Hier halten Kinder inne

Mal tanzt Schneewittchen, mal fährt ein Zügli, mal singen Vögel: Alle paar Monate kreiert Rolf Huber für das Bodenfenster seines Seebacher Hauses eine Installation.

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Ein warmer Sommermorgen in Seebach, kurz vor 10 Uhr. Eine Mutter hat sich eben aufs Bänkli der Busstation Buhnstrasse gesetzt, als ihr Sohnemann, ein fideler Dreikäsehoch, an ihrem Rock zu ziehen beginnt. Er tut dies so lang, bis sie aufsteht und mit ihm mitgeht. Nach wenigen Metern ist das Ziel erreicht, der Bub steht vor einem alten Haus und starrt auf die vergitterte Aussparung, in der sich ein mit Wasser und Gummienten gefüllter Waschzuber befindet, rechts des Behälters steht ein Sprungturm mit sitzendem Plastikfrosch. Die Mutter erklärt dem Filius auf Spanisch, dass er mit der kleinen Angel, die aus dem Gitter ragt, die Enten aufheben und dem Frosch zum Küssen vorsetzen könne.

Der Kleine versuchts, doch weil er feinmotorisch noch nicht der Geschickteste ist, plumpsen die Quacker Mal für Mal ins Wasser zurück – mit der Folge, dass sein Shirt feucht und feuchter wird und dass der Bus ein- und ohne die beiden wieder davonfährt. Die Mama quittiert es mit einem Lächeln, das kindliche Glück geht vor.

Der «Vögelimaa» und seine Voliere

Ein ähnliches Glück lugt wenig später auch aus den Augen von Rolf Huber, als er sich vom Journalisten das Vorkommnis schildern lässt. Und auch wenn er das so explizit nicht sagt, ist es zu spüren – solch niedliche Intermezzi sind sein «Lohn» für die langen Stunden, die er drei bis vier Monate in seiner nicht allzu geräumigen Kellerwerkstatt damit zubringt, für dieses «Kinderfenster für Gross und Klein» (wie er und seine Partnerin Catherine Rutherfoord ihr charmantes Projekt getauft haben) eine neue Installation zu kreieren.

2011 hat das Paar das rund 200 Jahre alte, unter Heimatschutz stehende Gebäude erworben, notabene nach langem Werweisen: «Der Zustand der Substanz präsentierte sich prekär, das Giebeldach war unbrauchbar geworden, der Garten völlig verwildert», erzählt Huber, der beruflich als Sozialpädagoge tätig ist. Doch weil Catherine eine erfahrene Architektin und Schreinerin sei und er als gelernter Feinmechaniker, der früher für den Nachwuchs Seifenkisten und Ähnliches konstruiert habe, handwerkliches Geschick besitze, hätten sie den Schritt gewagt. «Und dank der Unterstützung unserer vier erwachsenen Kinder haben wir in vernünftiger Zeit aus einer Beinahe-Ruine dieses kleine Paradies erschaffen.»

«Möglich wäre, dass durch die Öffnung früher Heizkohle ins Haus geschaufelt wurde.»Rolf Huber

Aus Gwunder hätten sie im Ortsmuseum die Geschichte des Hauses recherchieren wollen, aber nicht wirklich viel herausgefunden, erzählt der 62-Jährige. Man wisse nur, dass es einst ein Handwerkerhaus gewesen sei und dass in den 1970er-Jahren der sogenannte Vögelimaa hier gehaust habe; das war ein Mann namens Schürmeier, der im Garten eine Voliere gehabt habe, was vor allem die Seebacher Kinder auf dem Weg zur Schule fasziniert habe. Nicht zu klären vermochte man jedoch die Herkunft der erwähnten Aussparung in der Fassade. Huber: «Möglich wäre, dass durch diese Öffnung früher die Heizkohle ins Haus geschaufelt wurde ... allerdings sprechen die Kanonenöfen, die wir im Haus vorfanden, eher gegen diese Theorie.»

Da man damit nichts anzufangen wusste, wurde das rechteckige Loch erst einmal mit Brettern verbarrikadiert. Als es im Folgejahr zu herbsten begann und der Quartierverein Seebach Orte für den Adventsfenster-Brauch suchte, machte es «klick», und die beiden wussten, wie sie die ominöse Lücke nutzen würden. Die grösste Herausforderung sei danach das Finden des richtigen Gitters gewesen, sagt Huber, «es musste stabil sein, einen guten Durchblick ermöglichen und zum alten Haus passen.» Die Hürde wurde gemeistert, und so erfreute sich Seebach im Dezember 2012 an einem hübschen Adventsfenster aus dem Hause Rutherfoord/Huber.

