra Schneider von Geopathologie Schweiz mit Sitz in Rorbas beobachtet seit etwa zehn Jahren eine «massive Zunah­­me» von Schlafstörungen. «Diese Menschen liegen jede Nacht stundenlang wach», sagt Schneider. Die Hilfe­suchenden machen die omnipräsente WLAN-Strahlung und andere Funkantennen für die Ursache ihrer Schlafprobleme verantwortlich. Pro Monat ­suchen hundert neue Kunden ihren Rat und lassen ihre Wohnungen und Häuser nach Ursachen von Störungen durch Wasseradern, Erdmagnetfeldern und Elektrosmog untersuchen.

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Schneider und ihr Team haben in 17 Jahren 15 000 Wohnhäuser, Arbeitsplätze und Grundstücke untersucht und Massnahmen zu deren Minimierung getroffen, 5000 davon allein im Kanton Zürich. Und die Nachfrage nach solcher Hilfe steigt in letzter Zeit rasant. Jeden Tag melden sich bei Geopathologie Schweiz drei neue Kunden mit Schlafproblemen. «Dabei ist alarmierend», sagt Schneider, «wie viele Kinder bereits unter Schlafstörungen leiden, oft begleitet von Hyperaktivität und Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrationsmangel und schlechten Lernleistungen.»

Den Grund dafür sieht die Geopathologin in der rasanten Zunahme von dauerfunkenden elektronischen Geräten. «Das Nervensystem kommt nicht zur Ruhe, und ein tiefer, erholsamer Schlaf ist so oft nicht mehr möglich», weiss Schneider aus ihrer langjährigen Erfahrung. Die körpereigenen Abwehrkräfte würden geschwächt, und die ständige Reizüberflutung führe mit der Zeit zu Schlafstörungen und Symptomen wie Kopfweh, Depression, Nervosität. Dies schwäche wiederum das Immunsystem.

Dass die Digitalisierung der Gesellschaft die Menschen auf verschiedensten Ebenen beeinflusst – zum Beispiel im Schlafverhalten –, ist unbestritten. Auch Daniel Brunner, Spezialist für Schlaf­medizin bei der Zürcher Hirslanden-Klinik, verweist auf die Präsenz elektro­nischer Medien, wenn er über die Ver­änderung der Schlafkultur spricht. Gleichzeitig geht er jedoch zu den Geopathologen auf Distanz.

«Ein Teil der Leute hat enorme gesundheitliche Probleme»Martin Röösli, ­Umweltepidemiologe an der Universität Basel

Als erwiesen gilt, dass es Menschen gibt, die auf elektromagnetische Strahlung besonders sensibel reagieren und Beschwerden zeigen. Martin Röösli, ­Umweltepidemiologe an der Universität Basel, hegt zwar Zweifel an den Messungen von Geopathologie Schweiz. Doch auch er weiss, dass in der Schweiz fünf bis acht Prozent der Bevölkerung auf elektromagnetische Felder im Alltag in irgendeiner Weise reagieren: «Ein Teil der Leute hat enorme gesundheitliche Probleme», sagt Röösli.

Viele Akademiker

Eine gross angelegte, von der EU geförderte Reflex-Studie ergab schon vor dreizehn Jahren auffällige Ergebnisse. Laut dem deutschen Studienleiter Professor Franz Adlkofer zeigte die Untersuchung, dass Mobilfunkstrahlung bereits «weit unterhalb der Grenzwerte zu DNA-Strangbrüchen führen kann und deshalb ein krebsförderndes Potenzial hat». Allerdings konnten diese Ergebnisse in anderen Studien bis heute nie eindeutig untermauert werden.

Mit anderen Worten: Ob Handy- und WLAN-Strahlen für den Menschen mit Langzeitrisiken verbunden sind, ist nicht nachgewiesen. Die Nachfrage nach geopathologischen Dienstleistungen zeigt jedoch, dass solche Strahlungen subjektiv von immer mehr Leuten als Belastung empfunden werden.

Bilder: Besser Schlafen – sieben Mythen

Naturärztin Schneider stellt dabei fest, dass ihre Kunden zum grossen Teil Akademiker sind – vom Elektroingenieur über die Physikerin und den Chemiker bis hin zu Architekten, Rechtsanwälten und Ärzten. Schneiders Erklärung dafür: «Je höher der Wohlstand, umso mehr Funktechnologie ist in den Häusern anzutreffen.» In dieser Bevölkerungsschicht verfüge jedes Kind über seine eigenen modernen Geräte. «Diese Kinderzimmer sind massiv strahlen­belastet», sagt Schneider. Dazu kämen die Einstrahlungen von aussen.

Je nach Experte eine andere Einschätzung

Oft seien die Menschen, die sie kontaktieren würden, verzweifelt, weil sich ihre Symptome durch Therapien oder Medikamente nicht verbessern lassen. Schneider schildert den Fall einer 49-jährigen, zweifachen Mutter aus dem Bernbiet. Die Pflegefachfrau litt unter massiven Einschlafstörungen, begleitet von Herzklopfen und Angstzuständen. Nachts wachte sie grundlos auf und konnte nicht mehr einschlafen. Schliesslich erkrankte sie an einer Depression. Schlafmittel halfen über das Schlimmste hinweg, bald aber kamen Antidepressiva hinzu. «Der Schlafplatz der Kundin», so stellte sich laut Schneider heraus, «war massiv von Funk- und Erdstrahlung belastet.»

Nach dem Abschirmen verbesserte sich die gesundheitliche Situation der Frau täglich. Sie konnte Schlafmittel und Antidepressiva wieder absetzen. Ob das Abschirmen die Verbesserung brachte oder ob etwas ­anderes der Patientin half, wieder Ruhe zu finden, muss offenbleiben. Je nach Fachperson – ob Geopathologin oder Schulmediziner – resultiert eine andere Einschätzung.

Petra Schneider sagt: In 90 Prozent der Fälle könne sie helfen. Doch auch sie ist sich bewusst: «Nicht alle Krankheitssymptome sind geopathisch bedingt und verschwinden nach einer ­Sanierung.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 22:30 Uhr

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