«Hier geht es um die Lust am Spüren der eigenen Macht»

Warum baut jemand eine Rohrbomben-Attrappe für die Street Parade? Und was hat der Täter für ein Profil? Dazu Gerichtspsychiater und Gutachter Josef Sachs.

«Das Ganze erscheint als eher hilfloser Versuch, in der Welt etwas zu bewegen»: Psychologe Josef Sachs. Foto: PD

«Das Ganze erscheint als eher hilfloser Versuch, in der Welt etwas zu bewegen»: Psychologe Josef Sachs. Foto: PD

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Was bringt jemanden dazu, eine Rohrbomben-Attrappe zu bauen und sie an der Street Parade zu deponieren?
Es sind ganz verschiedene Motive denkbar. Jemand könnte grundsätzlich etwas gegen den Grossanlass haben und will ihn stören. Weil er oder sie sich belästigt fühlt von der dort feiernden Szene, in der viel Nacktheit vorkommt. Oder weil ihm das ganze zu laut, zu fröhlich, zu sündhaft ist.

Hat der Täter ein bestimmtes Profil?
Es geht hier nicht um einen speziellen Typ Mensch. Es können ganz verschiedene Leute sein. Der Bombenleger könnte mit seiner Tat auch versucht haben, den Verdacht auf jemanden zu lenken, den er hasst und den er so in ein schlechtes Licht rücken kann. Etwa Islamisten.

Laut der Polizei ist kein ideologischer Hintergrund für die Tat erkennbar.
Die Ermittlungen laufen, es geht hier lediglich um mögliche Motive. Was man nie ausschliessen kann: private Probleme, ein tiefer Hass gegen die Welt, weil sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Völlig enttäuscht und verhärmt will er oder sie das freudige Treiben an der Street Parade stoppen – weil es so gar nicht zur eigenen deprimierten Grundstimmung passt.

Was weiss man punkto Motiven von ähnlichen Fällen?
Denkbar wäre auch, dass jemand das Ganze aus Jux oder wegen des Thrills macht. Er verspürt eine kindliche Freude, dass er ein Fest lahmlegen und einen massiven Polizeieinsatz provozieren kann. Hier geht es um die Lust am Spüren der eigenen Macht. Sie erinnert an die Geschichte über den römischen Kaiser Nero, der angeblich die Stadt Rom in Brand steckte, dabei zugesehen und sich an der eigenen Macht erfreut haben soll. Aber auch Minderwertigkeitskomplexe könnten eine Rolle gespielt haben. Das Ganze erscheint ja als eher hilfloser Versuch, in der Welt etwas zu bewegen.

Und was ist mit psychischen Krankheiten?
Auch die können dazu beitragen, dass die Hemmschwelle sinkt und unterschwellige Motive verstärkt werden. Dies kann übrigens auch unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss passieren. Was in diesem Fall allerdings wenig wahrscheinlich scheint, weil die Bombenattrappe im Rucksack auf Vorbereitungshandlungen schliessen lässt.

Wie beurteilen Sie die Gefahr von Nachahmungstätern?
Diese treten meist in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Tat auf den Plan, ausser bei besonders spektakulären Attentaten, die eine Langzeitwirkung entfalten. Bei Grossanlässen muss man wohl immer mit solchen Vorfällen rechnen. Massnahmen wurden schon diverse getroffen, etwa mit Sperren gegen Lastwagen. Jetzt dürfte die Diskussion um Zutritts- und Rucksackkontrollen neu aufkommen.

Erstellt: 12.08.2019, 20:22 Uhr

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