Stammgast im Pusterla

Die richtige Premiere, wenn man so will, ging dann aber im Frühling 2013 über die mit 153 Zentimeter Länge, 80 Zentimeter Höhe und 50 Zentimeter Tiefe eher kleine Fensterbühne. Die Nachbarn hatten geheiratet und vom Fest schöne weisse Äste übrig, die sie entsorgen wollten. Als sie dieses Material gesehen hätten, sei plötzlich die Erinnerung an die Voliere wach geworden, erzählt Huber. Er fertigte eine Skizze an, machte sich auf die Pirsch nach künstlichen Vögeln, bastelte und tüftelte, was das Zeugs hielt, und eines Morgens war das Werk vollbracht – ein Vogelkäfig mit Bewegungsmelder, aus dem es fröhlich zwitscherte, wenn Passanten daran vorbeigingen.

Die originelle Idee sprach sich herum, das erste Frühlingsfenster an der Seebacherstrasse 107 wurde zum Hit bei Jung und Alt, ja, und da habe er natürlich nicht einfach wieder aufhören können, meint Huber ironisch seufzend. Um sogleich die Wahrheit nachzureichen, und die geht so, dass er ausserberuflich eine stattliche Menge Freizeit in Brockenhäusern und auf Flohmärkten zubringt, stets auf der Suche nach inspirierendem Krimskrams zwischen Kitsch und Kunst. Dass er im Pusterla im Kreis 4, diesem scheinbar grenzenlosen Schlaraffenland für Home-Elektroniker, quasi Stammgast geworden ist. Und dass seine Fundschätze, die ja irgendwo gelagert werden müssen, das Haus (wie auch seine Partnerin) bisweilen an die Grenzen bringen.

Fischli/Weiss und Swissminiatur

Vor allem aber, das will Catherine Rutherfoord betont haben, hätten Rolfs Installationen einen qualitativen Quantensprung gemacht: Längst ist die (notabene leise) musikalische Untermalung via MP3-Player zum Standard geworden, und die technische und künstlerische Raffinesse der Projekte sei so toll, dass sie nicht mehr nur Kinder entzücke und verblüffe. Fürwahr: Das Projekt «Kügelibahn» erinnert an hintersinnige Arbeiten des Künstlerduos Fischli/Weiss, die durch Seebacher Hausmodelle fahrende Eisenbahn gemahnt ans Swissminiatur in Melide, das mit Zwergen tanzende Schneewittchen an eine surreale Netflix-Serie.

Und ein Mangel an Einfällen und Geistesblitzen ist beim detailvernarrten Pröbler nicht auszumachen, im Gegenteil: Bereits fortgeschritten sind die Pläne für ein Kasperlitheater, noch im Entwicklungsstadium befinden sich die Ski fahrenden Enten, Fussball spielenden Schlümpfe oder poetische Windräder.

Wie in jedem guten Kleintheater werden aber auch im «Kinderfenster für Gross und Klein» ab und zu Reprisen gezeigt, sprich eine schon mal ausgestellte Installation wird ein paar Saisons später nochmals präsentiert.

Zeitgeistkritisches «Zen»

Was es sonst noch zu sagen gibt? Sicher dies: Catherine Rutherfoord ist als sogenannte «Erstbetrachterin» für den finalen optischen Schliff einer neuen Arbeit zuständig. Oder dies: Ein schräg vis-à-vis wohnender deutscher Nachbar amtet bisweilen als eine Art freiwilliger Wächter, «als sich mal ein paar Knaben auf eher destruktive Weise an einer Installation zu schaffen machten, hat er sie von seinem Fenster aus verbal ziemlich übel zusammengestaucht», bemerkt Huber lachend.

Und, ja natürlich dies: Durch die Inszenierung einer analogen Nostalgie wird dieses Fenster auch zur herrlich anachronistischen Innehaltestelle, zu einem zeitgeistkritischen «Zen»: Zuschauen, entspannen, nachdenken ... und dann ab zurück in den hektischen Strom des Alltags.

Sollten Leiter eines Horts, Kindergartens etc. Interesse daran haben, eine von Rolf Hubers Installationen temporär auszuleihen, können sie sich übers Mail mit ihm in Verbindung setzen.

Erstellt: 03.08.2018, 16:55 Uhr

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