Gefährliches Marihuana in Umlauf

Cannabis-Konsumenten berichten nach dem Rauchen von künstlich aufgepepptem Gras von Herzrasen und Atemnot. Drogenanlaufstellen schlagen nun Alarm.

Gestrecktes Marihuana: Kiffen wirkt nicht immer entspannend. Foto: Getty Images

Gestrecktes Marihuana: Kiffen wirkt nicht immer entspannend. Foto: Getty Images

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Wer Gras raucht, tut das in aller Regel wegen seiner entspannenden Wirkung. Doch von jenem ­illegal gehandelten Marihuana, das derzeit in Zürich kursiert, sagen die Konsumentinnen und Konsumenten das Gegenteil. «Mein ganzer Körper vibrierte schon nach zwei Zügen, mein Herz raste, ich spürte meine Zunge nicht mehr und litt unter Atemnot», sagt ein Mann Mitte 30, stämmig und gross, wohnhaft in der Stadt Zürich. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er sagt: «Ich rauche seit vielen Jahren täglich an die 15 Joints, doch so etwas habe ich noch nie erlebt.»

Auf seinem Social-Media-Kanal, auf dem ihm mehrere Tausend Leute folgen, fragt er: «Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht?» Innert weniger Stunden erhält er als Privatnachrichten Dutzende Antworten von Leuten aus der ganzen Stadt Zürich. Allen ist es in jüngster Zeit gleich ergangen. Die Antworten liegen dem TA vor. Eine weitere anonyme Quelle berichtet ebenfalls von Kiffern in ihrem Umfeld, die dasselbe erlebten. Auch ein Betreiber eines Zürcher Hanfladens sagt, dass es einigen seiner Kundinnen und Kunden jüngst im Zusammenhang mit illegalem Gras so ergangen sei.

CBD günstig zu haben

Weshalb das Marihuana auf einmal diese dramatische Wirkung entfaltet, ist erstmals Teil von Mutmassungen. In der Szene scheint aber klar zu sein: Was diese Kiffer geraucht haben, ist mit synthetischen Wirkstoffen angereichertes CBD-Gras. Letzteres ist eine legale Form von Marihuana, da es keine berauschenden Stoffe enthält. Es kann in verschiedenen Läden gekauft werden und hat in den letzten Monaten einen eigentlichen Boom erlebt.

Doch das Geschäft mit dem rauschfreien CBD-Gras befindet sich im Abschwung. Der Kilopreis ist in den letzten zwei Jahren von 5000 auf rund 1500 Franken ­gesunken. Deshalb vermuten Kenner, dass das CBD-Gras aufgepeppt und als illegales Marihuana verkauft wird. Jonas Grolimund vom CBD-Geschäft Smoking Grasshopper sagt: «Wer CBD-Gras kauft und mit künstlichem Wirkstoff anreichert, kann riesige Gewinne erzielen.»

Sicher ist: Synthetische Cannabinoide sind europaweit seit einigen Jahren auf dem Vormarsch – und sie sind gefährlich. Synthetische Cannabinoide, das sind im Labor hergestellte psychoaktive Substanzen, die ähnlich berauschend wirken wie das im natürlichen Cannabis enthaltene THC. Die Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht der Europäischen Union listet auf der Website Hunderte chemische Verbindungen. Sie hat die synthetischen Cannabinoide zu ihrem Aufmerksamkeitsschwerpunkt erklärt.

Wie gefährlich diese sein können, zeigt ein im Jahr 2017 veröffentlichter Bericht der EU-Stelle. Sie schreibt, dass der Konsum zu vielen schweren Vergiftungen und vereinzelt sogar zu Todesfällen geführt hätten. Auch eine Meldung aus dem nahen Innsbruck lässt aufhorchen. Die Innsbrucker Behörden warnten kürzlich in einem Schreiben vor dem Wirkstoff. Europaweit sei es bereits zu 28 Todesfällen im Zusammenhang mit synthetischen Cannabinoiden gekommen. Bekannt sind auch sogenannte Epidemiefälle – etwa in Polen – oder einzelne Todesfälle im US-Bundesstaat Illinois.

Substanz im Schwarzmarkt

In der Meldung aus Innsbruck ist auch zu lesen, dass bereits zum vierten Mal Gras positiv auf künstliches Cannabinoid getestet worden sei. «Es scheint, dass die Substanz am Schwarzmarkt zirkuliert», meldet Innsbruck. Die betroffenen Konsumenten berichteten von Herzrasen, Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen, Angstzuständen, extremer Amnesie und Realitätsverlust. Es sind ähnliche Symptome, die auch die Kiffer in Zürich beschreiben. Dazu kommt: Ein Berner Labor entdeckte erst vergangene Woche die gleiche chemische Verbindung eines synthetischen Cannabinoids wie jene in Österreich in der Schweiz – zum ersten Mal.

Inzwischen sind die synthetischen Cannabinoide auch bei den Zürcher Behörden ein Thema geworden. Die Stadtpolizei Zürich beobachtet den Handel seit Anfang 2019 genau und hat in diesem Zeitraum auch synthetisch hergestelltes Cannabis beschlagnahmt. Das bestätigt eine Sprecherin der Stadtpolizei. Das Drogeninformationszentrum Zürich (DIZ) hat im Jahr 2019 Warnungen auf der eigenen Website Saferparty.ch herausgegeben, weil deren Labore im Cannabis oder Haschisch synthetische Cannabinoide gefunden hatten. Auf Saferparty werden laufend Ergebnisse von Drogentests publiziert – die Stelle führt auch Drogentests durch.

Kommt dieses synthetische Cannabinoid nun also auch in die Schweiz? Oder sind die Zürcher Vorfälle und der Berner Befund nur Zufall? DIZ-Leiter Christian Kobel sagt, dass es noch zu früh sei, um dies definitiv zu sagen. Bisher seien wenige Proben eingegangen. Er warnt aber auch: «Synthetisches Gras ist wesentlich gefährlicher als natürliches.» Weiter sagt er: «Natürlich machen wir uns Sorgen aufgrund der aktuellen Geschehnisse.» Er wird auf der Website Saferparty.ch erneut eine Warnung veröffentlichen und auf den gefährlichen Inhaltsstoff und den Laborbefund aus Bern hinweisen.

Der Konsum von synthetischen Cannabinoiden kann zu schweren Vergiftungen führen.

Den beiden grossen Stadtzürcher Spitälern ist das Phänomen bisher nicht bekannt. Weder das Triemli noch das Unispital verzeichnete einen Anstieg von Fällen im Zusammenhang mit synthetischem Cannabinoid. Kobel erinnert zudem daran, dass synthetische Cannabinoide in den vergangenen Jahren in der Schweiz nicht Fuss fassen konnten. Natürliches Gras sei hier in guter Qualität erhältlich. Er weist aber darauf hin, dass man heute nicht mehr von sauberem Gras ausgehen könne. «Ein Test lohnt sich auf jeden Fall.»

Für die IG Hanf ist die Ausbreitung von verunreinigtem Gras nur möglich, weil sie auf dem Schwarzmarkt passiere. «Nur in einem regulierten Markt mit lizenzierten Fachgeschäften kann die Qualität der verkauften Produkte kontrolliert werden», sagt deren Sprecher Marco Kuhn.

Betroffene Zürcher Marihuana-Konsumenten haben sich nach dem Vorfall vom Gras abgewandt. Einige kündigten an, dass sie mit Rauchen aufhören würden. «Ich wünsche diese Erfahrung niemandem», schreibt einer.

Erstellt: 21.12.2019, 07:39 Uhr

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